ArchivDeutsches Ärzteblatt21/1996Immunvermittelte Polyneuropathien

MEDIZIN: Diskussion

Immunvermittelte Polyneuropathien

Claus, Detlef; Pfister, Robert; Scheglmann, Konrad

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Detlef Claus, Dr. med. Andrea Jaspert, Dr. med. Holger Grehl und Prof. Dr. med. Bernhard Neundörfer in Heft 6/1996
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LNSLNS Liquordiagnostik deutlicher betonen?

Bezüglich des Guillain-Barré-Syndroms (GBS) möchten wir den frühdiagnostischen Wert der dargestellten neurophysiologischen Methoden im Gegensatz zur Liquordiagnostik noch deutlicher betonen. In Lehrbüchern wird die Liquordiagnostik oft fälschlich noch immer an erster Stelle gesetzt. Die Liquorbefunde sind aber unspezifisch und in den ersten Krankheitstagen oft noch normal, während die Neurophysiologie (Neurographie, Reflexmessungen, motorisch und somatosensorisch evozierte Potentiale) zu diesem Zeitpunkt bereits die charakteristischen proximalen oder multisegmentalen Leitungsblocks nachweist und damit die Diagnose sichert. Der Liquorbefund einer Eiweißerhöhung ohne Zellzahlvermehrung kann zum Beispiel auch bei einer spinalen Raumforderung im Bereich der Cauda equina gefunden werden und so bei Paresen nur der unteren Extremitäten zu diagnostischen Fehlschlüssen führen. Wir selbst stellen nicht selten die Diagnose eines GBS rasch und sicher allein aufgrund charakteristischer klinischer und neurophysiologischer Befunde bei noch normalem Liquor. Dies erlaubt in schweren Fällen den unverzüglichen Beginn der Plasmapherese oder Immunglobulintherapie. Die differenzierte neurophysiologische Diagnostik ist der wesentliche apparative Schritt zur Diagnosesicherung des GBS, dem Liquorbefund kommt lediglich die Bedeutung zu, andere Radikulopathien (Neuroborreliose, Meningeosis paraneoplastica) auszuschließen, die mit einer Liquorzellerhöhung einhergehen.


Dr. med. Robert Pfister
Neurologische Klinik
Zentralklinikum
Postfach 10 19 20
86009 Augsburg


Bedarf einer Ergänzung


Es ist sicher richtig, daß motorische Ausfälle bei dieser Krankheitsgruppe sowohl klinisch als auch neurophysiologisch dominieren, doch sensible Symptome sind ebenfalls häufig und sollten deshalb in die neurophysiologische Diagnostik einbezogen werden: Bei akutem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) werden bis zu 72 Prozent sensible Störungen berichtet, vereinzelt werden rein sensible Manifestationen beschrieben (1); bei der chronischen inflammatorischen demyelinisierenden Polyneuritis (CIDP) notiert Parry (2) immerhin 9 Prozent vorwiegend sensible Manifestationen, 31 Prozent sensomotorische Manifestationen und nur 57 Prozent als vorwiegend motorische Manifestationen. Die sensiblen Funktionsstörungen sind aber neurophysiologisch durch die somatosensorisch evozierten Potentiale (SEP) zu erfassen. Leider gehen die Autoren in ihrem Artikel kaum auf diesen wichtigen Aspekt neurophysiologischer Diagnostik der Immunneuropathien ein.
Nach unseren Erfahrungen (3) ist die SEP-Diagnostik bezüglich der gesamten Krankheitsgruppe der Immunneuropathien zwar weniger empfindlich als die motorische Neurographie (respektive motorisch evozierte Potentiale – MEP), aber bei vorwiegend sensibler Manifestation ist gerade die SEP-Untersuchung die ergiebigere neurophysiologische Untersuchung zum Nachweis der häufig proximal lokalisierten Demyelinisierung. Selbst bei der Multifokalen Motorischen Neuropathie mit Leitungsblock konnten wir bei unseren drei Patienten immerhin bei drei von sechs Messungen pathologische SEP-Befunde nachweisen (jeweils Medianus- und Tibialis-SEP). Wir empfehlen ebenso wie die Autoren den Einsatz der motorischen Neurographie/MEP. Die Diagnostik sollte aber in jedem Fall durch die SEP ergänzt werden.


Dr. med. Konrad Scheglmann
Neurologische Klinik und klinische Neurophysiologie
Zentralklinikum Augsburg
Postfach 10 19 20
86009 Augsburg


Literatur
1. Wiethölter H: In Brandt, Dichgans, Diener (Hrsg.): Therapie und Verlauf neurologischer Erkrankungen. 2. Auflage Kohlhammer 1993
2. Parry GJ : Guillain Barré-Syndrom. Thieme Medical Publisher 1993
3. Scheglmann K, Pfister R: Motorisch und somatosensorisch evozierte Potentiale in der Diagnostik der Immunneuropathien. EEG-EMG 1996; 27: 40–46


Schlußwort


Die beiden Leserbriefe bilden eine wertvolle Ergänzung zu unserem Beitrag und vertiefen einige Punkte, denen die Autoren unumschränkt zustimmen. Es steht außer Zweifel, daß eine neurophysiologische Untersuchung bei immunvermittelten Polyneuropathien auch die sensible Nervenfunktion erfassen soll. Wie wir in einer früheren Untersuchung zeigen konnten, wirkt sich dabei allerdings die mit zunehmender Leitungsstrecke geringer werdende Potentialamplitude nachteilig aus (1). Wegen dieses Phänomens ist es schwer, mit sensiblen Leitungsuntersuchungen einen segmentalen Block zu diagnostizieren.


Literatur
1. Kimura J, Sakimura Y, Machida M, Fuchigami Y, Ishida, T, Claus D, Kaeyama S, Nakazumi Y, Wang J, Yamada T: Effect of desynchronized inputs on compound sensory and muscle action potentials. Muscle & Nerve 1988; 11: 694–702
Für die Verfasser:
Prof Dr. med. Detlef Claus
Neurologische Universitätsklinik
Schwabachanlage 6
91054 Erlangen

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