ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2015Kunst in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, Berlin: Gegen das eigene Chaos

KULTURTIPPS

Kunst in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, Berlin: Gegen das eigene Chaos

Bühring, Petra

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August Natterer: Satana, 1911. Bleistift und Deckfarben, gefirnisst, auf Karton, auf Holzpappe aufgezogen, 41 x 28,6 cm. Sammlung Prionzhorn, Heidelberg
August Natterer: Satana, 1911. Bleistift und Deckfarben, gefirnisst, auf Karton, auf Holzpappe aufgezogen, 41 x 28,6 cm. Sammlung Prionzhorn, Heidelberg

Die Ausstellung „Das Wunder in der Schuheinlegesohle“ zeigt rund 120 beeindruckende Werke aus der Sammlung Prinzhorn.

Die Bilder stammen aus einer Zeit, als es in psychiatrischen Kliniken noch keine Kreativtherapie gab und auch keine Psychopharmaka – sie sind aus dem Bedürfnis entstanden, Bilder gegen das eigene Chaos zu schaffen“, erklärt Kyllikki Zacharias, Kuratorin der Nationalgalerie, Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin. Sie habe aus der umfassenden Sammlung Prinzhorn in Heidelberg 120 Werke, Bilder und Skulpturen ausgewählt, „die mich ansprachen“. Meist sind Blicke in und auf den Körper zu sehen und es sind, wenn überhaupt, nur Kleinigkeiten, die etwas ver-rückt sind: zu kurze Arme etwa oder eine ungewöhnliche Schnurrbartlänge.

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Der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn rief 1919, damals Assistenzarzt an der Universitätsklinik Heidelberg, alle psychiatrischen Kliniken in Deutschland auf, „künstlerische Patientenwerke zum Aufbau eines Museums für psychopathologische Kunst“ einzureichen. „Damals gab es keine Wertschätzung für Werke von Patienten, die diese oft zur Zeitstrukturierung oder als Selbstheilungsversuch erschufen. Die meisten Bilder wurden einfach weggeworfen“, berichtet Thomas Röske, Leiter der Sammlung Prinzhorn. Doch manchmal hätten Ärzte besondere Arbeiten aufbewahrt und diese dann nach Heidelberg geschickt. Mehr als 5 000 Werke sammelte Prinzhorn auf diese Weise, auf deren Grundlage er 1922 sein Buch „Die Bildnerei der Geisteskranken“ publizierte. Der ungewöhnliche Bildband, der Werken von „Geisteskranken“ erstmals den Rang von Kunst zugestand, „avancierte rasch zur Bilderbibel der zeitgenössischen Kunstwelt“, sagt Kuratorin Zacharias. Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner oder Künstler im Umkreis des „Blauen Reiter“ wie Wassily Kandinsky oder Paul Klee seien an der emotionalen und seelischen Komponente des Künstlerischen genauso interessiert gewesen wie der Spätsymbolist Alfred Kubin oder die Surrealisten, die den Wahnsinn gar zu einem ihrer Ideale erklärten. Deren Vordenker André Breton pries die „alles überwindende Kraft des Wahnsinns“ im „Ersten Manifest des Surrealismus“ von 1924. Und so passen die Werke auch ideal in die Sammlung Scharf-Gerstenberg, die zur Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin gehört und schwerpunktmäßig Surrealismus zeigt. Petra Bühring

„Das Wunder in der Schuheinlegesohle“ ist bis zum 6. April in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstrasse 70, 14059 Berlin zu sehen. Telefon: 030/266424242, service@smb.museum

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