SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Freunde

Dtsch Arztebl 2015; 112(1-2): U3

Böhmeke, Thomas

Freunde zu haben, so werden Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, mir sicher zustimmen, ist ganz einfach. Für uns. Denn unsere lieben Mitmenschen vereinnahmen unsereins so gerne wie der Ikterus die Conjunctiva bei Leberversagen, wie der Bandscheibenvorfall den Ischiasnerv. Aristoteles erläuterte in seiner Nikomachischen Ethik drei Motive, um Freundschaften einzugehen: Freundschaft um des Wesens Willen, des Nutzens und der Lust Willen. Ich darf, ganz von schräg unten und abseits philosophischer Höhenflüge, die Arztfreundschaft als etwas ganz Besonderes, etwas Herausragendes hinzufügen. Denn sie sticht aus der gewöhnlichen Gemengelage heraus, die den schnöden Aspekt der Gleichheit hervorhebt: Weil unsere geliebten Mitmenschen die etymologische Bedeutung von Profession dergestalt verstehen, dass es sich von profitere ableitet, also dass man einen Profit einklagen darf, wenn man eine solche Freundschaft reklamiert. Dem ist aber nicht so, profitere bedeutet laut oder öffentlich bekennen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Kolleginnen und Kollegen, aber ich für meinen Teil finde es einfach berauschend, dass so viele liebe Menschen mich in allerbester Erinnerung haben, sei es aus seligen Seilschaften seit Sandkastenzeiten, seitdem ich als Theodor Blömicke an ihre Ventrikel gewachsen bin. Als solcher darf ich natürlich keine Arbeitsunfähigkeit auslassen, jedes gewünschte aut-idem ankreuzen. Als Torsten Blömigge bin ich mit dem Herzen so vieler lieber Menschen verdrahtet wie ein Koronarkranker nach multipler Stentimplantation, auf dass ich Sprechzeiten am Wochenende und garantierte 200-prozentige Behinderungen, gar Erwerbsunfähigkeiten vorhalten darf. Das versteht sich unter Freunden, keine Frage.

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Meine Sekretärin unterbricht meine philosophischen Ausflüge. „Herr Dr. Böhmeke, ein Freund von Ihnen hat angerufen, er sei völlig konsterniert, richtig außer sich über die Rechnung, die Sie ihm geschickt haben!“ So? Welcher Freund war das denn? „Ich habe Ihnen die Rechnung herausgesucht, schauen Sie!“ Ach ja, ich kann mich erinnern. Dieser meine ärztliche Herzensgüte reklamierende Herr ist Besitzer eines Copyshops; ich wollte dort einige Scans für medizinische Grafiken anfertigen lassen. Kaum hatte dieser Mensch die Grafiken als kardiologisch inspiriert identifiziert, verwickelte er mich in ein halbstündiges Gespräch über seine Herzproblematik und nötigte mich, weitergehende Termine im Krankenhaus auszumachen. Damit hat er mich wohl gezwungenermaßen in besagten Freundschaftsstand erhoben. Weil aber die von ihm angefertigten Scans von miserabelster Qualität waren und er dafür einen äußerst unfreundlichen Obolus verlangt hatte, sah ich mich so frei, meine Leistungen ebenfalls in Rechnung zu stellen. „Und was soll ich jetzt machen?“ will meine Sekretärin wissen.

Ganz einfach: All das hat mit Aristoteles nichts zu tun, sondern nur mit Ausnutzung. Arthur Schopenhauer meinte dazu: Die Freunde nennen sich aufrichtig, die Feinde sind es. Also: Rechnung stellen, Erinnerung, Mahnung. Fertig. Solche Freunde braucht kein Mensch.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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