ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2015Myanmar: Haare lassen für Buddha

KULTUR

Myanmar: Haare lassen für Buddha

Schiller, Bernd

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Wie kleine Jungen zu Novizen eines Klosters am Chindwin-Fluss werden

Kyio ist gerade einmal fünf Jahre alt. Er ist aufgeregt, er spürt, dass heute etwas Besonderes passieren wird. Wie sein gleichaltriger Freund Soe, mit dem er gestern noch stundenlang Kickball gespielt hat, ist er heute in ein festliches rotes Seidengewand gehüllt, während der zwei Jahre ältere Nachbarsjunge Win Win ein weißes Kleid trägt, mit vielen gold- und rotfarbenen Pailletten bestickt.

Vier Buben sind es, die so geschmückt an der Hand ihrer Eltern dem Kloster von Moketaw zustreben. Moketaw ist ein Dorf am Mittellauf des Chindwin, des größten Nebenflusses des Ayeyarwady, der Lebensader Myanmars. Die Region an der Grenze zu Indien, weit im Nordwesten des Staates, der früher Burma hieß, war lange Zeit Sperrgebiet. Erst seit der überraschenden und behutsamen Öffnung des Landes, kann der Fluss auch von Ausländern befahren werden.

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Eintritt in ein neues Leben: Die Jungen tauschen ihre Festroben gegen schlichte rostrote Mönchsgewänder
Eintritt in ein neues Leben: Die Jungen tauschen ihre Festroben gegen schlichte rostrote Mönchsgewänder

Es ist der dritte Tag unserer Flussreise, als wir in Moketaw anlegen. Es regnet heftig. Der Weg zum Kloster ist verschlammt und nahezu unpassierbar.

Das Dorf steht Spalier zu Ehren der „kleinen Prinzen“

Das ganze Dorf steht Spalier zu Ehren der Jungen, die in den nächsten Stunden in die buddhistische Klostergemeinschaft aufgenommen werden sollen. Moketaw ist ein ärmlicher Ort; niemand kann sich hier ein Pferd leisten, auf dem anderswo, in Städten wie Mandalay oder Bagan, die kleinen Prinzen, wie sie genannt werden, zum Kloster reiten. Die schöne Kleidung, der festliche Rahmen, der Ritt hoch zu Ross, soll an Rahula erinnern, den einzigen Sohn Siddharta Gautamas, des historischen Buddha. Als Knabe mit sieben Jahren, so sagt die Legende, ist Rahula in den Orden seines Vaters eingetreten, als dieser zum Erleuchteten, zum Buddha geworden war. Mit zwanzig, nachdem er den Vater jahrelang auf dessen Wanderungen durch Nordindien begleitet hatte, war Rahula schließlich ein Bhikku geworden, ein „vollwertiger“ Mönch.

Die Rasur der Haare ist ein Bekenntnis zur Schlichtheit
Die Rasur der Haare ist ein Bekenntnis zur Schlichtheit

So ist es in den Ländern des Theravada-Buddhismus, der „alten Lehre“, die in Sri Lanka, Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha gepflegt wird, noch heute. Kyio, Soe und ihre Freunde aus Moketaw werden zunächst für ein paar Wochen oder Monate im Kloster bleiben, sie werden lesen und schreiben lernen und die wichtigsten Grundregeln der Lehre, zum Beispiel nicht zu töten, nicht zu stehlen, keine Lügen zu verbreiten, sich nicht zu schmücken, nicht in besonders hohen oder großen Betten zu schlafen, kein Geld anzunehmen.

Fotos: Bernd Schiller
Fotos: Bernd Schiller

Eintritt in eine Gesellschaft, in der das Materielle nicht zählt

Musik setzt ein im Kloster, Trommeln werden geschlagen, Blasinstrumente dröhnen nach draußen, wo inzwischen eine grelle und heiße Sonne den Regen verdrängt hat. Die Angehörigen der künftigen Novizen legen Blumen und Früchte vor die Buddhastatuen, dann übergeben sie ihre Kinder dem Abt und seinen Helfern. Die tief respektierten Mönche sprechen ihnen in sanfter Tonlage Mut zu.

Denn nun müssen die Jungen ihre Haare lassen für Buddha. Ihnen wird der Kopf geschoren als Zeichen des Eintritts in eine Gesellschaft, in der das Materielle nicht zählt. Glücklich sieht dabei keiner der vier Novizen aus. Und das Seidengewand wird gleich darauf gegen die schlichte rostrote Robe ausgetauscht. Knapp zwei Stunden steht das kleine Novizen-Quartett noch im Mittelpunkt des Interesses. Dann geht das Leben im Dorf wieder seinen gewohnten Gang.

Kyio, Soe, Saw und Win Win werden morgen früh um 4.30 Uhr geweckt werden, waschen, Andacht, Gebet. Dann, noch vor Sonnenaufgang, steht der Gang mit der Almosenschale an. Es ist eine Ehre für die Dorfbewohner, das Auskommen der Mönche zu sichern. Denn dabei fällt gutes Karma für sie ab.

Bernd Schiller

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