ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2015Medizingeschichte: Weniger schmerzhafter Tod
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. . . Dass im 16. und 17. Jahrhundert zum Tode Verurteilte durch die Medizin, vor allem die Anatomie, eine Form der „moralischen Rehabilitierung“ und einen Ausweg vor der Hinrichtung durch die Teilnahme an medikamentösen Experimenten erfuhren, ist angesichts des sozio-politischen und religiösen Kontexts weniger moralisch verwerflich, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. In den Dekaden konfessioneller Spaltungen und Hexenverfolgungen herrschten andere Konzepte über die Verfügbarkeit menschlichen Lebens und andere Vorstellungen des Jenseits. Folter gehörte zu den üblichen Methoden der „Wahrheitsfindung“, die vor dem Scheiterhaufen, dem Tod am Galgen oder auf dem Rad und anderen Formen der Hinrichtung angewandt wurden . . .

Die Verbrecher, die von Gabriele Falloppio in Padua mit Opium den Tod im Schlaf gefunden haben mögen, um der Anatomie besser, weil körperlich unversehrt, zu dienen, hatten ein besseres Schicksal als diejenigen, die den üblichen Weg bis zum Galgen erleben mussten. Im Gegensatz zur Enthauptung mit dem Richtschwert, damals eine demütigende Form der Hinrichtung, konnten die von Falloppio Ausgewählten nicht nur auf einen nicht schmerzhaften Tod, sondern vielleicht auch auf eine mildere Strafe im Jenseits hoffen.

Weitere Quellen vermitteln andere Einblicke in die medizinische Praxis dieser Zeit. Der Chirurg Fabry von Hilden berichtet von einer Obduktion, die er 1601 durchführte. Es handelte sich um die Leiche eines mit dem Schwert hingerichteten Mannes. Doch das daraus präparierte Skelett – das Fabry für den Anatomieunterricht vorgesehen hatte – wies als Lehrobjekt bestimmte Mängel auf. Es waren Spuren der Gewalt, wie Fabry bemerkt, denn er hatte gesehen: „Dass . . . beide Schulterblätter in etliche Stuck zerbrochen sind, ist ihm in der Tortur und Marter widerfahren, hab solches bey anderen Sceletis mehr gesehen. Ja, habe ich selbst noch eines, welchem auch beide Schulterblätter an der Folter sind gebrochen worden. Also dass ich sie beide widrumb hab hin und wider mit Draht zusammenflicken müssen.“ (Fabry von Hilden, Von der Fürtrefflichkeit der Anatomey, Basel 1624/1936 p. 191.)

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Fabry zeigt die Sinnlosigkeit der Tortur, zunächst eher durch anatomische als durch ethische Argumente: Die Knochen seien mit einem „Häutlein“ überzogen (Periost), das höchst empfindlich ist. Bricht man die Schulterblätter, so dass „die spitze Beinlein solches Häutlein stechen“, entsteht ein unbeschreiblicher Schmerz, der zum Hirn steigt und den Betroffenen in einen Zustand der Verwirrung setzt: Er oder sie wünscht sich zu sterben, denn der Schmerz ist schier unerträglich.

Durch die verbreitete Folterform wurden die Angeschuldigten an den Armen mit einem schweren Gewicht an den Füßen aufgehängt, die Schulterblätter brachen und das Atmen wurde unter unsäglichen Schmerzen zunehmend behindert. Unter diesen Bedingungen gaben die vermeintlichen Verbrecher alle Schuld zu, bevor sie qualvoll erstickten. Wie Fabry anhand der Helvetischen und Berner Chronik demonstrieren konnte, hatten sich Geständnisse, die durch Folter erreicht wurden, und denen die Hinrichtung folgte, später oft als irrtümlich erwiesen. Seine Schlussfolgerung ist nüchtern: Hätten die Verantwortlichen anatomische Kenntnisse gehabt, hätten sie sich von diesen sinnlosen Folterpraktiken distanziert.

Sachlich und präzise engagiert sich der Chirurg für die Abschaffung der Foltermethoden, die ihre Ziele verfehlen, und propagiert seinen christlichen Wunsch nach einer barmherzigen Gesellschaft, in der anstatt Folterung und Marter „Weißheit, Verstand und Klugheit“ mit der Suche nach Wahrheit vorherrschen.

Es könnten weitere Beispiele folgen, die das Bild der vormodernen Medizin in Europa noch heterogener wirken lassen. Die Medizin ist leider heute wie gestern komplex und widersprüchlich genauso wie der gesellschaftliche Kontext, in dem sie entsteht und wirkt. Frühneuzeitliche Ärzte waren zum Teil äußerst gebildet, zum Teil roh und materialistisch orientiert, manipulierbar, widersprüchlich, besessen von ihrer Forschung oder auch gewissenhaft, kritisch und moralisch integer – ebenso wie heute.

Prof. Dr. phil. Dr. rer. med. Mariacarla Gadebusch Bondio, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Technische Universität München, 81675 München

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