SCHLUSSPUNKT

Schach: Häddidädiwäri

Dtsch Arztebl 2014; 111(51-52): [48]

Pfleger, Helmut

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Dr. med. Franz-Jürgen Schell sagte mir in diesem Jahr in Bad Neuenahr: „Das ist ein eigenartiges Turnier – immer wenn ich „Philidor“ (das ist eine Verteidigung mit den Anfangszügen 1.e4 e5 2.Sf3 d6, die auf den französischen Komponisten und größten Schachmeister des 18. Jahrhunderts, André Danican Philidor, zurückgeht) spiele, egal ob mit Weiß oder Schwarz, gewinne ich, sonst habe ich keine Chance.“ Nach seinem Ergebnis zu urteilen, muss er diese eigentlich selten vorkommende Eröffnung ziemlich häufig gespielt haben; nicht auszudenken, wenn seine Gegner sich nichtsahnend noch öfter auf den eigentlich als harmlos geltenden „Philidor“ eingelassen hätten.

Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Womit wir schon beim unvorhersehbaren Zufall, aber auch der ausgelassenen Möglichkeiten wären. Als Kinder sagten wir gern: „Wenn das Wörtlein ,wennʻ nicht wär’, wär’ mein Vater Millionär.“ Später dürften viele von Ihnen sich im Lateinunterricht mit den mit „Utinam“ beginnenden Sätzen herumgequält haben, in Bayern heißt es: „Häddidädiwäri“, für Restdeutschland „Hätte ich, täte ich, wäre ich“.

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Wohl wissen wir, und Schachspieler insbesondere, dass es fast immer unfruchtbar und gelegentlich sogar selbstzerstörerisch ist, ausgelassene Möglichkeiten wiederzukäuen, doch wer hätte es noch nicht getan?! So ist mir immer noch nur allzu gegenwärtig, wie ich bei der Mannschaftsweltmeisterschaft 1985 in Luzern gegen den Argentinier Miguel Quinteros gerade das zweite Schachgebot einer simplen vierzügigen Mattkombination gab und er mich auf meine Zeitüberschreitung hinwies – da bricht alles in einem zusammen. Um vom „Königlichen Spiel“ auf „König Fußball“ zu kommen, ähnlich schaute Oliver Kahn drein, als beim Champions-League-Endspiel der sicher geglaubte Sieg seines FC Bayern München durch zwei Gegentore von Manchester United in den letzten zwei Minuten noch in eine Niederlage verwandelt wurde.

Nochmal ein Schwenk zurück zum Ärzteturnier. Dr. med. Reiner van der Valk „entwendet“ in der Hitze des Gefechts in hochgradiger, beiderseitiger Zeitnot seinem Gegner Dr. med. Christian le Coutre dessen König. Beide spielen – zum Gaudium der sich ums Brett scharenden Kiebitze – weiter, ohne den Königsverlust zu bemerken, bis schließlich Dr. van der Valk die Zeit überschreitet und sich die beiden Kampfhähne salomonisch auf remis einigen. Doch wie wäre die Partie ohne den „Königsraub“ ausgegangen? Das wissen nur die Götter.

Zum Abschluss noch eine typische „Wenn-Stellung“.

Mit welchem „Riesenzug“ hätte Dr. med. Günter Menge als Weißer gegen seinen vor Schreck erstarrten Gegner sofort gewinnen können, worauf ihn dieser hinterher aufmerksam machte? Tja, wenn er es gesehen hätte!

Lösung:

Nach 1. Sd5! hätte sowohl 2. Sxe7 matt als auch Damengewinn mit 2. Dxa5 gedroht. Da Schwarz nicht beide Drohungen gleichzeitig abwehren kann, hätte er die Dame verloren – ein typischer Fall von häddidädiwäri!

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Schlußpunkt
am Dienstag, 30. Dezember 2014, 15:04

Wenn der Schreck nachlässt,

ist oft noch eine Verteidigung zu finden. So auch hier: 1. Sd5, Lc3 ! Ein Zug der beide Drohungen gleichzeitig abwehrt, aber natürlich nicht mehr das Spiel rettet.

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