ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2015Psychotherapie: Die Braven und die Cleveren
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Der Artikel erweckt den Eindruck, als müssten sich die Krankenkassen vor einer Flut von Psychotherapeuten schützen, die die Ausgaben im Gesundheitssystem ins Unermessliche steigen lassen. Dabei betrugen 2010 die Ausgaben für ambulante Psychotherapie 1,5 Milliarden Euro, was einem Anteil von sechs Prozent an den gesamten Honorarausgaben der gesetzlichen Krankenkasse für vertragsärztliche Leistungen entspricht. Demgegenüber ging laut Bundesregierung allein im Jahr 2008 ein Produktionsausfall von 26 (!) Milliarden Euro auf psychische Erkrankungen zurück.

Die Ausgaben müssten begrenzt werden, dem Gutachterverfahren wird von (Gutachter) Prof. Linden eine wichtige Rolle der Kontrolle attestiert. Das Gutachterverfahren diene der „Ressourcen-Allokation“, auch genannt Priorisierung. Mir ist keine Facharztgruppe bekannt, die bei so geringen Verdienstmöglichkeiten im Vergleich mit anderen Facharztgruppen ständig beweisen muss, dass ihre Leistungen „notwendig, indiziert, machbar, nützlich, hilfreich, wünschenswert, wirtschaftlich oder optimal“ sind. Wir Psychotherapeuten stellen dreiseitige, klein gedruckte DIN-A4-Anträge, damit wir 25-stündige Kurzzeittherapien um weitere 20 Sitzungen ergänzen dürfen, um Therapien angemessen fortführen zu können . . .

Man stelle sich vor, teure Untersuchungen, teils unnötige Operationen, Medikamente gegen Herzinsuffizienz in fortgeschrittenen Stadien, Chemotherapien, andere lebensverlängernde Maßnahmen, Intensivmedizin, teils langjährige nutzlose Psychopharmakotherapien müssten vorher beantragt und auf ihre „nachhaltige Wirkung“ begutachtet werden. Da liegt doch ein echtes Einsparpotenzial, oder? Welche Auswirkungen hat das leidige Gutachterverfahren aber auf uns Therapeuten?

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Die „braven“ Therapeuten schieben die Anträge auf, stöhnen, investieren die Zeit schließlich, setzen sich mit Gutachtern, eventuell noch Obergutachtern auseinander, kämpfen für ihre Patienten und freuen sich über die Bewilligung wie Kinder über den Weihnachtsmann. Wenn sie Glück haben, verdient der Ehepartner ganz gut, oder beide sind Therapeuten, dann geht’s irgendwie.

Die clevereren Kollegen machen nur noch Kurzzeittherapien, teilen den Patienten mit, dass die Kasse leider nicht mehr Sitzungen übernehmen wird, die verärgerten Patienten wechseln zu braven Therapeuten, die noch mal stöhnen und Therapien unter erschwerten gutachterlichen Bedingungen, weil Therapeutenwechsel, beantragen.

Die betuchteren Kollegen investieren Geld in teure Zusatzausbildungen, werden Supervisoren und Dozenten, wechseln die Seite und werden selbst Gutachter und klagen darüber, dass selbst Gutachter für Langzeittherapien, so sie überhaupt noch ambulante Therapie anbieten, Anträge bei den Gutachterkollegen stellen müssen.

Die Mutigeren unter uns geben ihren Kassensitz ab, weil sie keine Lust mehr haben, sich für Billiglohn auch noch ständig kontrollieren, einschränken und belehren zu lassen. Sie werden kreativ, innovativ, behandeln Privatpatienten und Selbstzahler, bieten neben ausgezeichneten Psychotherapien auch noch Beratung und Coaching an, verdienen ehrlich gutes Geld, freuen sich des Lebens, während die Braven spätabends noch an ihren Gutachten sitzen . . .

Dr. med. Johannes Abel, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 66954 Pirmasens

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