ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2014Ärztliche Zweitmeinung: Hilfe oder Verunsicherung?

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Ärztliche Zweitmeinung: Hilfe oder Verunsicherung?

Dtsch Arztebl 2014; 111(51-52): A-2254 / B-1902 / C-1822

Osterloh, Falk

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Union und SPD wollen, dass Patienten vor bestimmten planbaren Operationen eine zweite ärztliche Meinung erhalten. Ob ein Recht auf eine Zweitmeinung die Patienten unterstützt oder auf lange Sicht eher irritiert, ist jedoch umstritten.

Eine ärztliche Meinung reicht nicht allen Patienten. Voraussichtlich unter anderem vor Wirbelsäulenoperationen sollen Ärzte ihre Patienten künftig über ihr Recht auf eine ärztliche Zweitmeinung aufklären. Foto: Your Photo Today
Eine ärztliche Meinung reicht nicht allen Patienten. Voraussichtlich unter anderem vor Wirbelsäulenoperationen sollen Ärzte ihre Patienten künftig über ihr Recht auf eine ärztliche Zweitmeinung aufklären. Foto: Your Photo Today

Jeder Patient hat in Deutschland das Recht, eine zweite ärztliche Meinung einzuholen. Wie viele Menschen von diesem Recht Gebrauch machen und welche Auswirkungen eine zweite Meinung auf die eingeleitete Therapie hat, liegt allerdings im Dunkeln. „Eine Zweitmeinung einzuholen, ist gelebte Praxis und wird undifferenziert in sinnigen ebenso wie in unsinnigen Fällen betrieben“, berichtet der neue Vorsitzende des Berufsverbandes Niedergelassener Chirurgen (BNC), Dr. med. Christoph Schüürmann, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Die meisten Ärzte erführen dabei gar nicht, dass gerade ein Patient vor ihnen sitzt, der mit seinem Anliegen vorher schon bei einem Kollegen gewesen sei.

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Erkenntnisse über die Sinnhaftigkeit ärztlicher Zweitmeinungen gibt es in Deutschland bislang kaum. Einige Krankenkassen haben vor kurzem begonnen, Zweitmeinungsverfahren als Satzungsleistungen auf der Grundlage von Verträgen zur integrierten Versorgung (IV) in ihr Portfolio aufzunehmen, zum Beispiel die Barmer GEK. Seit Juli 2013 arbeitet die Kasse mit der FPZ AG Köln zusammen, einem Unternehmen der Pfizer-Gruppe, um Versicherten, die an der Wirbelsäule operiert werden sollen, eine Zweitmeinung anzubieten.

1 000 Zweitmeinungen

Etwa 1 000 Versicherte haben von dieser Möglichkeit bis heute Gebrauch gemacht, erklärt die Barmer GEK. Die Erfahrungen seien positiv. Welchen Effekt das Verfahren hat, und ob Geld durch die Vermeidung von Operationen eingespart wurde, kann Deutschlands zweitgrößte Kasse derzeit allerdings noch nicht sagen. Im Laufe des kommenden Jahres sollen Ergebnisse einer Evaluation vorliegen, mit der die Barmer GEK klären will, ob geplante Operationen tatsächlich vermieden werden konnten oder ob es lediglich zu einer zeitlichen Verschiebung der Operation gekommen ist.

Noch mehr Erfahrungen mit Zweitmeinungen hat die Deutsche BKK. Ebenfalls auf der Grundlage eines IV-Vertrages bietet sie ihren Versicherten seit 2011 eine Zweitmeinung insbesondere bei orthopädischen und kardiologischen Indikationen an. Nach drei Jahren lautet das Fazit: Nur in etwa 25 bis 30 Prozent der Fälle war die Erstmeinung mit der Zweitmeinung identisch. Welcher Meinung er folgt, muss der Patient letztlich allerdings allein entscheiden. Auch die Deutsche BKK kann den wirtschaftlichen Erlös der Zweitmeinungsverfahren nicht beziffern. Ohnehin stehe er nicht im Fokus, schreibt die Kasse auf Anfrage. Insgesamt ergebe sich dennoch, trotz der zunächst Kosten verursachenden Zweitmeinung, „ein mindestens kostendeckendes Verfahren“.

Weitere Erfahrungen gibt es aus dem „Zweitmeinungsnetzwerk Hodentumor“, das im Jahr 2006 von der Deutschen Hodentumor Studiengruppe gegründet wurde. Hier können Ärzte mit Einwilligung ihrer Patienten über eine elektronische Plattform Spezialisten an großen Behandlungszentren um ihre Meinung zur geeigneten Therapie bitten. Bis zum Sommer hatten die teilnehmenden Ärzte für mehr als 3 000 Patienten eine Zweitmeinung erhalten. Ergebnis: Bei jedem sechsten Patienten hat die Zweitmeinung zu einer wesentlichen Änderung des Therapiekonzepts geführt. Mittlerweile werden etwa 15 Prozent der neu diagnostizierten Hodentumoren in Deutschland im „Zweitmeinungsnetzwerk Hodentumor“ vorgestellt.

Patienten sind zufrieden

Aktuelle Informationen liefert auch eine Umfrage des Asklepios-Konzerns, der im Sommer dieses Jahres 1 000 Bundesbürger nach ihrer Erfahrung mit Zweitmeinungen gefragt hat. Demnach hat etwa die Hälfte der Befragten schon einmal die zweite Meinung eines anderen Facharztes eingeholt. Wiederum die Hälfte dieser Patienten war dabei selbst aktiv geworden, um eine Zweitmeinung zu erhalten. In 32 Prozent der Fälle war die Zweitmeinung von Praxisärzten initiiert worden, in elf Prozent von Krankenhausärzten. 94 Prozent der befragten Patienten, die schon einmal eine Zweitmeinung eingeholt haben, waren Asklepios zufolge mit dem Ergebnis zufrieden, weil es ihrer Meinung nach dazu beigetragen hat, die für sie am besten geeignete Behandlungsmethode zu wählen.

Trotz allem sind gesicherte Erkenntnisse über Zweitmeinungsverfahren in Deutschland rar. Dies wollen Union und SPD nun ändern, indem sie mit dem Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) das Recht auf eine Zweitmeinung konkretisieren und ausbauen (siehe Kasten). Dieses Vorhaben bewerten sowohl Ärzteschaft als auch Krankenkassen grundsätzlich positiv. „Zweitmeinungen können aus ärztlicher Sicht ein wichtiges Element der Qualitätssicherung sein, indem sie die Diagnosefindung unterstützen und den interkollegialen Austausch fördern“, schreibt zum Beispiel die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in ihrer Stellungnahme zum VSG. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung begrüßt darüber hinaus, dass der vorgesehene Anspruch auf eine Zweitmeinung die derzeit bestehenden Rechtsunsicherheiten beseitige und ein regelhaftes Zweitmeinungsverfahren einführe, das vom GKV-Leistungskatalog erfasst werde. Und auch der Verband der Ersatzkassen bewertet die Regelung „positiv“, da auf diese Weise „Über- und Fehlversorgung bei bestimmten Operationen“ verringert werden könnten.

Ist also alles gut? Nein, sagt der Präsident der Ärztekammer Berlin und Vorsitzende der Ständigen Konferenz Qualitätssicherung der BÄK, Dr. med. Günther Jonitz. „Ich bewerte das Zweitmeinungsverfahren als politische Alibi-Maßnahme, da die Ursachen für die viel beschriebene Mengenausweitung, nämlich unterfinanzierte Fallpauschalen, Kostendruck und Innovationsstau in den Krankenhäusern, praktisch unverändert bleiben“, kritisierte Jonitz. „Ein von der Politik und den Krankenkassen vorsätzlich verursachtes Problem soll nun auf der Ebene der Arzt-Patient-Beziehung ausgetragen werden.“

Das Vertrauen schwindet

Zweitmeinungen als Korrektiv für finanzielle Fehlanreize könnten lediglich zur Dämpfung möglicher Indikationsausweitungen führen, nicht jedoch die eigentlichen Probleme lösen, heißt es auch in der Stellungnahme der BÄK. Jonitz warnt davor, dass infolge der geplanten Regelung Aufwand und Verunsicherung sowohl beim Arzt als auch beim Patienten entstehen könnten. Der daraus folgende Vertrauensverlust schade der Therapie. Vor kurzem hat die Bundes­ärzte­kammer eine Arbeitsgruppe „Ärztliche Zweitmeinung“ gegründet, die im Auftrag der Ständigen Konferenz Qualitätssicherung „Kriterien für die Einholung von Zweitmeinungen“ erarbeitet, wie Jonitz erklärt. Integrität, Unabhängigkeit und fachliche Kompetenz spielten dabei eine zentrale Rolle.

Der BNC-Vorsitzende Schüürmann befürchtet, dass das geplante Verfahren die Ausgaben im Gesundheitssystem nicht reduzieren, stattdessen aber die Dokumentationspflichten ansteigen lassen werde. „Die Aufklärung über das Recht auf eine Zweitmeinung muss dokumentiert und vom Patienten gegengezeichnet werden“, sagt Schüürmann. „Dieser zusätzliche Aufklärungsaufwand kostet natürlich Zeit und Geld. Ganz persönlich glaube ich nicht einmal, dass Zweit-, Dritt-, Viert- und Fünftmeinungen zu einem besseren Gesamtergebnis führen.“ Weil mit jeder weiteren Meinung das Vertrauen schwinde, sei möglicherweise sogar das Gegenteil der Fall.

Falk Osterloh

Neues Zweitmeinungsverfahren nach VSG

Mit der Neuregelung wollen Union und SPD insbesondere sogenannte mengenanfällige Leistungen eindämmen, Operationen also, deren Anzahl in den vergangenen Jahren angestiegen ist. Dem Kabinettsentwurf zum Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) zufolge soll der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) bis zum Ende des kommenden Jahres zum einen bestimmen, bei welchen planbaren Eingriffen der Anspruch auf eine Zweitmeinung besteht, und zum anderen, welche Voraussetzungen Ärzte erfüllen müssen, damit sie eine Zweitmeinung abgeben können.

Wer einem Patienten künftig eine „mengenanfällige“ Indikation für eine der Leistungen stellt, die der G-BA bestimmt hat, muss den Patienten mündlich über sein Recht aufklären, eine Zweitmeinung einholen zu können. „In der Regel“ soll dies mindestens zehn Tage vor dem geplanten Eingriff erfolgen, in jedem Fall aber „so rechtzeitig, dass der Versicherte seine Entscheidung über die Einholung einer Zweitmeinung wohlüberlegt treffen kann“, heißt es im VSG. Die Zweitmeinung darf nicht in der Einrichtung eingeholt werden, in der der Eingriff vorgenommen werden soll.

Da die Zweitmeinung als gesonderte Sachleistung in der vertragsärztlichen Versorgung gewährt werde, heißt es weiter in der Gesetzesbegründung, sei eine „inhaltlich-strukturelle und bewertungsbezogene Ableitung der mit der Zweitmeinung verbundenen Leistungsanteile aus bestehenden Gebührenordnungspositionen des einheitlichen Bewertungsmaßstabs“ erforderlich. Die ärztliche Zweitmeinung soll damit gesondert abgerechnet werden können.

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