ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2015Jugendschwangerschaften: Junge Väter brauchen Unterstützung

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Jugendschwangerschaften: Junge Väter brauchen Unterstützung

Sonnenmoser, Marion

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Während es mittlerweile zahlreiche Hilfsangebote für minderjährige Mütter gibt, wird Vätern unter 18 Jahren kaum Beachtung geschenkt. Doch sie haben ein erhöhtes Risiko, depressiv zu werden.

Tendenziell werden in den westlichen Industrienationen Frauen und Männer immer später Eltern. Dennoch gibt es nach wie vor junge Menschen, die vor dem Erreichen der Volljährigkeit Kinder bekommen. Laut Pro Familia werden in Deutschland gegenwärtig pro Jahr sieben bis acht von 1 000 Frauen im Alter von 15 bis 17 Jahren beziehungsweise 2,4 Prozent aller Frauen in Deutschland vor ihrem 18. Geburtstag schwanger. Als Ursachen für Jugendschwangerschaften gelten beispielsweise mangelnde Aufklärung, unwirksame Verhütungspraktiken oder unterlassene Verhütung sowie die immer früher stattfindende Aufnahme sexueller Aktivitäten. Nur selten werden Schwangerschaften von Minderjährigen explizit gewünscht und herbeigeführt.

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Während es mittlerweile zahlreiche Hilfsangebote für minderjährige Mütter gibt, wird Vätern unter 18 Jahren kaum Beachtung geschenkt. Ihre Belange erscheinen im Vergleich zu den dringlichen medizinischen, sozialen, finanziellen und organisatorischen Belangen von Müttern und Kindern eher sekundär. Dass auch sie Hilfe und Unterstützung bedürfen, zeigt zum Beispiel eine amerikanische Studie von Psychologen um Yookyong Lee von der Temple University in Philadelphia (USA). Die Wissenschaftler fanden heraus, dass junge Väter ein erhöhtes Risiko haben, depressiv zu werden, vor allem wenn sie sozial nicht unterstützt werden und keine Arbeit finden.

Zwei Entwicklungsaufgaben gleichzeitig bewältigen

Junge Väter müssen zwei Entwicklungsaufgaben gleichzeitig absolvieren: die Pubertät und die Vaterschaft. Das bedeutet, dass sie sich altersgemäß in einer Lebensphase befinden, in der sie sich selbst noch nicht gefunden haben – trotzdem müssen sie sich bereits um andere verantwortungsvoll kümmern. Dies geht mit ambivalenten Gefühlen einher, nämlich einerseits mit Stolz und Freude über die Vaterschaft und die kleine Familie, andererseits mit Ängsten, Wut, Überforderung und Hilflosigkeit.

Die Herausforderung, eine doppelte Entwicklungsaufgabe leisten zu müssen, kann jungen Vätern nach Ansicht der amerikanischen Psychologen Mark Kiselica (Iona College, New Rochelle, USA) und Andrew Kiselica (University of South Florida, Florida, USA) gelingen, wenn eine positive, kooperative Beziehung zur Partnerin besteht und eine enge Bindung zum Kind aufgebaut werden kann. Förderlich sind darüber hinaus Unterstützung von unterschiedlichen Netzwerken und ein geregeltes Einkommen. Die gleichzeitige Bewältigung von Pubertät und Vaterschaft wird hingegen erschwert, wenn bestimmte Risikofaktoren vorliegen, wie zum Beispiel Probleme mit der eigenen Familie, insbesondere mit dem Vater, wenn dieser die Familie verlassen hat oder die Kinder vernachlässigt und kein Rollenvorbild ist. Weitere Risikofaktoren sind Spannungen und Zerwürfnisse mit der Partnerin und deren Familie, vor allem wenn es um Erziehung, Kindesbetreuung, Sorgerecht und Unterhalt geht. Viele junge Väter weisen darüber hinaus folgende Merkmale auf, die ebenfalls als Risikofaktoren gelten: geringes oder kein Einkommen, aus einer sozioökonomisch schwachen Schicht stammend, Probleme in Schule und Berufsausbildung oder deren Abbruch, fehlende Ausbildungsstelle oder Arbeitslosigkeit, geringe Bildung, schlechte körperliche und psychische Gesundheit, ein delinquenter Freundeskreis sowie wenig Unterstützung durch das soziale Umfeld und durch Behörden. Die Eltern minderjähriger Väter sind oft keine große Hilfe, denn sie sind nicht selten alleinerziehend, häufig selbst in sehr jungem Alter Eltern geworden, leiden mitunter an einer psychischen Erkrankung und kommen oftmals ihrer elterlichen Aufsichtspflicht nicht genügend nach. Auch berichten viele junge Väter von Missbrauchserfahrungen in der Kindheit, von einem gespannten Verhältnis zur Herkunftsfamilie, von vielen familiären Veränderungen oder von einem Abbruch des Kontakts zur Familie. Manche konsumieren zudem Drogen und Alkohol und sind auch schon straffällig geworden.

Gewinnen solche Risikofaktoren die Überhand, lässt sich eine Negativentwicklung wie die folgende kaum aufhalten: Die jungen Männer fühlen sich unverstanden und isoliert. In der Folge verhalten sie sich riskant und delinquent, vernachlässigen ihre Ausbildung und finden daher auch keine Arbeit. Es kommt zu Spannungen mit der Partnerin und deren Familie, die daraufhin den Kontakt zum Kind erschwert. Möglicherweise vernachlässigen die frustrierten jungen Männer auch von sich aus den Kontakt zum Kind und brechen ihn irgendwann ganz ab. Die Beziehung zur Partnerin geht in die Brüche, der Unterhalt kann nicht aufgebracht werden und es kommt zu weiteren Auseinandersetzungen mit der Partnerin und den Behörden. Der Stress wird immer größer, sodass sich bald auch noch psychische und körperliche Erkrankungen einstellen. Junge Väter können auf diese Weise in ernsthafte Krisen geraten, aus denen ihnen kaum jemand heraushilft.

„Dass junge Väter nur wenig Hilfe erhalten, liegt einerseits an fehlenden Angeboten, andererseits an ihnen selbst“, sagen Kiselica und Kiselica. Für junge Väter gibt es im angloamerikanischen und deutschsprachigen Raum insgesamt nur sehr wenig Unterstützung vonseiten des Staates oder sozialer und medizinischer Einrichtungen, die sich ausschließlich an diese Zielgruppe richten. Die meisten Angebote sind auf die Bedürfnisse junger Mütter und deren Kinder zugeschnitten und somit für junge Väter wenig attraktiv. Laut den Autoren sind die bestehenden Angebote zudem oft personell und finanziell nicht ausreichend ausgestattet, ihre Laufzeit ist zu kurz, sie kooperieren nicht genügend mit verschiedenen Anlaufstellen, gehen zu wenig auf die individuelle Lebenssituation der jungen Männer ein und sind räumlich und zeitlich zu unflexibel, um die Zielgruppe wirklich erreichen zu können. Darüber hinaus mangelt es häufig an der Koordination verschiedener Hilfsangebote, wie zum Beispiel Beziehungs- und Familienberatung, Erziehungshilfe, Unterstützung in der Schule und bei der Jobsuche, medizinische und juristische Beratung, Kriseninterventionen und vielem mehr. Junge Väter suchen aber auch von sich aus zu wenig Unterstützung, zum einen aus Scham und mangelndem Wissen um Hilfsangebote, zum anderen aus einem falsch verstandenen Männlichkeitsbild heraus, wonach Männer keine Schwäche zeigen dürfen.

Junge Väter werden häufig an den Rand gedrängt

Ein weiterer Grund dafür, dass sich für junge Väter kaum jemand engagiert, liegt an einem Vorurteil: Sie gelten gemeinhin als verantwortungslose Personen, die ein Mädchen verführt haben und es sitzen lassen, sobald es schwanger wird. Diesen negativen Ruf empfindet die kanadische Psychotherapeutin Annie Devault von der Université du Québec en Outaouais (Kanada) als ungerecht. Denn sie hat im Lauf ihrer Arbeit mit jungen Vätern viele kennengelernt, die sich über ihr Kind freuen und dafür Verantwortung übernehmen wollen. Sie fordert daher eine veränderte Sichtweise auf Teenage-Väter und deren Belange. Ihrer Erfahrung nach leiden junge Väter darunter, dass ihnen oft nicht zugetraut wird, die Vaterrolle zu übernehmen. Ihre Aufgaben werden von der Partnerin, deren Familie und anderen Helfern übernommen, während sie selbst an den Rand des Geschehens gedrängt werden. „Sie beschweren sich darüber, dass sie nicht wahrgenommen werden“, berichtet Devault. Außerdem haben junge Väter das Gefühl, dass sie stets beweisen müssten, dass sie gute Väter sein können. Sie wünschen sich daher nichts mehr, als ernst genommen zu werden und dass man ihnen vertraut und ihre elterlichen Bemühungen anerkennt. „Junge Väter haben ein großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Unterstützung“, meint die Autorin. Sie selbst hat schon oft erfahren, dass die Geburt eines Kindes ein sehr wichtiger Einschnitt im Leben eines Mannes ist, unabhängig von seinem Alter. Die Vaterschaft erfüllt einen Mann mit Stolz und motiviert ihn, sein Bestes zu geben. Jungen Vätern, die oftmals aus desolaten Verhältnissen stammen und in ihrem Leben orientierungslos sind, kann ein Kind eine Richtung geben. Es spornt sie an, sich zu besinnen, sich zu verändern, zu bessern und Verantwortung zu übernehmen – für die Familie und für sich selbst. Ein Kind macht junge Väter oft auch ruhiger und stabiler, es erfüllt sie und lässt sie reifen. Darüber hinaus verschafft es ihrem Leben einen Sinn und veranlasst sie, dem Kind bessere Startchancen zu verschaffen als sie selbst sie hatten.

Da sich viele junge Väter trotz guten Willens jedoch nicht vorbereitet fühlen, ein Kind großzuziehen, und nur wenige Kenntnisse über Kinder haben, kann es schnell zu Überforderung und unangemessenen Verhaltensweisen gegenüber dem Kind kommen. Daher sind umfassende Hilfen, die auch psychosoziale Begleitung und Psychotherapie einschließen können, nach Meinung von Devault dringend geboten.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Devault A: Commentary on the complicated worlds of adolescent fathers. Psychology of Men and Masculinity 2014; 15(3): 275–7.
2.
Kiselica M, Kiselica A: The complicated worlds of adolescent fathers. Psychology of Men and Masculinity 2014; 15(3): 260–74.
3.
Lee Y, Fagan J, Chen WY: Do late adolescent fathers have more depressive symptoms than older fathers? Journal of Youth and Adolescence 2012; 41(10): 1366–81.
1.Devault A: Commentary on the complicated worlds of adolescent fathers. Psychology of Men and Masculinity 2014; 15(3): 275–7.
2.Kiselica M, Kiselica A: The complicated worlds of adolescent fathers. Psychology of Men and Masculinity 2014; 15(3): 260–74.
3.Lee Y, Fagan J, Chen WY: Do late adolescent fathers have more depressive symptoms than older fathers? Journal of Youth and Adolescence 2012; 41(10): 1366–81.
4.Pro Familia: Jugendschwangerschaften in Deutschland I. Köln, 2008. http://www.profamilia.de/ fileadmin/publikationen/ Fachpublikationen/ fakten_Hintergruende_Jugendschwangerschaften1.pdf

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