ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2015Deutscher Ethikrat: Suizidbeihilfe ist keine ärztliche Aufgabe

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Deutscher Ethikrat: Suizidbeihilfe ist keine ärztliche Aufgabe

Dtsch Arztebl 2015; 112(1-2): A-4 / B-4 / C-4

Richter-Kuhlmann, Eva

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Keine Änderung des Strafrechts, aber ein Verbot der kommerziellen Suizidbeihilfe empfiehlt der Deutsche Ethikrat in einer Stellungnahme vom 18. Dezember. Eine eigene gesetzliche Regulierung der Suizidbeihilfe durch Ärztinnen und Ärzte lehnt die Mehrheit des Ethikrates ab. Die Mitglieder sehen die Gefahr, dass „erlaubte Normalfälle“ als Suizidbeihilfe definiert werden. Einstimmig unterstützt der Ethikrat das in den Grundsätzen der Bundes­ärzte­kammer zur ärztlichen Sterbebegleitung formulierte Verständnis, wonach die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung keine ärztliche Aufgabe ist. Der Rat bekräftigt zudem, dass die Strafbarkeit der Tötung auf Verlangen (§ 216 StGB) unverändert erhalten bleiben muss.

Besonderes Verhältnis: Die Politik will die Rolle, die Ärzte beim Suizid schwer kranker Patienten spielen dürfen, gesetzlich regeln. Foto: Your Photo Today
Besonderes Verhältnis: Die Politik will die Rolle, die Ärzte beim Suizid schwer kranker Patienten spielen dürfen, gesetzlich regeln. Foto: Your Photo Today

Eine Mehrheit des Ethikrates empfiehlt gleichzeitig die Klarstellung im Betäubungsmittelrecht, dass eine im Ausnahmefall erfolgte Verschreibung von Betäubungsmitteln auch im Rahmen einer Beihilfe zu einem frei verantwortlichen Suizid nicht strafbar ist. Ferner sollten die Ärztekammern einheitlich zum Ausdruck bringen, dass ärztliche Gewissensentscheidungen in Ausnahmesituationen respektiert werden sollen. Diese Formulierung hält der stellvertretende Vorsitzende des Ethikrates, Prof. Dr. theol. Peter Dabrock, für „viel zu weich“. Es fehle ihm ein Hinweis auf berufsrechtliche Sanktionen, wenn Ärzte Patienten außerhalb von palliativmedizinischen Indikationen zum Sterben verhelfen. ER

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 6. Januar 2015, 16:19

Selbsternannte "Herren über Leben und Tod" sollten keine Sterbehilfe leisten

Nachdem die Abgeordneten (MdB) des Deutschen Bundestags (DBT) in einer offenen Generaldebatte die Möglichkeit genutzt haben, ohne "ethisches Zwangsdiktat" inhaltlich auf die moralisch-ethischen Dimensionen, die Gratwanderungen zwischen "Tötung auf Verlangen" (§216 StGB), aktiver und passiver Sterbehilfe bzw. ärztlich assistiertem Suizid, aber auch kommerziell und/oder privat organisierter Sterbehilfe mit Worten, Denken, Fühlen, Wollen und Meinungen einzugehen, hat nun auch der Deutsche Ethikrat ein Bekenntnis zu diesem komplexen Thema abgelegt: "Suizidbeihilfe ist keine ärztliche Aufgabe".

Bei der Bundesärztekammer (BÄK) und den Landes-ÄK heißt es: "Helfen, aber nicht töten." In Klinik und Praxis erleben Ärztinnen und Ärzte im Gegensatz zu juristisch motivierten Bedenkenträgern oder selbsternannten Heilsbringern in vielen Fachbereichen täglich Menschen, die nicht mehr leben wollen und können, die sich selbst (und manchmal auch anderen) den Tod wünschen, die sich selbst aufgeben haben. Wir können und dürfen sie nicht mit einem unreflektierten Selbstbestimmungsrecht einfach in den Tod schicken, weil diese Menschen erst einmal ernst genommen werden müssen. Sie sind dann eher froh und glücklich, wenn wir ihnen therapeutisch helfen und sie begleiten können. Sie sind erleichtert darüber, dass wir offen über palliative Maßnahmen und Möglichkeiten sprechen. Das widerspricht eklatant einem ultimativem ad hoc Selbstbestimmungsrecht und pseudo-juristischen Argumenten bis hin zum "Doctor Death" auf entsprechender "Honorarbasis".

Das "Geschäft" mit der organisierten Sterbehilfe, aber auch das private "Helfer-Syndrom" z. B. eines selbsternannten "Sterbehelfers" Peter Puppe im Beitrag von "Report Mainz" am 14. Januar 2014 ("wenn Sie wüssten, was ich alles studiert habe...nach 8 Jahren täglichem, vielfältigem Eigenstudium"); oder das des bundesweit reisenden urologischen Kollegen Uwe-Christian Arnold mit seiner ärztlichen Sterbehilfe-Tätigkeit sind keineswegs ausschließlich altruistisch-selbstaufopfernd sondern immer auch ein Stück weit überheblich-selbstüberschätzend und von Eigeninteresse geleitet. Die Kommerzialisierung schreitet unerbittlich voran:

"Organisierte Hilfe zum Suizid - Organisationen: Dignitas Deutschland („Dignitate“), Sterbehilfe Deutschland (Dr. Roger Kusch), Uwe Christian Arnold, Peter Puppe sowie mindestens elf weitere, anonym arbeitende Vereinigungen. Geleistete Suizidhilfe: Rund 700 Fälle von assistierten Suiziden sind seit Mitte der 90er Jahre dokumentiert. Mehr als 200 werden dem Urologen Dr. Uwe Christian Arnold zugeschrieben. Preise: Dignitas Deutschland (Aufnahmegebühr 120 Euro; Monatsbeitrag 20 Euro); Sterbehilfe Deutschland (ärztliche Begutachtung 1500 Euro, Mitgliedschaften zwischen 2000 und 7000 Euro oder Jahresbeiträge von 200 Euro)." [Quelle: Deutscher Ethikrat]

In dem man vorgibt, alleine zu wissen, was für Sterbende gut und richtig ist, dass die eigentlich medizinischen Palliativ-Experten ignorant, verleugnend und unwissend seien, setzt man sich über das Selbstbestimmungsrecht faktisch hinweg. Sterbewille, Des-Lebens-Überdrüssig-Sein und Suizidbeihilfe müssen inhaltlich diskutiert werden. In der gesellschaftspolitischen Diskussion um zahlreiche Varianten organisierter, gemeinnütziger, aktiver, passiver, geduldeter oder unterlassener Sterbehilfe sind ärztlich begründete Positionen gegenüber der Mehrheit widerstreitender rechtspolitischer oder populistischer Expertisen unterrepräsentiert. Soll denn jedem/r, der glaubt, einem Sterbenden persönlich, sozial oder familiär nahe zu stehen, auf persönlichen Zuruf des Sterbenden, "ich kann nicht mehr", "ich will nicht mehr leben", "lasst mich doch sterben" oder "es soll ein Ende haben" erlaubt sein, dem Todgeweihten den Schierlingsbecher zu reichen oder gar das Kopfkissen aufs Gesicht zu drücken? Sind das wirklich immer uneigennützige Helfersyndrome, die sich in verschiedensten Spielarten der Sterbe-Hilfe verwirklichen wollen?

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen bzw. ich selbst haben unsere professionelle, humanmedizinische Sozialisation und kulturelle Reflexionsfähigkeit im Gegensatz zu Juristen, Soziologen und Politologen in Studium, Klinik, und Praxis über die Interaktionen mit unseren Patienten erworben. Es ist typisches Merkmal juristischer und gesellschaftspolitischer Kontemplation bzw. abwägender Erörterung in Legislative, Judikative und Exekutive ad hoc Entscheidungen zu vermeiden bzw. den tatsächlichen Taten Dritter ex post Beurteilungen folgen zu lassen. Damit wird konflikthaftes Erleben der Sterblichkeit, Ambivalenz und tätiges Entscheiden externalisiert: Der (fremde) Arzt soll mit ärztlich assistiertem Suizid oder aktiver Sterbehilfe auf eigene Verantwortung tätig werden. Während Betroffene, Angehörige, dritte Personen, die auch aktive Suizidbeihilfe leisten könnten, ihr dann möglicherweise schuldhaft erlebtes, aktives Handeln nicht selbst reflektieren und seelisch aufarbeiten müssen?

Vermeidungsstrategie und Angstabwehr sind weit verbreitet, wenn es ums Sterben geht. Nach Autonomie, Bewusstheit und Eigenverantwortung zu streben heißt, sich aktiv mit Sterben, Tod, und Vergänglichkeit auseinanderzusetzen, um seinen letzten Willen zu formulieren. Der Fangschuss, der Gnadentod, die Erlösungspflicht von unzumutbarem Leiden oder Behinderung bzw. "Eu-Thanatos" sind der Bewusstheit, der Erlebenswelt, dem Tötungs- bzw. Willkürverbot der "Conditio humana" wesensfremd. Von uns Ärztinnen und Ärzten statt Heilung, Linderung und Palliation als zusätzliche Tätigkeitsmerkmale verpflichtend aktives Beschleunigen und Eingreifen in den Sterbevorgang bei (prä)finalen Patienten zu erwarten, ist abwegig. Niemand verlangt von Feuerwehrleuten mit ihrem internationalen Motto: "Retten – Bergen – Löschen – Schützen", Brand- oder Unfallopfer mit infauster Prognose einfach liegen und sterben zu lassen bzw. ihr Leiden aktiv zu verkürzen. Unser ärztliches Motto kann nur sein: "Helfen, Heilen, Lindern, Schützen … und Loslassen"!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler FAfAM Dortmund
Avatar #539999
klausenwächter
am Montag, 5. Januar 2015, 22:27

Juristen dürfen über das Leben entscheiden

Juristen, welche die Sterbehilfe gefordert haben, sind nun selbst gefordert. Der Fall der in Belgien in einer Haftanstalt praktizierten Sterbehilfe kann Juristen einen Präzedenzfall für die institutionelle Sterbehilfe liefern.

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