ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2015Weibliche Sinnlichkeit: Bewundernswerte Offenheit

BÜCHER

Weibliche Sinnlichkeit: Bewundernswerte Offenheit

Moser, Tilmann

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

„Alle Versuche, den weiblichen Orgasmus zu begrenzen, resultieren aus einer unvollständigen, parteilichen, manchmal sogar lächerlichen Sichtweise, die versucht, ein einziges Modell sexueller Befriedigung zur Anwendung zu bringen, und die der Tendenz nach die Aufdeckung des weiblichen Geheimnisses verhindert.“ Das „Modell“ ist natürlich das von Freud, der die Frau als Mangelwesen definiert hat. Alizade rechnet ziemlich gnadenlos mit Freud ab und lenkt die Aufmerksamkeit auf die subtilen, aber nicht weniger intensiven Prozesse zwischen Mutter und Kleinkind um die unendliche Berührungsvielfalt einschließlich des Stillens. Sie sieht diese wirkungsvoller am Werk beim kleinen Mädchen. Freud selbst hat den Zustand des Babys nach den Stillen als eine Vorform des Orgasmus bezeichnet.

Mangels eines sichtbaren Penis mit seiner Hauptaufgabe der aktiven Friktion und seiner narzisstischen Besetzung, breitet sich bei der Frau die erotische Energie über den ganzen Körper aus, so dass jede Stelle sexuell aufgeladen werden kann – liebende Zärtlichkeit des Partners vorausgesetzt. Aber: „Zärtliche Zuwendung wird von vielen Männern, für die Weiblichkeit Angst auslösend ist, unbewusst abgelehnt.“ Deshalb ist die vom Mann angestrebte „Erfüllung durch Entladung“ oft ein Betrug an der Frau, die entweder gezwungen ist, sich mit dem Mann zu identifizieren oder einen eigenen Orgasmus vorzutäuschen, um im zweifelhaften Einklang mit ihm zu bleiben.

Anzeige

„Die Frau stellt . . . sich für dieses Spiel zur Verfügung und bietet ihre Genitalien an, damit die sexuelle Entladung . . . so schnell wie möglich vonstatten gehen kann.“ „Sie sucht nach diesem handfesten, lokalisierbaren Orgasmus, indem sie ihre erotische Wahrnehmungen unterdrückt und einen Teil ihres erotischen Vergnügens selbst abwehrt.“ Betrachtet man die meist von Männern gedrehten pornografische Filme, so fällt die hypermotorische Aktivität der phallozentrischen Männer auf, die oft gymnastischen Übungen gleicht.

Alizade unterscheidet deshalb Lust von Genuss, den sie als zusammengesetzt deutet aus Triebbefriedigung, Zärtlichkeit und einhüllender Liebe. Mit dem überaus zärtlich geschriebenen „Lehrbuch“ für Frauenversteher umwirbt sie die Frauen mit neuem erotischen Selbstwertgefühl und die Männer mit umwerfend neuen Erkenntnissen zur geheimnisvollen Orgasmusform ihrer Partnerinnen: „maximale Intimität“. Es genügt vollkommen, wenn man die Lektüre mit dem dritten Kapitel beginnt, wo sie bewundernswert offen zur Sache geht. Tilmann Moser

Alcira Mariam Alizade: Weibliche Sinnlichkeit. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2014, 244 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote