ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2014Erfahrungsbericht: Katastrophe Krankenhaus

THEMEN DER ZEIT

Erfahrungsbericht: Katastrophe Krankenhaus

Dtsch Arztebl 2014; 111(51-52): A-2268 / B-1910 / C-1830

Bliemeister, Herbert

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Die Erlebnisse eines Honorararztes in einem chronisch kranken System – subjektiv verdichtet zu einem typischen Tagesablauf

Röntgenbesprechung Montag kurz vor sieben: Die digitalen Ziffern der Atomuhr sind an die Wand gebeamt. Um 07:00:00 stoppt der Countdown. Es wird dunkel. Die Bildfolgen eines nativen Schädel-CT erscheinen, vom Radiologen im knappstem Telegrammstil befundet. Auf hartem Gestühl, reihenweise zur Wand hin ausgerichtet, sitzen circa 20 Ärztinnen und Ärzte. Die erste Reihe gehört den Chef- und Oberärzten. Jeder Eintreffende begrüßt sie nacheinander mit Handschlag. Dispensiert von diesem Ritual sind nur Erkältete und Zuspätkommer. Hastig schließen sie die Tür zum neongrellen Gang und huschen geduckt zu freien Stühlen. Chronologisch dokumentieren endlose Bilder, was in Ambulanz und Klinik von Freitagmittag bis gerade eben geröntgt wurde. Die frühe Stunde, das Dunkel des überheizten Raumes, mein schlapper Blutdruck, die Monotonie des Vortrags und die rasche Bildfolge erlauben mir nicht, die Befunde der neuen Patienten auf meiner Station zu erfassen. Zur Besprechung hatte ich die aktuelle Belegungsliste ausgedruckt. Sie bleibt wie immer lückenhaft. Endlich sind alle Bilder gezeigt. Die Wand wird himmelblau.

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Jeder wird aufgenommen

Alle blinzeln, das Neonlicht flammt auf. Der Radiologe verlässt grüßend den Raum, die Chefärzte machen mit ihren Stühlen Front zu den Ärzten: Nun tragen die Kollegen vor, die am Wochenende Dienst hatten. Eine Dienstanweisung lautet: Jeder, der die Ambulanz aufsucht, wird aufgenommen. Grund dafür ist pure Ökonomie: Die Klinik will ihren Umsatz steigern.

Die Kollegen spulen nun die schier endlose Prozession der Patienten noch monotoner und komprimierter ab als der Radiologe: Alter, Name, Diagnose, Station, gegebenenfalls Verlegung nach ... Nächster. Weit wortreicher wird ein altes Übel neu vorgetragen: Wer ist eigentlich wofür zuständig. Die Kooperation in der Ambulanz ist notorisch miserabel. Grundsätzlich klebt alle Arbeit am Internisten. Schließt der eine Erkrankung auf seinem Fachgebiet aus und ruft einen Chirurgen, Neurologen oder Psychiater dazu, wollen diese Kollegen vorab die präzise Diagnose ihres Fachgebiets hören. Dass sie gerufen werden, um eben diese selber zu stellen, sehen sie selten ein. Also erklären sie sich gar zu gerne für „nicht zuständig“.

Röntgenbesprechung Montag kurz vor sieben. Auf hartem Gestühl, reihenweise zur Wand hin ausgerichtet, sitzen die Ärztinnen und Ärzte.
Röntgenbesprechung Montag kurz vor sieben. Auf hartem Gestühl, reihenweise zur Wand hin ausgerichtet, sitzen die Ärztinnen und Ärzte.

Fast immer läuft das so bei Volltrunkenen: Allenfalls näht der Chirurg noch schnell eine Platzwunde, bevor er dem Internisten alles Weitere überlässt. Während Hilfesuchende die Ambulanz fluten, muss der noch Absagen vom Neurologen und Psychiater hinnehmen, ehe er den schreienden, tobenden und oft wütend um sich Schlagenden gegen den Protest der Nachtschwester stationär aufnimmt. Den Rest der Nacht verfolgen ihn dann die Anrufe der Schwester, die den Berserker nicht bändigen kann. So wieder geschehen diesen Sonntag zur morgendlichen blauen Stunde. „Ja, das muss ich bei der nächsten Leitungskonferenz regeln“, erklärt sonor der Chefarzt. Der Honorarkollege neben mir, seit Jahren regelmäßig im Hause, knufft mich feixend: „Das höre ich schon seit zwei Jahren. Das ändert sich nie. Deshalb schiebe ich hier keine Dienste. Für dieses Organisationschaos halte ich meinen Kopf nicht hin.“ Ich nicke – es ist in allen Kliniken dasselbe.

Endlich erreicht der dienstliche Rapport die aktuell in der Ambulanz Wartenden. Der Tagdienst wird sie versorgen. Doch der ist nicht zum Dienst erschienen: Kind krank. „Ein Stationsarzt übernimmt die Ambulanz, seine Arbeit macht der Stationskollege“, erklärt der Chefarzt. Jeder weiß: Er verschiebt das Chaos von der Ambulanz auf die Station. Egal, geht nicht anders. Während der Mangel noch rationiert wird, beamt einer die Liste der heutigen Neuaufnahmen an die Wand. Es sind 19 Patienten einbestellt. Alle Betten sind belegt, entlassen wird keiner. Zuständig für diese Liste ist: niemand. Was tun?

Zum Sterben in die Klinik

Mathematisch werden die Zugänge den Stationen zugeteilt. Hauptsache, Ordnung im Chaos. Heute ist Montag und deshalb immer noch nicht Schluss: Drei Kollegen sitzen in Zivil da. Alles Honorarärzte, die diese Woche anfangen. Neben den Chef- und Oberärzten beschäftigt das Haus acht Assistenzärzte, daneben sorgen ständig sechs bis zwölf Honorarärzte für einen reibungsfreien Betriebsablauf. Der Chefarzt bittet die neuen Kollegen, sich rasch vorzustellen: Sie stammen aus Albanien, Rumänien und der Ukraine. Alle besitzen die deutsche Approbation. Über der Klinik sollte die Europafahne wehen. Die Neuen werden eingeteilt, dann leert sich der Raum. Das wird auch Zeit. Genervt hatten die Chirurgen bereits mehrfach an die Tür gedonnert. Vor 15 Minuten sollte ihre Besprechung bereits beginnen.

Ich folge den gefliesten Gängen zur allgemeinen Inneren Station. Idealerweise betreuen dort drei Ärzte 35 Betten. Heute muss einer zusätzlich die Ambulanz versorgen. Das bedeutet für alle Betroffenen Multitasking. Genau das üben die Schwestern auf Station bereits. Seit letzter Woche müssen sie acht Schwerstpflegefälle zwischen 86 und 94 Jahren versorgen. Sechs wurden von Pflegeheimen zum Sterben in die Klinik verlegt. Ihre notariell beglaubigte Patientenverfügung lehnt jede lebensverlängernde Maßnahme ab. Sie in gewohnter Umgebung sterben zu lassen, kostet das Heim Aufwand und Mühe. Heime sparen an beidem. Also werden Betroffene gegen ihren und den Willen der Angehörigen in die Klinik ausgelagert. Immer findet sich ein Arzt, der die Einweisung ausschreibt. Alternativ wird notfallmäßig verlegt: Man könne die Verantwortung nicht weiter übernehmen.

Diese ebenso häufige wie inhumane Praxis kann keine Klinik personell kompensieren. Durch strengsten Sparkurs der Verwaltung, ohnehin beständig in Unterzahl, katapultiert das aktuelle Chaos die Schwestern weit über ihre Belastungsgrenze hinaus. Am brusthohen Tresen, der ihren Arbeitsbereich abschirmt, quetscht sich eine dichte Traube von Menschen. Alle wollen dasselbe: sofortige und bitte recht zuvorkommende Bedienung. Jedes Wochenende werden regelmäßig bis zu dreißig Patienten notfallmäßig aufgenommen. Viele fühlen sich, kaum im Klinikbett, nahezu geheilt. Montags warten dann die Krankenakten derer, die sich bereits selbst entlassen haben, auf bürokratische Verdauung.

Manche wollen lieber vom Arzt persönlich entlassen werden. Der soll aber bitte sofort kommen, schließlich hat man schon länger auf ihn warten müssen. Deshalb fehlt jedes Verständnis, wenn der Entlassungsbrief nicht sofort zur Hand ist, oder gar noch Diagnostik betrieben werden soll. Auch mit großem Geschick lässt sich bei solcher Anspruchshaltung Streit nicht immer umgehen.

Ein solcher Patient ist Herr P.: Er war Sonntag früh als Notfall mit unerträglichen Bauchschmerzen gekommen. Inzwischen fühlt er sich gesund. Er will umgehend den Arzt sprechen, der ihn schnellstens entlassen soll. Weitere vier bilden die Vorhut der Neuaufnahmen. Sie möchten, dass ihre Untersuchungen heute noch beginnen. Deshalb sind sie extra früh gekommen. Hektisches Gedränge zur Aufnahme hatten sie nicht erwartet. Ihre Verwandten, die das Gepäck schleppen, auch nicht. Vom Arzt wollen sie schon mal Details über die geplante Diagnostik wissen. Und vor allem, wann Mutti/Vati/Oma/Opa wieder entlassen wird.

Gut, dass jede Woche nur einen Montag hat, denke ich und gehe hinter den Tresen. Während die Davorstehenden mich schmaläugig mustern, bitte ich sie, ins Zimmer zu gehen oder sich auf das nahe stehende Sofa zu setzen. Unter Protest leert sich der Tresen. Jetzt können die Schwestern ungestört arbeiten.

Quietschbunter Jogginganzug

Notfälle melden sie heute nicht, also kann ich vordringlich Platz für die Zugänge schaffen. Ich suche mir die Befunde von Herrn P. hervor. Der arbeitslose Hartz-IV-Empfänger liegt im Einzelzimmer. Dort finde ich den dickleibigen Mittzwanziger im quietschbunten Jogginganzug beim Multitasking auf dem Bett vor: Während die Arztserie im Frühprogramm flimmert, fingert er am Handy. Ein Zweites liegt griffbereit. Auf dem Nachttisch stapeln sich Chips und Schokolade, wohl aus dem Klinikshop. Die Begrüßung beweist Vollkasko-Mentalität. Den Blick starr zum Fernseher gerichtet, mault er : Wieso ich denn jetzt erst käme, das ganze Wochenende sei gerade mal „jemand“ zur Visite erschienen. Aber da habe er fest geschlafen. Er sei schließlich müde vom Durchfeiern gewesen. Davon habe er Hunger bekommen. Gegen 3 Uhr dann: Döner am Bahnhof. Der sei ihm nicht wirklich bekommen, sicher Lebensmittelvergiftung: Erbrechen, Bauchschmerzen, aber wie! Lieber gleich ab in die Klinik, hätten die Kumpels auch gemeint. Hätte er gewusst, dass sich hier keiner kümmert: „Nicht mal zu essen habt ihr was Vernünftiges! Wann kann ich jetzt endlich gehen?“ – „Gegen ärztlichen Rat jederzeit,“ erkläre ich, „hier ist kein Gefängnis. Aber sind Sie nicht mit unerträglichen Schmerzen gekommen? Die sind bislang nicht abgeklärt. Im Röntgen sieht man zwar keine freie Luft im Bauch, aber bislang weiß keiner, wie krank oder gesund Sie sind.“ Solche Sorgen plagen ihn nicht: „Ich merke doch, ob ich gesund bin oder nicht“, höre ich. Ungelenk unterschreibt er die Erklärung, dass er die Klinik gegen ärztlichen Rat verlässt. Wortlos stopft er seine Sachen in Plastiktüten und verschwindet. Die Tür bleibt offen.

Am brusthohen Tresen, der ihren Arbeitsbereich abschirmt, quetscht sich eine dichte Traube von Menschen. Alle wollen dasselbe: sofortige und bitte recht zuvorkommende Bedienung.
Am brusthohen Tresen, der ihren Arbeitsbereich abschirmt, quetscht sich eine dichte Traube von Menschen. Alle wollen dasselbe: sofortige und bitte recht zuvorkommende Bedienung.

Nicht denken, funktionieren

Seinen Fall werde ich später zeitaufwendig bürokratisch bearbeiten müssen. Jetzt melde ich den Schwestern das freie Zimmer und erfahre, dass wir sofort einen 92-Jährigen von der Psychiatrie übernehmen sollen. Das hat der Oberarzt gerade telefonisch angeordnet. Der demente Mann soll Lungenentzündung haben. Die behandelt man mit Tabletten. Das kann man in der Abteilung angeblich nicht. Ist das zu verstehen? Ich soll hier aber nicht denken, sondern funktionieren. Vielleicht kann Kaffee meinen Ärger besänftigen. Eben stehe ich in der Küche, da höre ich ein Bett über den Flur rumpeln: Der Zugang ist da. Das ging ja flott. Kurz danach hastet Schwester Nadine in die Küche. Blass flüstert sie: „Herr Doktor, sehen Sie bitte schnell nach dem Zugang.“ Ich stelle die Tasse ab, und folge ihr zum Patienten. Der bläulich marmorierte 92-Jährige ist unverkennbar verstorben. Ich kann es nicht fassen. Die Schwestern, die den Toten verlegt hatten, sind verschwunden. Ich rufe empört den zuständigen Psychiater an. Der erscheint, kann aber nicht erklären, wie so etwas möglich ist. „Viel los heute“, murmelt er und verspricht, den Toten abholen zu lassen und dessen Angehörige zu informieren. Dann rücken die Psychiatrie-Schwestern wieder an. Nadine kennt beide als erfahren und zuverlässig. Ihr bleibt dieser Vorfall völlig rätselhaft.

Sie begreift ihn als bedauerlichen Ausrutscher, nicht als Symptom. Das dahinter wirkende System erkennt sie nicht: Ständige Überlastung bewirkt bei Menschen, dass sie zwar immer besser funktionieren, dafür aber immer weniger wahrnehmen, was sie tun. Menschliche Medizin braucht teilnehmendes Mitgefühl, Funktion distanziert.

Je imperativer die ökonomische Fuchtel dominiert, desto inhumaner wird Medizin. Patienten sind keine Kunden, Gesundheit keine Ware, Ärzte und Schwestern kein Service-Personal, Kliniken keine Reparaturbetriebe. Soll ein Gesundheitssystem Gewinn erbringen, muss es funktionell sein. Medizin als zwischenmenschliche Beziehung wird dabei versachlicht. Profit für wenige macht alle zu Opfern. Interessanterweise wird die unerbittliche Kälte dieser Entwicklung allgemein ignoriert. Lieber attackieren Ärzte, Schwestern und Patienten einander wechselseitig als gemeinsam die dafür verantwortliche Politik.

Keine Zeit zum Innehalten

Solche Gedanken humpeln hinter der Realität her und schaffen keinen Platz für Zugänge. Potenziell könnte ich drei Patientinnen entlassen, macht zusammen mit Herrn P. vier. Damit bekämen alle Anwesenden ein Bett. Die weiteren Zugänge versorgt die Kollegin. Nacheinander begrüße ich meine drei Kandidatinnen, alte bis sehr alte Damen und klassische Stammkundschaft. Wird eine ihrer zahlreichen Krankheiten ärger, kommen sie sofort. Jede verbringt jedes Jahr Wochen in der Klinik. Jedes Mal wird ihre Liegezeit länger, und sie selbst werden ein bisschen weniger. Allen schwant, wie das enden wird, und sie freuen sich über die unerwartete Entlassung. Während die Schwestern die Heimtransporte organisieren, informiere ich die Hausärzte telefonisch über den Stand der Dinge, erstelle ihre Medikamentenlisten und drucke sie aus. Drei umfangreiche Briefe zu diktieren und sie nach dem Tippen zu korrigieren, würde endlos dauern: Die Bürokratie muss bis zum Abend warten.

Jetzt schreit die Stationsroutine nach mir: Etliche Patienten sind für ihre Untersuchungen (Magen-Darm-Spiegelung/CT) nicht aufgeklärt. Blutentnahmen warten, venöse Zugänge sind anzulegen und Blutkonserven anzuhängen. Beim Aufklärungsgespräch läuft ohne Brille und Hörgerät gar nichts, beide werden umständlich überall gesucht. Auf Zeitdruck reagieren alte Menschen noch langsamer, also muss ich äußerst gelassen wirken. Unablässig unterbrechen mich Anrufe von Kollegen, Rückfragen der Funktionsabteilungen, Anordnungen der Oberärztin. Dann bleibt der verdutzte Patient allein, und ich haste zum PC im Arztzimmer, um präzise Infos zu liefern oder neue Untersuchungen einzuspeisen. Unnötig zu erwähnen, dass in solchen Situationen der PC entweder von Kollegen genutzt, upgedated wird oder abstürzt. Auch von den Schwestern kommen die Zwischenfragen hageldicht. Da soll mal einer sagen, dass der Alltag nicht spannend ist. Und jetzt zügig zu den Zugängen, deren Nerven schon blitzeblank liegen.

Immer kürzere Liegezeiten erzwingen maximale Diagnostik in minimaler Zeit. Deshalb sind viele Patienten unablässig unterwegs. Die Mehrzahl wird von den Schwestern im Bett oder Rollstuhl hinoder hergeschoben.
Immer kürzere Liegezeiten erzwingen maximale Diagnostik in minimaler Zeit. Deshalb sind viele Patienten unablässig unterwegs. Die Mehrzahl wird von den Schwestern im Bett oder Rollstuhl hinoder hergeschoben.

Die komplette Diagnostik

Als erste begrüße ich die äußerst beleibte 83-jährige Frau D. – wir gehen ins Untersuchungszimmer. Die Witwe lebt allein, vier Treppen hoch. Unten wohnen die Kinder, die nach ihr schauen. Letztmalig lag sie vor zwölf Wochen hier, diesmal kommt sie wegen Luftnot. Die Blickdiagnose klärt: Rechtsherzschwäche hat Unter- und Oberschenkel unförmig anschwellen lassen. Ihr Medikamentenplan enthält hochdosiert Entwässerungsmittel. Auf meine Frage erklärt sie zögernd: „Wenn ich die nehme, muss ich nachts immer raus.“ Also lässt sie die weg und schläft durch. Nun schwellen die Beine an, sie muss keuchen. Ich erkläre ihr den Zusammenhang. Der ist ihr völlig neu. Auf Nachfrage höre ich, dass ihr Hausarzt sie angeblich weder untersucht noch überprüft hat, welche Tabletten sie nimmt. Als die Luftnot ärger wurde, habe er sie „zu Ihrer eigenen Sicherheit“ eingewiesen. Käme das nicht so häufig vor – ich glaubte es nicht. Jetzt sind noch büschelweise Dokumente für die Verwaltung und Anordnungen für die Schwestern auszufüllen – dazu noch die geplante Diagnostik dem PC einspeisen. Zum dritten Mal in diesem Jahr spult hier das umfängliche Programm der Herzdiagnostik ab. Alle freuen sich: Die Klinik macht Umsatz, Frau D. wird untersucht, ihre Verwandten entlastet, der Hausarzt spart Zeit und macht trotzdem keinen Fehler. Und die Krankenkasse zahlt alles.

Beim Kauen fällt Blättern leichter als Diktieren, also greife ich nach dem dicken Wälzer mit den fleddrigen Krankenblättern von Frau R.
Beim Kauen fällt Blättern leichter als Diktieren, also greife ich nach dem dicken Wälzer mit den fleddrigen Krankenblättern von Frau R.

Die Nächste ist Frau H., eine muntere, schlanke und vitale 79-Jährige. Abklärung nächtlicher Tachycardien steht auf der Einweisung. Sie lag vor Jahren schon einmal hier und wurde nach medikamentöser Einstellung beschwerdefrei entlassen. In letzter Zeit wacht sie nachts öfter mal mit oder wegen Herzrasen auf. Sonst geht es ihr gut. „Wie lange muss ich bleiben?“, ist die erste Frage. Angst wegen ihres Herzens hat sie nicht, eher ihr Hausarzt. „Da muss man sehr vorsichtig sein, gehen Sie damit lieber in die Klinik“, befand er kurz und wies sie ein. Weiter erfahre ich, dass sie seit einigen Monaten nur noch die Hälfte ihrer Antiarrhythmika nimmt. Sie verabscheut Tabletten und wollte sehen, ob sie mit weniger auskommt. „Warum hat mich mein Arzt denn nicht nach den Tabletten gefragt?“, will sie von mir wissen. Das wüsste ich auch gerne. Ich arbeite die übliche Bürokratie ab, und bereite Frau H. auf die komplette Herzdiagnostik vor. „Wenn ich schon mal hier bin, geht das wohl nicht anders“, meint sie resigniert. „Hauptsache ist aber, in bin ganz schnell wieder draußen“.

„Ich weise Sie lieber ein.“

Ihr mächtiges Übergewicht schiebt die 84-jährige Frau W. erstaunlich flott voran. Allein bewältigt sie den Haushalt für sich und ihren Mann. Seit Jahren plagt sie immer mal wieder der Magen. Keines der zahlreichen Mittel vom Hausarzt hat geholfen, nun hat er sie zur Magenspiegelung eingewiesen. Das ist ihr gar nicht recht, denn ihr behinderter Mann braucht ihre Hilfe. Der früheste ambulante Termin wäre erst in vier Wochen verfügbar, und da hätte ihr Arzt plötzlich Druck gemacht: „Kann ja auch mal was Schlimmes sein, ich weise Sie lieber ein“, hatte er ihr erklärt. „Versteh’ ich gar nicht, all die Jahre hat er doch nie was gemacht. Meinen Sie denn auch, das ist jetzt was Ernstes?“, will sie von mir wissen. „Das werden wir schon sehen“, meine ich. „Jedenfalls zeigen Sie keine Symptome dafür.“ „Glauben Sie, ich bin morgen wieder draußen – so lange dauert das hier doch nicht, oder? Mein Mann kommt ohne mich einfach nicht zurecht!“ Ich versichere, mein Bestes zu tun, und widme mich dem üblichen bürokratischen Marathon.

Solche Situationen regelt seit letzter Woche eine Dienstanweisung, vom Chefarzt selbst im Konferenzraum verkündet, in dem zuvor die Verwaltung getagt hat. Für jeden sichtbar steht ein großes Triptychon mitten im Raum: Auf schwefelgelbem Grund arbeitet ein riesiges Räderwerk, das sich metallgrau verzahnt und an „Moderne Zeiten“ von Charly Chaplin erinnert. Darüber steht rostrot: „Der Arzt, ein wichtiges Rad im Gesundheitsbetrieb.“ Ich staune, wie ungeschminkt die Verwaltung ihre mechanistische Auffassung von Arzt und Medizin demonstriert. Der Chefarzt rapportiert: „Zunehmend lassen GKV-Versicherte Endoskopien stationär durchführen, um Wartezeiten im ambulanten Bereich zu umgehen. Um sicherzustellen, dass die Kassen die deutlich teurere stationäre Untersuchung auch erstatten, muss diese im Entlassungsbrief explizit begründet werden. Zum Beispiel durch den besonders schlechten Zustand des Betroffenen. Das ist ab sofort umzusetzen. Ende der Sitzung.“ Anders formuliert: Der Klinikarzt verbiegt Befunde so, dass der Klinik kein Geld entgeht. Hauptsache keiner merkt was, solange die Krankenkassen liquide bleiben.

Nun ist endlich Zeit für die Visite ...

@Wie der Tag für Dr. med. Herbert Bliemeister weiterging, kann man im Internet unter www.aerzteblatt.de/katastrophe2 oder über QR-Code erfahren.

Leserkommentare

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Avatar #694034
osteo2014
am Sonntag, 4. Januar 2015, 17:56

Genauso sieht es aus

Ohne jegliche Übertreibung wird der Alltag unserer jungen Ärzte geschildert. Danke dem Autor und danke dem Ärzteblatt, dass ihr den Artikel abgedruckt habt. Setzen wir doch in der Diskussion um bessere Weiterbildungsbedingungen genau hier an und versuchen wir nicht auf irgendwelchen Kongressen krampfhaft realitätsfremde Lösungen herbeizuführen.
Avatar #89449
jauno
am Sonntag, 4. Januar 2015, 17:01

Das System ist das Problem

Einer der besten "Betroffenheitsartikel", den ich gelesen habe. So schaut's wirklich aus im deutschen Klinikalltag. Was daran ändern kann jedoch einzig und allein die Politik. Durch mehr Mittel für das Gesundheitswesen, die jedoch - zumindest was mein Arztleben betrifft - nie da waren und nie da sein werden, oder durch Rationierung, sprich Wartelisten. Diese ultima ratio dem Wähler zu offenbaren, davor drücken sich die Verantwortlichen jedoch aus verständlichem Grunde. Die Folge ist im Artikel plastisch dargestellt. Alle "Gesundheitsdienstleister" zerfleischen sich im Kampf um den immer kleiner werdenden Kuchen, die Kliniken müssen ständig Kosten senken, was sie in erster Linie durch Personalabbau tun, immer weniger Ärzte und Pfleger versorgen immer schlechter als rechter die immer mehr werdenden Patienten, die immer älter und somit kränker werden. Zertifizierung, Bürokratie und Juristerei fressen immer mehr Arbeitszeit und Mittel. Die, die es ausbaden müssen, sind die Kämpfer an vorderster Front. Dem Patienten - also dem Wähler - ist das recht schnuppe, denn der bekommt ja alles gratis frei Haus. Mal sehen, wie lange das System auf diese Weise noch funktionieren kann.
Avatar #663235
gibi1
am Donnerstag, 1. Januar 2015, 22:24

100 % Empfehlung

für die letzten beiden Kommentare (nicht für den Artikel)
Im deutschen Gesundheitswesen schafft das Angebot die Nachfrage. Eine völlig überalterte Gesellschaft trifft auf ein Überangebot von niedergelassenen Ärzten, die die in medialen Werbeangeboten angepriesenen "medizinischen" Versprechungen für alle Lebenslagen nicht mehr einhalten können. Das Chipkarten- Vollkasko-System ermöglicht erst die Überflutung der Praxen mit völlig überflüssigen Konsultationen. Die Hautarztpraxen verkommen zu "beauty-skin-centern",die Orthopäden müssen sich mit Massen von übergewichtigen und bewegungsfaulen Menschen herumplagen, Hausärzte sollen möglichst am selben Tag einen Notfall- Termin beim Psychotherapeuten organisieren, weil die Beziehung in die Brüche geht oder der Chef an der Arbeit Stress macht. Insbesondere Hausarztpraxen werden durch das System zu einer Anlaufstelle von Menschenmassen, die keine medizinischen Probleme haben, sondern mit ihrem Leben nicht klarkommen und ihre psychosozialen Problem hier einfach nur "abgeben". Erlernte Hilflosigkeit auf Kosten der GKV-Beitragszahler!
Sehr richtig und zukunftsweisend, dass nur eine radikale Verknappung des inflationären Zugangs zu ärztlichen Leistungen eine Besserung ohne Nachteile für den Patienten bringen kann. Einzelpraxen und Konkurrenzdenken gehören ebenso abgeschafft wie die Flatrate-Mentalität des deutschen GKV-Konsumenten.
Avatar #543515
Hans-Peter-Klein
am Donnerstag, 1. Januar 2015, 11:35

Katastrophe Krankenhaus

unsere als Assistenzärztin 3.III.Jahr : absolut zutreffende Beschreibung des
Alltags eines Assistenzarztes-Eine Lösung gibt es nicht-Politik im Spagat den Versicherten alles zuzusichern(4 Wochen Facharzttermin etc)-ohne rel. Kostenerhöhungdas Krankenhaus in Konkurrenz mit den Umgebungskliniken-
die Niiedergelassenen in gegenseitiger Konkurrenz-hier in Stadt mit 55000 Einwohnern Wartezeiten? ÖGD 1-Tag-1 Woche KOLO 1-2 Wochen!!!
Endoprothese Knie stationär 1 Woche!! alles rennnt-Lösng
skandinavisches System-Beggrenzung Angebot durch Planung (in Deutschland durch Sozialgerichtsurteile vorhandenen Großgeräteplanung längst abgeschafft-
nur eine Verknappung des des von Politik und KK geförderten unbegrenzten Zugangs zu allen med.Möglichkeiten (wie in skandin.Ländern) und kann Besserung bringen-kein Nachteil für Patienten würde daraus resultieren-dafür hätten Ärzte Zeit,nachzudenken und nicht nur den diagnostischen Dauerlauf zu planen
Avatar #641108
TomDoc56
am Mittwoch, 31. Dezember 2014, 22:14

Mehr Geriatrie bitte

Ich hätte es nie für Möglich gehalten einen derart ungeschminkt die Realität des stations-ärztlichen Arbeitens im KH im deutschen Ärztblatt veröffentlicht zu finden. Respekt ! Habe Alles, wirklich Alles in den Jahren meiner Arbeit ( 25 Jahre Innere in einer Klinik der Grundversorgung ) selbst erlebt. Glücklicherweise durfte ich, eher durch Zufall als durch bewußtes Suchen einer Alternative in die Geriatire wechseln.. Hier sehe ich eine schon vorhandene und ausbaufähige Alternative, die zumindest die Versorgung der alten und multimorbiden Patienten besser gewährleistet. Hiermit möchte ich gerade jüngeren Kolleginnen und Kollegen ans Herz legen, sich näher mit den Konzepten der Geriatrie zu beschäftigen.
Hier könnte ein Stück besserer Zukunft i n n e r h a l b des bestehenden, wie ich glaube nicht wirklich grundlegend veränderbaren KH-Systems liegen.
Avatar #539779
inat
am Mittwoch, 31. Dezember 2014, 21:21

Katastrophe Krankenhaus

Danke!
Danke, dass Sie den Mut hatten die Dinge klar beim Namen zu nennen.
Avatar #91754
Ulli2
am Dienstag, 30. Dezember 2014, 10:59

Katastrophe Krankenhaus

Endlich ein politisch unkorrekter Bericht von der Front, der im DÄ abgedruckt wird! Tausende von Krankenhausärzten im "niederen Dienst" werden dem Autor Beifall klatschen für seine treffenden Schilderungen. "Konsilitis" in den Notaufnahmen bzw, Fachidiotie, Hierarchische Strukturen mit überbezahlten, patriacharlichen Chefärzten, medizinische Entscheidungen die nur aus ökonomischen Aspekten, Angst oder zur juristischen Absicherung getroffen werden. Multimorbide-geriatrische Patienten , die für sich keine Entscheidungen mehr treffen können, ohne Angehörige die sich wirklich kümmern werden von Bereitschaftsärzten natürlich eingewiesen. Für 21,- brutto macht logischerweise kein Hausarzt einen Vor-Ort -Besuch, klärt die Sinnhaftigkeit einer stationären Behandlung im ausführlichen Gespäch mit Patient, Pflegekraft, Betreuer, Angehörigen. Liebes Ärzteblatt, bitte mehr von diesen Berichten und weniger Funktionärsgeschwätz
Avatar #621181
neimann
am Sonntag, 28. Dezember 2014, 02:02

Vorstationäre Leistungen

Der Artikel stellt - etwas überspitzt - den klinischen Alltag zutreffend dar. Zuwendung, Empathie und Kommunikation wird einem Patienten-Takt untergeordnet.
Die Einschätzung des Kommentators, dass nach abgeschlossener Diagnostik die medizinische Kernleistung vorstationär erbracht wird, teile ich als Angestellter nicht. Für die paar Euro lässt sich schon z.B. eine Coloskopie nicht kostendeckend erbringen. Außerdem wird jede vorstationäre Abrechnung im Falle eines nachfolgenden stationären Aufenthaltes im gleichen Kalenderjahr (!) nach aktueller BSG-Rechtsprechung mit dem DRG-Erlös verrechnet. Ein finanzieller Anreiz besteht nicht.
Da ist das geschilderte Szenario einer stationären Aufnahme bei gleichzeitig bestehenden Comorbiditäten wahrscheinlicher...
Einen echten Wertbewerb um ambulante Patienten gibt es aus meiner Sicht so nicht. Mir drängt sich die Frage auf, wieso wegen oftmals ambulant durchführbarer Leistungen die Patienten überhaupt im Krankenhaus vorgestellt und konsekutiv stationär behandelt werden. Erst da klingelt die Kasse.
Und eine Einweisung ist zwar kein Beweis, mindestens aber ein Indiz, dass eine stationäre Behandlung notwendig war (Stichwort primäre Fehlbelegung).
Eine schon vielfach vorgetragene Idee ist die "gleiche Leistung" für "gleiches Geld". Würde die Abrechnung bisher vorstationäre Leistungen per EBM(-analoger Sätze) das Problem lösen?
Avatar #582119
Hippokrates52
am Samstag, 27. Dezember 2014, 19:28

Alles nur zu war!

Absolut korrekte Beschreibung der herrschenden Zustände!
Und da haben wir auch wieder den Kollegen, der dem anderen eine mangelnde Belastbarkeit unterstellt, gar Nestbeschmutzer nennt. Die Ärzte machen sich gegenseitig fertig, dies ist die traurige Wahrheit, weil manche glauben, sie sind die Größten!
Avatar #660632
gholtkamp
am Samstag, 27. Dezember 2014, 12:52

Katastrophe Krankenhaus

Danke
Avatar #665673
Psoriasis
am Freitag, 26. Dezember 2014, 16:49

genau so!

Als internistische Assistenzärtzin fühle ich mich durch diesen Artikel zu 100% vertreten.
Avatar #90058
marc
am Freitag, 26. Dezember 2014, 13:43

So war mein ALLTAG schon vor 15 Jahren

Das Ärzte immer noch Blut abnehmen muessen und periphere Zugänge legen zeigt doch ,das die Arbeit als Leiharzt kollosal unterbezahlt ist.
Das Patienten Nachts an der Krankenhauspforte mit ihren Beschwerden auftauchen die sie schon seit minestens 6 Wochen haben und keiner es wagt sie an den Kassenärztlichen Dienst zu verweisen ist ja nix neues.
Die Krankenhäuser bekommen ja anscheinend immer noch gut bezahlt dafuer. Solange das so ist wird sich nix ändern.
Wir Kollegen sollten nicht aufeinander rumhacken ,der Ueberbringer der Schlechtesten Botschaft hat immer recht. Auf Hauärzten rumhacken die sowieso viel Sterbebegleitung machen ist nicht fair.
In D muessen die Patienten lernen auf Termine zu warten und die meinsten Dinge können warten.
Avatar #79783
Practicus
am Donnerstag, 25. Dezember 2014, 21:58

Die Patienten...

... sind leider auch nicht so glaubwürdig, was sie von ihrem Hauarzt so erzählen - der ist nämlich nicht dabei und kann sich nicht wehren!
Nicht oder unregelmäßig eingenommene Medikamente? Bei mir wird Stein und Bein geschworen, "ich nehm die Tabletten schon so was von regelmäßig", "nein, ich vergesse meine Tabletten nie"... Da wird auch gern verschwiegen, dass der arme Hausarzt seit Wochen darauf drängt, endlich die verordneten Medikamente einzunehmen und eben irgendwann ein weiteres herumgammeln zuhause zum Exitus führen würde. , da sind die Angehörigen, die darauf drängen, dass endlich mal das Krankenhaus dem Hausarzt zeigt, wie man das richig macht... Die Krankenhausärzte halten uns Hausärzte sowieso für die letzten Pfeifen, die von nichts ne Ahnung haben.
Aber über allem thronen die Verwaltungsdirektoren der Kliniken, die der Öffentlichkeit nicht vorhandenen Facharztstandard vorgaukeln und versuchen, jeden Cent mitzunehmen: Aufnahme nur mit kompletter Vordiagnostik vom Hausarzt, aber trotzdem "prästationär" Leistungen abrechnen, Mundpropaganda: Mit einem Einweisungsschein machen wir das hier alles ambulant....
Avatar #80575
kawaguyos
am Donnerstag, 25. Dezember 2014, 21:37

Katastrophe Krankenhaus - mit dem Grundgesetz vereinbar?

In dem Bericht des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen von 2012 zum Thema „Wettbewerb an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Gesundheitsversorgung“ wird im Zusammenhang mit wettbewerblichen Steuerungsmechanismen die Unabhängigkeit ärztlichen Handelns hervorgehoben. Gleichzeitig sollen sich jedoch diese Reformen stärker von ökonomischen als von medizinischen Erwägungen leiten lassen. Bestimmen also ökonomische Erwägungen ärztlichen Handelns?
Im klinischen Alltag ist dieser Konflikt noch nicht gelöst, und dieser Erfahrungsbericht zeigt es deutlich.
Dienstanweisungen, die eine Ärztin oder einen Arzt dazu verpflichtet jeder hilfsbedürftige Menschen, der eine Ambulanz aufsucht, aus reinen kommerziellen und wettbewerblichen Erwägungen aufzunehmen und anschließend der stationäre Verlauf so zu verbiegen, dass die Klinik kein Geld entgeht ist mit dem Grundgesetz, nämlich „die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ nicht vereinbar.
Auf diesem Konflikt reagiert die Ärzteschaft immer mit den bekannten ethischen, altruistischen, moralischen, ja sogar mit den bekannten verdrängenden Floskeln. In der Tat erfordert die Ausübung der Medizin strenge Normen und Moralvorstellungen, die den Ökonomen fehlen! Ärztliche Entscheidungen sollten dem Patient allein nutzen und keinem anderen Akteur im Gesundheitswesen.

Kawaguyos
klinische Ökonomik
Avatar #693810
doc-holiday
am Donnerstag, 25. Dezember 2014, 21:06

hic rhodus, hic salta

kann die Erfahrungen des Kollegen nur zu gut nachvollziehen. Das kranke System gehört reformiert, Vollkasko- Mentalität auf allen Ebenen.
Das Gejammer und die Opfer-Mentalität des Schreiberlings allerdings weniger. So, so .. die Hausärzte sind an allem schuld. Vielleicht sollte der Autor sich mal fragen, was er in seiner beruflichen Laufbahn falsch gemacht hat und ob er den Anforderungen des Berufsalltages gewachsen ist. Die eigene Unzulänglichkeit und mangelnde Belastbarkeit anderen Berufskollegen in die Schuhe zu schieben, ist mehr als billig.
Die Qualität der Behandlung, die manche Kliniken abliefern, ist absolut mangelhaft und steht und fällt auch mit dem dort arbeitendem ärztlichen Personal. Honorarärzte tragen sicherlich nichts zur kontinuierlichen Qualität der Arbeitsabläufe, incl. Verfassung eines informativen Arztbriefes bei.
Der Autor diskreditiert sich selbst, indem er als Nestbeschmutzer die weitere Spaltung der Ärzteschaft vorantreibt.
Avatar #663235
gibi1
am Mittwoch, 24. Dezember 2014, 12:57

nicht nur kriminell,sondern schwerkriminell

@elisse
danke für Ihren wertvollen Beitrag, der ist ja echte Realsatire....
Komm ich jetzt ins Gefängnis ?
Unglaublich, welchen Müll geistig verwirrte Verschwörungstheoretiker wie Sie hier posten
Frohes Fest allerseits !
Avatar #110704
pirkko
am Mittwoch, 24. Dezember 2014, 12:40

Das System wird scheitern/ist gescheitert

Auch wenn sich Kollegen - v.a. die Hausärzte - verständlicherweise auf den Schlips getreten fühlen werden (klar, sie leiden in ihrem Bereich ja auch am selben kranken System) und auch wenn Geschäftsführer und Klinikleiter heftig dementieren werden - ich kann aus meiner Erfahrung JEDEN SATZ so unterstreichen.
Avatar #88599
elisse
am Mittwoch, 24. Dezember 2014, 10:40

Fortgesetzter Krankenkassenbetrug in besonders schwerem Fall

Nicht nur das Verhalten der Hausärzte sondern aller Beteiligten ist schwerkriminell, von Vorsatz, über Gewerbsmässigkeit bis zur Beihilfe.

Zumindestens wenn man das aus dem Ausland (seit 25 Jahren, mit 3 jähriger Inlandsunterbrechung zum Facharzt) betrachtet..

Und, gesundheitsmässig scheint es ja auch nicht so der Bringer zu sein.


Avatar #663235
gibi1
am Dienstag, 23. Dezember 2014, 19:51

als Arzt und als Autor gescheitert

Was sollte das denn werden ? Eine kritische Bestandsaufnahme des deutschen Klinikalltages ? Herausgekommen ist das Pamphlet eines frustrierten Honorararztes, der an den zugegebenermassen unmenschlichen Bedingungen des Systems gescheitert ist. Gefangen in seiner immerwährenden Opferrolle , stellt erschnell klar, wer sein Hauptfeindbild ist: der bequeme und korrupte Hausarzt, der es wagt, die Mittagspause des Kollegen permanent mit völlig überflüssigen Einweisungen zu stören. Unfassbar, dass die Patienten nicht nur alt und multimorbide sind, sondern sich auch noch erdreisten, in seiner Arbeitszeit zu sterben. Der Hausarzt (wie auch der Psychiater) ist nach seiner Ansicht nicht nur faul, sondern auch kriminell, weil er standardmässig Patienten gegen Ihren Willen zum Sterben in seine Klinik schickt. Gekrönt wird das Bashing noch durch wirre Räuberpistolen, in denen die niedergelassenen Übeltäter Patienten aus übertragener Karzinophobie einweisen. Wie schön, dass wenigstens der Autor die "familiäre Dynamik" der Zwangseingewiesenen kennt, wenn es schon der Hausarzt nicht überblickt. Hier können wir noch was lernen- nach aktueller Studienlage (hier nachzulesen) lassen sich ca. 20 % aller Einweisungen durch vorherige Gespräche vermeiden- wenn denn die desinteressierten Hausärzte endlich mit ihren Patienten reden würden.
"Lieber attackieren sich Ärzte gegenseitig......" - wie wahr ! Die Kritik an der Ärzteschaft wird allerdings quer durch den ganzen Artikel postwendend ad absurdum geführt.
In meiner langen Klinikzeit hatte ich manchmal ähnliche Gedanken. Seit meiner Niederlassung als Hausarzt weiss ich, wie schwer es manchmal ist, trotz langer Gespräche (!) an einem 11-Stunden-Fliessband-Arbeitstag sich für oder gegen eine Einweisung zu entscheiden. Desöfteren habe ich mir gewünscht, ich hätte den Patienten früher eingewiesen. Zwischen den alltäglichen Menschenmassen aus Multimorbiden, geriatrischen Fällen , Hypochondern und somatoform gestörten Menschen ist es nicht immer leicht, die richtige Entscheidung zu treffen.

Die Selbstgefälligkeit, mit der der "Kollege" andere Berufsgruppen diffamiert, ist allerdings kein konstruktiver Beitrag zur Kritik am kranken System.
Angesichts der ungeahnten Chancen, die das System bei dieser Marktsituation für Ärzte bietet, sollte uns eines klar werden: wenn wir wollen, können wir an unseren Arbeitsbedingungen selbst etwas ändern: man ist auf uns angewiesen.
Oder man wird Autor. So wie "Kollege" Werner Bartens. Auf ungefähr gleichem Niveau bewegt sich der Artikel.

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