ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2015Klinische Ethikberatung: Haltungen vermitteln, ohne zu bewerten

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Klinische Ethikberatung: Haltungen vermitteln, ohne zu bewerten

Dtsch Arztebl 2015; 112(3): A-77 / B-68 / C-67

Klinkhammer, Gisela

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Die Akademie für Ethik in der Medizin hat Empfehlungen erarbeitet, in denen definiert wird, welche Kompetenzen für Ethikberatung erforderlich sind.

Es gibt zahlreiche Gründe für die Einberufung einer Fallbesprechung. So können zum Beispiel Ärzte oder Pflegende das Gefühl haben, dass eine Therapie ohne ein vernünftiges Ziel fortgeführt wird und sehen deshalb Beratungsbedarf. Foto: picture alliance
Es gibt zahlreiche Gründe für die Einberufung einer Fallbesprechung. So können zum Beispiel Ärzte oder Pflegende das Gefühl haben, dass eine Therapie ohne ein vernünftiges Ziel fortgeführt wird und sehen deshalb Beratungsbedarf. Foto: picture alliance

Immer mehr Krankenhäuser in Deutschland haben eine klinische Ethikberatung etabliert. Das geht aus einer Studie hervor, die Dr. Maximilian Schochow vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in Halle-Wittenberg vor kurzem in Hannover vorstellte. Dieser Studie zufolge, die unter Leitung des Institutsdirektors Prof. Dr. Florian Steger im Herbst 2014 abgeschlossen wurde, hatten von 599 antwortenden Krankenhäusern 494 Einrichtungen (83,4 Prozent) Strukturen klinischer Ethikberatung implementiert. Der bereits 2005 festgestellte Trend, dass überwiegend die konfessionellen sowie die mittleren und großen Krankenhäuser eine Struktur implementiert haben oder diese aufbauen, hat sich in der neuen Studie bestätigt. So haben inzwischen 91,5 Prozent der konfessionellen Krankenhäuser in Deutschland eine klinische Ethikberatung aufgebaut beziehungsweise sie befindet sich im Aufbau. Die Implementierungsquote an großen Krankenhäusern beträgt 97 Prozent. Bei kleinen Krankenhäusern sind es dagegen nach wie vor nur 30,3 Prozent. Insgesamt stellt die bereits in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (2014; 139 [43] 2178–2183) publizierte Studie jedoch fest, dass die Strukturen klinischer Ethikberatung inzwischen deutschlandweit als Mittel zur Lösung ethischer Konflikte im klinischen Alltag anerkannt sind.

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Ethische Begründungen

Doch warum braucht man überhaupt klinische Ethikberatung? Was kann, und was soll sie leisten? „Es geht darum, Therapiezielfindungen in komplexen Vorgängen zu begleiten, wenn ethische Begründungen und Normen ganz entscheidende Argumente darstellen können“, brachte es Dr. med. Gertrud Greif-Higer, Geschäftsführende Ärztin des Ethikkomitees, Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und
Psychotherapie, Universitätsmedizin Mainz, auf den Punkt. Damit befinde man sich aber in einem „extrem interdisziplinären Feld mit Ärzten, Pflegern, kirchlichen Seelsorgern, Juristen und Sozialarbeitern“. Zahlreiche Kompetenzen müssten gebündelt werden, um sehr problematische Fälle zu lösen. Dazu seien Fertigkeiten wie Moderation, Kommunikation und Beratung erforderlich. „Es geht darum, eine Systematik zu erhalten, um die Rolle des ,Strangers at the Bedsideʻ wahrnehmen zu können.“ Darüber hinaus bedürfe es eines ethischen Grundwissens als Voraussetzung für eine Bewertung. Die moralische Intuition allein reiche dazu nicht aus. Erforderlich seien vielmehr verbindliche Vorgaben, welche Qualifikationen ein Ethikberater beziehungsweise eine Ethikberaterin erfüllen müssten.

Aus diesem Grund hat die Akademie für Ethik in der Medizin (AEM) als zuständige Fachgesellschaft Empfehlungen („Kompetenzstufen für Ethikberatung im Gesundheitswesen“) erarbeitet, in denen definiert wird, welche theoretischen und praktischen Kompetenzen Personen, die in der Ethikberatung tätig sind, mindestens haben sollten (siehe Kasten).

„Dieses Zertifizierungsprogramm ist nicht aus dem Nichts entstanden, sondern das Ergebnis jahrelanger Arbeit“, berichtet Greif-Higer. Bereits im Jahr 2005 hätten Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft „Ethikberatung im Krankenhaus“ der AEM ihre Erfahrungen in einem Curriculum zusammengefasst. Dieses Curriculum hat nach eigenen Angaben das Ziel, „Menschen mit unterschiedlichem Erfahrungshintergrund (Medizin, Pflege, Seelsorge, Sozialdienst, Recht, Patientenvertretung) zu eigenverantwortlichen und kompetenten Ethikberaterinnen und Ethikberatern auszubilden“.

Die ersten Kompetenzstufen

Bei den jetzt verabschiedeten Empfehlungen handelt es sich um Kompetenzstufen, die aufeinander aufbauen. Ziel der ersten Kompetenzstufe („Ethikberater/-in im Gesundheitswesen“) ist es, „qualifiziert, eigenständig und eigenverantwortlich ethische Fallbesprechungen (Ethik-Fallberatungen) in Einrichtungen des Gesundheitswesens durchzuführen“. Es geht darum, „ein ethisches Problem zu erkennen und zu reflektieren, den Prozess der Entscheidungsfindung im Rahmen einer Ethik-Fallberatung zu moderieren und praktische Hilfestellung bei der Lösung eines ethischen Problems zu leisten“. Dazu seien grundlegende Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Bereichen Ethik, Organisation und Beratung erforderlich. Voraussetzung für diese Qualifikation sei eine Schulung und praktische Erfahrung in der Moderation von Ethik-Fallberatungen.

Die Stufe II, die die AEM „Koordinator/-in für Ethikberatung im Gesundheitswesen“ genannt hat, baut auf der ersten Qualifikationsstufe auf. Es geht darin unter anderem um die „eigenständige und eigenverantwortliche Koordination der verschiedenen Aufgaben der Ethikberatung“. Der Koordinator „besitzt vertiefte Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Bereichen Ethik, Organisation und Beratung und ist befähigt, Methoden der Qualitätssicherung und Evaluation von Ethikberatung anzuwenden“.

Keine bestimmte Moral

In der Stufe III werden „Trainer/-innen für Ethikberatung im Gesundheitswesen“ dazu qualifiziert, „Ethikberater/-innen und Koordinatoren/Koordinatorinnen für Ethikberatung auszubilden sowie die Implementierung von Ethikberatung in Einrichtungen des Gesundheitswesens als Berater/-in zu begleiten und zu evaluieren“.

Greif-Higer begrüßt diese Empfehlungen, weil die Stufen gut aufeinander aufgebaut seien und die jeweiligen Qualifizierungen keine bestimmte Moral oder Ausrichtung von Ethik vorgeben würden. Dennoch müsse die Praxis zeigen, an welchen Stellen es noch Verbesserungsbedarf gebe. Bereits jetzt gebe es Befürchtungen, dass durch die Bildung eines Expertengremiums mit Zertifikat Behandlern und Patienten die moralischen Entscheidung abgenommen würde. Doch gerade deshalb hält Greif-Higer die Zertifizierungen für sinnvoll. Wer in der Beratung tätig sei, dürfe lernen, Werte und Haltungen zu vermitteln, ohne sie zu bewerten oder zu priorisieren. Das Angebot verschiedener Fortbildungsinhalte müsse keineswegs dazu führen, dass man auf eine bestimmte Moral oder Haltung eingeschworen werde.

Der Züricher Geriater Priv.-Doz. Dr. med. Georg Bosshard plädiert ebenfalls für eine Qualifizierung von Ethikberatern. „Von jeder als klinischer Ethiker oder Ethikerin tätigen Person sollte eine abgeschlossene Berufsausbildung und eine sichere Sozialisation und damit verbundene abgeschlossene Identitätsbildung in einer der im Spital anerkannten Berufsgruppen, welche direkt in die Patientenbetreuung involviert sind, verlangt werden.“ Eine solche Identitätsbildung könne aber nicht allein mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung erreicht werden, ergänzt er kritisch, sondern es gehörten viele Jahre Berufstätigkeit im Spital dazu. Am besten wäre es seiner Ansicht nach sogar, wenn diese Tätigkeit neben der klinischen Ethikberatung weitergeführt werde, „um eben diese Identität nicht zu verlieren“. Das würde bedeuten, dass die klinische Karriere das entscheidende Kriterium bei der Bewertung eines Lebenslaufes eines klinischen Ethikers wäre, wohingegen dann die theoretisch-ethische Ausbildung ein Qualitätskriterium von sekundärer Bedeutung wäre.

Gisela Klinkhammer

„Ethikberatung – wohin?“, 13. November 2014 in Hannover, Tagung vom Zentrum für Gesundheitsethik an der Evangelischen Akademie Loccum in Kooperation mit der Akademie für Ethik in der Medizin, Göttingen, dem Deutschen Evangelischen Krankenhausverband, Berlin, und dem Katholischen Krankenhausverband Deutschlands, Freiburg

Ethikberatung im Gesundheitswesen

Aufbauend auf ihren Empfehlungen bietet die Akademie für Ethik in der Medizin die Möglichkeit einer freiwilligen Zertifizierung auf folgenden Stufen an:

  • Kompetenzstufe 1: Ethikberater/-in im Gesundheitswesen; Zielgruppe: Mitglieder eines Ethikberatungsgremiums (Klinisches Ethikkomitee, Ethik-Forum, Arbeitsgruppe Ethikberatung etc.)
  • Kompetenzstufe 2: Koordinator/-in für Ethikberatung im Gesundheitswesen; Zielgruppe: Vorsitzende/r eines Ethikgremiums, Leiter/-innen von Stabsstellen für Ethik
  • Kompetenzstufe 3: Trainer/-in für Ethikberatung im Gesundheitswesen; Zielgruppe: Personen, die Schulungen für Ethikberatung durchführen

Weitere Informationen zur Zertifizierung sowie die erforderlichen Antragsunterlagen: www.aem-online.de oder www.ethikkomitee.de

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