ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2015Generation X, Y, Z . . .: Viel zu viel Klischee

POLITIK: Kommentar

Generation X, Y, Z . . .: Viel zu viel Klischee

Tamayo, Miguel

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Weiblich, angestellt, teilzeitbeschäftigt, kooperativ: Glaubt man Umfragen unter Medizinstudierenden, sieht so die Zukunft der ambulanten Versorgung aus. Jedes dieser Merkmale ist zweifellos relevant. Die Ergebnisse werden aber in der Debatte um die Generationen X oder Y überinterpretiert. Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein hat die Daten ihres Arztregisters genauer analysiert, um herauszufinden: Was ist dran an den meist plakativen Aussagen?

„Die Alten arbeiten mehr als die Jungen“ – das stimmt nur zum Teil. Der durchschnittliche Tätigkeitsumfang der „Generation X“ (Jahrgänge 1966–1985) ist zwar geringer als bei den Älteren. Treffender wäre aber: Alle Altersklassen nutzen die neu gewonnene Flexibilität der Arbeitsformen.

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Vor 2008 war eine Niederlassung in Teilzeit nicht möglich. Niemand kann deshalb sagen, wie viele Ärzte und vor allem Ärztinnen sich sonst für diese Variante entschieden hätten. Heute wählen auch immer mehr ältere Mediziner ein Teilzeitmodell – für ihren Übergang in den Ruhestand.

„Frauen arbeiten lieber in Teilzeit“ – das stimmt schon deshalb nur teilweise. Frauen arbeiten eher in der Familienphase Teilzeit, Männer am Berufsende. Im Vergleich arbeiten heute zwar tatsächlich mehr Ärztinnen als Ärzte in Teilzeit. Insgesamt bevorzugt aber die große Mehrheit eine Vollzeitbeschäftigung (90 Prozent der Frauen und 94 Prozent der Männer). Offen ist, wie sich das durch die „Generation Y“ ändern wird, die jetzt in die ambulante Versorgung einsteigt.

„Junge Hausärzte zieht es in die Städte“– das stimmt nicht. Ob eine Gemeinde attraktiv für eine Niederlassung ist, hat weniger mit ihrer Größe als mit ihrer Lage und anderen Standortfaktoren zu tun. Orte mit weniger als 50 000 Einwohnern sind sogar leicht im Vorteil: 27 Prozent der Älteren, aber 30 Prozent der Jüngeren praktizieren dort. Die häufige Vermutung, junge Mediziner ziehe es dahin, wo „etwas los ist“, also in Großstädte, trifft zumindest für junge Hausärztinnen und -ärzte in Nordrhein nicht zu.

Die Daten für alle drei Beispiele lassen Zweifel an den vermeintlich typischen Präferenzen der verschiedenen Altersklassen aufkommen. Das liegt daran, dass Generationen „Pseudogruppen“ sind: Ihr gemeinsamer Nenner ist kleiner als Unterschiede innerhalb der Gruppe.

Für alle, die Anreize zur Niederlassung setzen wollen, heißt das: Sie sollten sich nicht von zu klischeehaften Vorstellungen über die „Generation Y“ leiten lassen. Vieles, was ihr zugeschrieben wird, trifft auch auf andere Altersklassen zu – und umgekehrt. Ein gutes Einkommen ist auch Mittdreißigern wichtig, spätestens, sobald es eine Familie zu ernähren und einen Kredit zu tilgen gilt. Kooperation findet nicht nur im jungen Team eines Medizinischen Versorgungszentrums statt, sondern auch in Einzelpraxen: mit dem Praxisteam, mit Kollegen und weiteren Berufsgruppen.

Es sind vor allem zwei Dinge, die der Suche nach medizinischem Praxisnachwuchs positive Impulse verleihen: Erstens der Abbau gesetzlicher Restriktionen. Nach der Aufhebung der Altersgrenze und der Lockerung der Residenzpflicht wäre es jetzt an der Zeit, die Verordnungsregresse abzuschaffen. Zweitens sollte man die neuen, individuellen Optionen der Berufsausübung weiterentwickeln – für jüngere und ältere Ärzte.

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