ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2015Neurowissenschaft: Ausgewogen und spannend

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Neurowissenschaft: Ausgewogen und spannend

Koch, Joachim

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Mit einer Vielzahl spannender neuerer Erkenntnisse der neuronalen Grundlagen geistig-psychischen Erlebens, der Grundlagen von Persönlichkeit, dem Entstehen psychischer Erkrankungen und zu den Wirkweisen von Psychotherapie wartet dieses Buch auf. Gerhard Roth zieht seit Jahrzehnten immer wieder mit verschiedenen Themen, wie Konstruktivismus oder Willensfreiheit, mediales Interesse auf sich; mit Büchern über die Funktionsweise des Gehirns ist er zu einem der populärsten Hirnforscher in Deutschland geworden ist. In Zusammenarbeit mit Nicole Strüber gelingt es Roth, bei diesem Buch das Thema tiefer und ausgewogener zu behandeln als andere Themen in früheren Publikationen.

Nachdem die Leserschaft mit den neurochemischen Systemen vertraut gemacht wurde, bei denen die Neuromodulatoren Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Acetylcholin, Oxytocin sowie endogene Opiate bedeutend sind, werden die sechs psychoneuralen Grundsysteme (Stressverarbeitungssystem, internes Beruhigungssystem, internes Bewertungs- und Belohnungssystem, Impulshemmungssystem, Bindungssystem und System des Realitätssinns und der Risikobewertung) behandelt, die die Persönlichkeit und die psychische „Verfasstheit“ eines Menschen bedingen.

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Ausführlich geht es dann um die Entstehung psychischer Erkrankungen und ihrer Therapien aus neurobiologischer Sicht. Die jeweils spezifischen neuromodulatorischen Fehlregulationen von sechs psychischen Erkrankungen (Depressionen, Angststörungen, PTBS, Zwangsstörung, Borderline-Erkrankung, Antisoziale Persönlichkeitsstörung) werden behandelt. Anschließend werden Ergebnisse von Wirksamkeitsuntersuchungen von Psychotherapie aus neurowissenschaftlicher Sicht referiert. Das Paradigma der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), dass mittels der Kognitionen die Emotionen beeinflusst werden können, wird als unzutreffend abgelehnt und gefolgert, dass KVT-Behandlungen umso wirksamer sind je „emotionalere“ Elemente sie enthalten. Auch die Psychoanalyse muss Federn lassen, die Traumdeutung, die Trieblehre sowie das Aufdecken „unbewusster“ Motive durch den Psychoanalytiker sind aus neurobiologischer Sicht empirisch fragwürdig.

Als wichtigster Faktor für den Behandlungserfolg wird mit Klaus Grawe ein positives Verhältnis zwischen Klient und Behandler angeführt, spannend sind hier die Beschreibungen der komplexen neuromodulatorischen Vorgänge. Diese „therapeutische Allianz“ (das darf nicht als Placebo-Wirkung abgewertet werden) umfasst die erste Phase einer jeden Psychotherapie (gleich welcher Fachrichtung), die bei leichteren Erkrankungen schon ausreichend wirkt. In der zweiten Therapiephase muss der Patient selbst etwas tun und neue Weisen des Fühlens, Denkens und Handelns einüben. Diese zweite Phase ist bei früh angelegten komplex bedingten Störungen notwendig. Hier spielt die Neubildung von Nervenzellen in limbischen Strukturen eine wichtige Rolle. Strüber und Roth diskutieren auch philosophische Fragen des Dualismus und Reduktionismus. Für den eiligen Leser werden die wichtigsten Erkenntnisse im letzten Kapitel des Buches auf 15 Seiten zusammengefasst. Joachim Koch

Gerhard Roth, Nicole Strüber: Wie das Gehirn die Seele macht. Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 425 Seiten, gebunden, 22,95 Euro

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