ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2014Gemeinsames Bekenntnis der Kammern: Helfen, aber nicht töten

SEITE EINS

Gemeinsames Bekenntnis der Kammern: Helfen, aber nicht töten

Dtsch Arztebl 2014; 111(51-52): A-2247 / B-1895 / C-1815

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Es ist ein deutliches und möglicherweise längst überfälliges Bekenntnis: Die Präsidenten und Vertreter aller Lan­des­ärz­te­kam­mern stellten am 12. Dezember in Berlin gemeinsam und geschlossen vor der Öffentlichkeit klar, dass die Tötung von Patienten – auch wenn sie auf deren Verlangen erfolgen würde – sowie die Beihilfe zum Suizid nicht zu den Aufgaben eines Arztes gehören.

Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redakteurin
Eva Richter-Kuhlmann, Politische Redakteurin

„Nil nocere“ – auf dieses traditionelle ärztliche Selbstverständnis könnten sich Patienten auch angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatte über eine mögliche gesetzliche Regelung der ärztlich assistierten Suizidbeihilfe verlassen, betonten die 17 Kammerpräsidenten. Sämtliche Berufsordnungen der Lan­des­ärz­te­kam­mern formulierten einheitlich und bundesweit, dass es die Aufgabe von Ärzten sei, „das Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen, Leiden zu lindern und Sterbenden Beistand zu leisten“. „Von einem landesrechtlichen Flickenteppich kann keine Rede sein“, erklärte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Ärztekammer Hamburg, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery.

Anzeige

Auch wenn es noch nie ein gleichzeitiges Pressestatement von allen 17 Kammerpräsidenten gab und dies zunächst fremd anmutete: Es gelang ihnen durch ihr gemeinsames Auftreten, Vermutungen über angebliche Uneinigkeit und rechtliche Unsicherheiten entgegenzutreten. Länderspezifische Unterschiede bei der Formulierung der (Muster-)Berufsordnung reflektierten lediglich eine föderale Umsetzung in den einzelnen Kammern, nicht eine unterschiedliche Haltung, betonten sie. „Diese ist ebenso einheitlich wie eindeutig.“

Die Kammerpräsidenten stellten einen weiteren Punkt klar, der in der gegenwärtigen Debatte häufig im Zusammenhang mit dem Schlagwort „Qualtod“ verwaschen diskutiert wird: „Ärzte können und sollen Hilfe beim Sterben leisten, aber nicht zum Sterben“, erläuterten sie. Montgomery wies dazu auf die Grundsätze der Bundes­ärzte­kammer zur ärztlichen Sterbebegleitung hin. Dort stehe, dass die ärztliche Verpflichtung zur Lebenserhaltung nicht unter allen Umständen bestehe. „Es gibt Situationen, in denen sonst angemessene Diagnostik und Therapieverfahren nicht mehr angezeigt und Begrenzungen geboten sind“, heißt es. Dann trete eine palliativmedizinische Versorgung eines Patienten in den Vordergrund, die das Sterben ermögliche – sofern dies seinem Willen entspricht. Dies schließe auch die Gabe von sedierenden Medikamenten ein. „Kollegen, die in einer palliativen Absicht handeln, haben in keiner Lan­des­ärz­te­kam­mer Sanktionen zu befürchten“, stellte Montgomery klar.

Nach seiner Aussage wünscht sich die Ärzteschaft deshalb von der Politik im nächsten Jahr lediglich ein Verbot jeder Form der organisierten Beihilfe zum Suizid. Weitere straf- oder zivilrechtliche Änderungen seien nicht nötig. Und in der Tat: Die letzte Instanz wird immer das ärztliche Gewissen sein.

Eva Richter-Kuhlmann
Politische Redakteurin

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 26. Dezember 2014, 18:56

Sterbehilfe von selbsternannten "Herren über Leben und Tod"?

Nachdem die Abgeordneten (MdB) im Deutschen Bundestag (DBT) die Möglichkeit genutzt haben, ohne "ethisches Zwangsdiktat" i n h a l t l i c h und nicht unter ausschließlich juristischen Gesichtspunkten auf die moralisch-ethischen Dimensionen, die Gratwanderungen zwischen "Tötung auf Verlangen" (§216 StGB), aktiver und passiver Sterbehilfe bzw. ärztlich assistiertem Suizid, aber auch kommerziell und/oder privat organisierter Sterbehilfe mit Worten, Denken, Fühlen, Wollen und Meinungen einzugehen, haben die Landes-Ärztekammern und die Bundesärztekammer ein gemeinsames Bekenntnis abgelegt: "Helfen, aber nicht töten." Über die verschiedenen Formulierungen der demokratisch legitimierten und föderalen Vielfalt hinweg, wurde ein Konsens auch o h n e "bioethischen Hochdiskurs" oder die verfassungsrechtlich diffizile Güterabwägung zwischen Fremd-, Selbstbestimmung bzw. verfasster Autonomie erreicht. Von einem "Zwangsdiktat" konnte keine Rede sein, es ging eher um die Reflexion der eigenen, professionellen Lebens- und Grenzerfahrungen mit dem Sterben und den Sterbenden.

In Klinik und Praxis erleben Ärztinnen und Ärzte, aber auch deren Standesvertreter, ganz im Gegensatz zu juristisch motivierten Bedenkenträgern oder selbsternannten Heilsbringern in vielen Fachbereichen täglich Menschen, die nicht mehr leben wollen und können, die sich selbst (und manchmal auch anderen) den Tod wünschen, die sich selbst aufgeben haben. Wir können und dürfen diese per vordergründiges Selbstbestimmungsrecht nicht einfach in den Tod schicken, weil diese Menschen erst einmal ernst genommen eher froh und glücklich sind, wenn wir ihnen therapeutisch helfen und sie begleiten können. Sie sind erleichtert darüber, dass wir offen über palliative Maßnahmen und Möglichkeiten sprechen. Das widerspricht wohl einseitig verstandenem, ultimativem ad hoc Selbstbestimmungsrecht und pseudo-juristischen Argumenten bis hin zum "Doctor Death" auf entsprechender "Honorarbasis"?

Das wie auch immer geartete "Geschäft" mit der organisierten Sterbehilfe, aber auch das private "Helfer-Syndrom" z. B. eines selbsternannten "Sterbehelfers" Peter Puppe im Beitrag von "Report Mainz" am 14. Januar 2014 ("wenn Sie wüssten, was ich alles studiert habe...nach 8 Jahren täglichem, vielfältigem Eigenstudium"); oder das des bundesweit reisenden urologischen Kollegen Uwe-Christian Arnold mit seiner ärztlichen Sterbehilfe-Tätigkeit sind keineswegs ausschließlich altruistisch-selbstaufopfernd sondern immer auch ein Stück weit überheblich-selbstüberschätzend und von Eigeninteresse geleitet. Die Kommerzialisierung schreitet unerbittlich voran:

"Organisierte Hilfe zum Suizid
Organisationen: Dignitas Deutschland („Dignitate“), Sterbehilfe Deutschland (Dr. Roger Kusch),Uwe Christian Arnold, Peter Puppe sowie mindestens elf weitere, anonym arbeitende Vereinigungen.
Geleistete Suizidhilfe: Rund 700 Fälle von assistierten Suiziden sind seit Mitte der 90er Jahre dokumentiert. Mehr als 200 werden dem Urologen Dr. Uwe Christian Arnold zugeschrieben.
Preise: Dignitas Deutschland (Aufnahmegebühr 120 Euro; Monatsbeitrag 20 Euro); Sterbehilfe Deutschland (ärztliche Begutachtung 1500 Euro, Mitgliedschaften zwischen 2000 und 7000 Euro oder Jahresbeiträge von 200 Euro)." [Quelle: Deutscher Ethikrat] Vgl.
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/sterbehilfe_begleitung/article/874728/assistierter-suizid-kein-neues-gesetz-waere-besser-schlechtes.html
In dem man vorgibt, alleine zu wissen, was für Sterbende gut und richtig ist, dass die eigentlich medizinischen Palliativ-Experten ignorant, verleugnend und unwissend seien, setzt man sich über das Selbstbestimmungsrecht faktisch hinweg . Alle vorherigen ärztlichen Bemühungen führt man damit ad absurdum. Bei verzweifelt terminal Kranken ohne Familienangehörige könnte man dann relativ unkontrolliert auch zum eigenen Vorteil verfahren.

Sterbewille, Des-Lebens-Überdrüssig-Sein und Suizidbeihilfe müssen i n h a l t l i c h diskutiert werden. In der gesellschaftspolitischen Diskussion um zahlreiche Varianten organisierter, gemeinnütziger, aktiver, passiver, geduldeter oder unterlassener Sterbehilfe sind ärztlich begründete Positionen gegenüber der Mehrheit widerstreitender rechtspolitischer oder populistischer Expertisen unterrepräsentiert. Soll denn jedem/r, der glaubt, einem Sterbenden persönlich, sozial oder familiär nahe zu stehen, auf persönlichen Zuruf des Sterbenden, "ich kann nicht mehr", "ich will nicht mehr leben", "lasst mich doch sterben" oder "es soll ein Ende haben" erlaubt sein, dem Todgeweihten den Schierlingsbecher zu reichen oder gar das Kopfkissen aufs Gesicht zu drücken? Sind das wirklich immer uneigennützige Helfersyndrome, die sich in verschiedensten Spielarten der Sterbe-Hilfe verwirklichen wollen?

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen bzw. ich selbst haben unsere professionelle, humanmedizinische Sozialisation und kulturelle Reflexionsfähigkeit im Gegensatz zu Juristen, Soziologen und Politologen in Studium, Klinik, und Praxis über die Interaktionen mit unseren Patienten erworben. Deshalb sollten uns Juristen, Parteipolitiker, widerstreitende Regierungsmitglieder jedweder Couleur, während wir schwerpunktmäßig noch mit Anamnese, Untersuchung, Differenzialdiagnostik, mehrdimensionaler Therapie, Palliation und Prävention beschäftigt sind, nicht zwingen, gleichzeitig darüber nachzudenken, wann und wie wir unsere todkranken Patienten aus ärztlicher Sicht am besten um die Ecke bringen könnten.

Es ist typisches Merkmal juristischer und gesellschaftspolitischer Kontemplation bzw. abwägender Erörterung in Legislative, Judikative und Exekutive ad hoc Entscheidungen zu vermeiden bzw. den tatsächlichen Taten Dritter ex post Beurteilungen folgen zu lassen. Damit wird konflikthaftes Erleben der Sterblichkeit, Ambivalenz und tätiges Entscheiden externalisiert: Der (fremde) Arzt soll mit ärztlich assistiertem Suizid oder aktiver Sterbehilfe auf eigene Verantwortung tätig werden. Während Betroffene, Angehörige, dritte Personen oder Juristen, die auch aktive Suizidbeihilfe leisten könnten, ihr dann möglicherweise schuldhaft erlebtes, aktives Handeln nicht selbst reflektieren und seelisch oder juristisch aufarbeiten müssen?

Vermeidungsstrategie und Angstabwehr sind weit verbreitet, wenn es ums Sterben geht. Nach Autonomie, Bewusstheit und Eigenverantwortung zu streben heißt, sich aktiv mit Sterben, Tod, und Vergänglichkeit auseinanderzusetzen, um seinen letzten Willen zu formulieren. Der Fangschuss, der Gnadentod, die Erlösungspflicht von unzumutbarem Leiden oder Behinderung bzw. "Eu-Thanatos" sind der Bewusstheit, der Erlebenswelt, dem Tötungs- bzw. Willkürverbot der "Conditio humana" wesensfremd.

Von uns Ärztinnen und Ärzten statt Heilung, Linderung und Palliation als zusätzliche Tätigkeitsmerkmale verpflichtend aktives Beschleunigen und Eingreifen in den Sterbevorgang bei (prä)finalen Patienten zu erwarten, ist abwegig. Niemand verlangt von Feuerwehrleuten mit ihrem internationalen Motto: "Retten – Bergen – Löschen – Schützen", Brand- oder Unfallopfer mit infauster Prognose einfach liegen und sterben zu lassen bzw. ihr Leiden aktiv zu verkürzen. Unser ärztliches Motto kann nur sein: "Helfen, Heilen, Lindern, Schützen … und Loslassen"!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler FAfAM Dortmund
Avatar #87252
advokatus diaboli
am Montag, 22. Dezember 2014, 19:00

"Wer es glaubt, wird selig"

Mit Verlaub: Es gehört schon einige Phantasie dazu, von einer einheitlichen Linie der Kammern auszugehen. Dem ist mitnichten so, wie sich jüngst u.a. aus der geänderten Berufsordnung im Kammerbezirk Berlin ablesen lässt.

Überdies ist der grammatikalische Wortlaut der berufsrechtlichen Regelungen eindeutig und es wird der BÄK nicht gelingen, über eine "gemeinsame" (??) Pressekonferenz den ethischen Flickenteppich schön zu reden.

Immerhin dürfte nun der parlamentarische Gesetzgeber endgültig zur Einsicht gelangt sein, dass er allein dazu in der Lage (aber letztlich auch in der Pflicht!) ist, für eine einheitliche Regelung auch im ärztlichen Berufsrecht Sorge zu tragen, nachdem die BÄK beharrlich sich weigert, eine verfassungskonforme Regelung auf den Weg zu bringen, die nicht zuletzt auch den Grundrechtsbelangen ihrer Kolleginnen und Kollegen gerecht wird.

Lutz Barth

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema