ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2015Neue Psychoaktive Substanzen: Wettlauf gegen neue Kreationen

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Neue Psychoaktive Substanzen: Wettlauf gegen neue Kreationen

Bühring, Petra

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Sogenannte Legal Highs – Kräutermischungen, Badesalze oder Research Chemicals – bergen große gesundheitliche Risiken, sind aber legal über den Online-Handel verfügbar. Der Gesetzgeber steht vor einem Problem.

Bunte Päckchen mit phantasievollen Namen und gefährlichen Inhaltsstoffen. Foto: mauritius images

Bunte Päckchen mit phantasievollen Namen und gefährlichen Inhaltsstoffen. Foto: mauritius images
rundschrift_Initial">Gerade hat der Bundesrat 32 neue psychoaktive Substanzen (NPS) unter das Betäubungsmittelgesetz (BtmG) gestellt und damit verboten. Obsolet wurde die Bezeichnung „Legal Highs“ damit jedoch nicht – das Problem besteht weiter. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hat allein im Jahr 2013 mehr als 80 NPS entdeckt, mindestens eine neue Substanz pro Woche. „Sobald etwas verboten wird, designen die Händler ganz schnell neue Produkte“, erklärte Dr. Bernd Werse, Center for Drug Research, Frankfurt am Main, bei einer Tagung der Landesarbeitsgemeinschaft Drogenpolitik von Bündnis 90/Die Grünen am 4. Dezember in Berlin.

Die chemische Struktur bereits verbotener Betäubungsmittel werde so verändert, dass die neue Substanz nicht mehr dem BtmG unterliegt, die gewünschte Wirkung aber erhalten bleibt oder noch verstärkt wird. „Auch aufgrund der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes werben die Händler inzwischen ganz offensiv mit dem Slogan: ‚legal high werden‛, berichtete Werse. Das Gericht hatte am 10. Juli 2014 entschieden, dass NPS keine Arzneimittel sind, ihr Inverkehrbringen kann also nicht strafbar ist. Vertrieben werden die Produkte über Online-Shops im europäischen Ausland. Die Substanzen selbst stammen zumeist aus China und Indien.

Manche synthetischen Cannabinoide oder synthetischen Cathinone/Phenylethylamine seien inzwischen bis zu 30-mal so hoch potenziert wie zu Beginn des Phänomens 2008 als die vermeintliche Kräutermischung „Spice“ auf den Markt kam, berichtet Dr. med. Volker Auwärter, Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Freiburg. „Wegen der hohen Potenz bei unterschiedlichen nicht ausgewiesenen Wirkstoffgehalten werden inzwischen viele Konsumenten in Krankenhäusern vorstellig.“ Die Symptome reichen von heftigem Erbrechen, Herzrasen, Orientierungsverlust, Kreislaufversagen, Ohnmacht und Wahnvorstellungen bis hin zum Versagen der Vitalfunktionen (siehe auch DÄ, Heft 9, 2014).

Die Mehrzahl der NPS, synthetische Cannabinoide, werden meist als Ersatz für Cannabis konsumiert, berichtete Sozialwissenschaftler Werse. Synthetische Cathinone/Phenylethylamine, auch als Badesalze, Raumerfrischer oder Research Chemicals bezeichnet, wirken ähnlich wie Amphetamine, Ecstasy oder LSD – die Konsumenten kommen häufig aus der Clubszene. Auch Designer-Benzodiazepine seien im Umlauf. Das Flash Eurobarometer der Europäischen Kommission fand eine Lifetime-Prävalenz für 15- bis 24-Jährige von acht Prozent in Europa und vier Prozent in Deutschland heraus. Eine Online-Befragung des Center for Drug Research zeigte, dass die Konsumenten zu 89 Prozent männlich sind, durchschnittlich 24 Jahre alt, über ein relativ hohes Bildungsniveau verfügen und fast immer bereits illegale Drogen konsumiert haben. Überdurchschnittlich häufig kommen sie aus den südlichen Bundesländern, vor allem aus Bayern. „Dort, wo die Verfügbarkeit illegaler Drogen eingeschränkt und das Strafverfolgungsrisiko hoch ist, ist der Absatz der ‚legalen‛ Drogen sehr hoch“, begründet Werse dieses Phänomen. Neben Neugierde und einfachem Bezug sei die Nichtnachweisbarkeit der Substanzen in Vortestverfahren, beispielsweise bei Polizeikontrollen, die Hauptkonsummotivation.

Großer Bedarf an Information auch bei Ärzten

Einen Präventionsansatz, der komplett online stattfindet, stellte Karsten Tögel-Lins, Basis e. V., in Frankfurt vor: www.legal-high-inhaltsstoffe.de. „Die Konsumenten tauschen sich online in Foren aus, der Handel findet im Netz statt – wir ziehen daraus die Konsequenz“, sagte der Sozialarbeiter. Er bietet mit einem weiteren Mitarbeiter Beratung für Konsumenten, Angehörige und Fachkräfte an. Ab Januar werden Schulungen für Ärzte angeboten – der Bedarf ist hoch. Die Webseite listet außerdem ausführliche Informationen und Analysen zu den Substanzen auf und aktualisiert diese ständig.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, bezeichnet das aktuelle Verbot von 32 weiteren NPS als „einen guten Weg“. Doch um den Wettlauf gegen immer neue, nur wenig veränderte psychoaktive Substanzen zu gewinnen, arbeiteten die zuständigen Bundesministerien „mit Hochdruck an einer umfassenden und wasserdichten gesetzlichen Regelung“.

Petra Bühring

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