ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2015Zwanghaftes Kaufen: Rat zur psychotherapeutischen Hilfe

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Zwanghaftes Kaufen: Rat zur psychotherapeutischen Hilfe

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Viele Menschen gehen gerne „shoppen“, für rund sieben Prozent aller Menschen wird Einkaufen jedoch regelmäßig zum Rausch. Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) rät Betroffenen zu einer Psychotherapie. Dies gelte insbesondere, wenn exzessives Kaufen zusammen mit weiteren psychischen Erkrankungen wie Depressionen auftritt.

Für Kaufsüchtige ist nicht der Besitz einer Sache das Ziel, sondern das Kaufen selbst löst ein zumindest kurzweiliges Glücksgefühl aus. Doch dieses Glück ist von kurzer Dauer: „Der Kaufepisode geht eine Phase der Depression, Anspannung oder Langeweile voraus“, erläutert Privatdozentin Dr. med. Dr. phil. Astrid Müller von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Der Kauf werde dann kurzfristig als Befreiung, Vergnügen, Wohlgefühl oder Belohnung empfunden. Schon bald stellen sich Gewissensbisse und Scham ein. Die gekauften Gegenstände würden oft versteckt, gehortet, weggegeben oder einfach vergessen. Doch die Folgen der Erkrankung ließen sich nicht verbergen: substanzielle soziale, finanzielle und nicht selten juristische Probleme.

Müller ist davon überzeugt, dass zwanghaftes Kaufen eine psychische Störung ist, die keineswegs selten vorkommt. Mehrere Untersuchungen zeigten bereits: Rund sieben Prozent aller Menschen zeigen Symptome zwanghaften Einkaufens. Die Annahme des Kaufzwangs als psychische Erkrankung sei nicht nur eine Frage der Klassifizierung, vielmehr werde damit eine Verhaltensstörung als solche anerkannt. Das schärfe das öffentliche Problembewusstsein und helfe den Betroffenen.

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In aktuellen Studien geht Müller Ursachen der Erkrankung auf den Grund. Sie untersucht, ob die Kaufsucht dadurch entsteht, dass Patienten sich gegen die von der Werbung ausgehenden Impulse nicht wehren können. „Wir fanden auch Hinweise darauf, dass das zwanghafte Kaufen durch grundsätzliche Persönlichkeitsvariablen begründet sein könnten“, sagt Müller. Beispielsweise zeigten viele Patienten im „Iowa Gambling Task“ eine auffällige Risikobereitschaft, die mögliche negative Konsequenzen leicht vergessen lässt.

Kaufsucht tritt häufig in Kombination mit weiteren psychischen Erkrankungen auf. „Fast zwei Drittel unserer Patienten haben eine Depression“, berichtet Müller. Andere leiden an zwanghaftem Horten – das dem Messie-Syndrom sehr ähnlich ist. Die Psychologin wendet eine Verhaltenstherapie an, die die Krankheitseinsicht fördert und dem Patienten Möglichkeiten aufzeigt, den Kaufdrang zu relativieren und den Kaufrausch zu vermeiden. EB

Mueller A, Mitchell JE, Crosby RD, et al.: Estimated prevalence of compulsive buying in Germany and its association with sociodemographic characteristics and depressive symptoms. Psychiatry Research 2010; 180: 137–42. www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20494451.

Möllenkamp M, de Zwaan M, Müller A: Hoarding with and without Excessive Buying: Results of a Pilot Study.Psychopathology. 2014 Aug 26. www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25171658.

Müller A, Claes L, Georgiadou E, et al.: Is compulsive buying related to materialism, depres-sion or temperament? Findings from a sample of treatment-seeking patients with CB. Psychiatry Research 2014; 216: 103–7. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24530158.

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