ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2015Psychotherapie: Kaum tolerierbar
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Mit einigem Unbehagen las ich diesen inhaltlich für Psychotherapeuten/-innen kaum tolerierbaren Artikel. Dass die Autoren zunächst die Notwendigkeit und die Wirtschaftlichkeit in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung für eine stattfindende Psychotherapie stellen, liest sich unter der vorhandenen angespannten Versorgungssituation mit langen Wartezeiten für psychisch erkrankte Menschen auf den ersten Blick recht vernünftig. Doch erweist sich die diesbezügliche Forderung der Autoren schnell als überflüssig beziehungsweise sachlich fragwürdig bis falsch. „Teure Psychotherapie“ (tatsächlich ergibt laut Wittmann & Steffanowski, 2011, jeder in Psychotherapie investierte Euro einen volkswirtschaftlichen Gewinn von zwei bis drei Euro!) solle nicht mit quasi ,falscherʻ Indikation, also ohne Notwendigkeit „zulasten der Solidargemeinschaft durchgeführt“ werden. Die Bedenken der Autoren sind insofern gegenstandslos, da die Psychotherapie-Richtlinien den Niedergelassenen in § 22 „Indikationen zur Anwendung von Psychotherapie“ deutlich eingegrenzt vorgeben, welche psychische Erkrankungen demnach mit „Krankheitswert“ (§ 1 Psychotherapeutengesetz) in einer Krankenbehandlung i. S. des SGB V ausschließlich zu behandeln sind. Die Behandlung von „allgemeinen Lebensbelastungen oder die Unzufriedenheit mit der eigenen biografischen Entwicklung“ (sogenannte Befindlichkeitsstörungen?) gehört somit nicht in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen. Stellen beispielsweise die Kassenärztlichen Vereinigungen etwa bei einer Plausibilitätsprüfung die Abrechnung von Leistungen für anderweitige Behandlungen als Erkrankungen gemäß den Psychotherapie-Richtlinien fest, könnte dies zu einer Rückforderung des Honorars führen. Es wäre laut anwaltlicher Auskunft auch eine Anzeige wegen Betrugs denkbar. Das bedeutet nichts anderes, als dass Psychotherapeuten/-innen psychische Erkrankungen lege artis so kurz wie möglich und so lange wie nötig gewissenhaft und kompetent gemäß den vorgegebenen Indikationen behandeln. Somit ist also die im Artikel angedachte Wiedereinführung von ärztlichen Überweisungen zur Psychotherapie als eine Art kontrollierend-überwachende „Gate-Keeper“-Funktion gänzlich kontraindiziert.

(...).

Dipl.-Psych. Regine Posé, Psychologische Psychotherapeutin, 50674 Köln

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Stellenangebote