ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2015Storytelling: Der Vortrag, der im Kopf bleibt

ÄRZTESTELLEN

Storytelling: Der Vortrag, der im Kopf bleibt

Dtsch Arztebl 2015; 112(4): [2]

Schürmann, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

„Wir verstehen alles im menschlichen Leben durch Geschichten.“ (Jean-Paul Sartre)

Foto: mauritius images
Foto: mauritius images

Das Wort „Vortrag“ ruft vielerlei Reaktionen hervor. Die meisten davon sind negativ. Es fallen Begriffe wie Lampenfieber, Auftrittsängste, Blackout sowie Langeweile, unlesbare Folien, viel zu viele Folien und so weiter – die Liste kann beliebig verlängert werden. Doch es gibt einen Ansatz, der Änderung verspricht: Kindern erzählt man Geschichten, damit sie einschlafen, Erwachsenen, damit sie wach bleiben. Sogenanntes Storytelling – durch die Amerikaner bekanntgeworden – wird in der hiesigen Werbung bereits häufig und erfolgreich genutzt. Der Gedanke dahinter: Eine lebendig erzählte Geschichte gewinnt leichter die Aufmerksamkeit und Konzentration anderer Menschen als eine nüchterne Ansprache.

Anzeige

Emotionen haben die Informationen im Griff

Werbung, insbesondere die Werbung mit Bewegbildern, hat viele Mittel zur Verfügung, eine Geschichte spannend darzustellen: schöne Aufnahmen, beeindruckende Kamerafahrten, ein dramatisches Drehbuch, ein zackiger Schnitt, eine sonore Sprecherstimme oder opulente Filmmusik. Auf diese Kombination der Mittel kann jemand, der einen Fachvortrag hält, nicht zurückgreifen. Jedoch kann eine gut erzählte Geschichte eine ähnliche Wirkung hervorrufen und ein begeisterter Redner vermag sein Publikum ebenso in seine Geschichten zu ziehen. Zuhörer begleiten seine Worte mit eigenen Gedanken, Fantasien und Bildern: „Geschichten machen aus Ohren Augen“ (chinesisches Sprichwort). Werden sie durch die Geschichte emotional bewegt, ist das ein großer Pluspunkt für den Vortragenden – die Information erreicht das Herz der Zuschauer und verknüpft sie mit einem entsprechenden Gefühl. Und damit ist die Information sicher in ihren Gedächtnissen gespeichert. Sie bleibt ihnen länger in Erinnerung, als es trockene Fakten und logische Argumente vermögen. Geschichten gehören nicht zum Allgemeingut. Daher schaffen sie es, auch Altbekanntes frisch und neu erscheinen zu lassen und ermöglichen dem Vortragenden, originell zu wirken.

Wenn der Hauptaspekt eines Fachvortrages auf der Vermittlung von neuem Wissen und Erkenntnissen liegt, wie kann der Redner Daten, Fakten und Zahlen in eine interessante Geschichte verwandeln? Was muss er beachten und nach welchen Kriterien kann er vorgehen?

Die persönliche Identifikation mit dem Helden

Kinder lieben Geschichten. Sie lernen durch Geschichten das Leben sowie die Welt kennen und verstehen. Kinderbücher, Märchen und Geschichten vor dem Schlafengehen sind entsprechend aufgebaut. Wer einmal ein Kind bei einem Besuch im Kindertheater begleitet hat, weiß, wie emotional Kinder auf das Bühnengeschehen reagieren und wie sie sich in den Verlauf einer Geschichte hineinziehen lassen. Diese Fähigkeit bleibt uns unser Leben lang erhalten: Im Kino oder Theater lassen wir uns zu Tränen rühren, Romane oder Serien fesseln uns derart, dass wir ganze Nachmittage und Abende unbeweglich auf dem Sofa verbringen. Uns schlägt die persönliche Identifikation mit dem Helden in Bann – Widrigkeiten, die sich ihm in den Weg stellen, Probleme, die er zu meistern hat und der Lösungsweg, den er einschlägt. Wer ihn auf seiner Heldenreise begleitet, wer ihn behindern will, was ihm noch alles Überraschendes widerfährt und wie er sich dadurch verändert. Wir fühlen, leiden, kämpfen und hoffen mit unserem Helden. Anhand dieser Elemente wird ein Spannungsbogen aufgebaut, eine Dramaturgie entworfen, die eine gute Geschichte ausmacht. Jedes Hollywooddrehbuch folgt dieser Struktur.

Einfache Geschichten aus dem Berufsalltag

An dieser Struktur kann man sich orientieren, wenn man Storytelling in seinem Vortrag einsetzen will. Jeder hat in seinem Leben und beruflichen Alltag mit Schwierigkeiten zu kämpfen und versucht, sie auf seine Art und Weise zu lösen. Und dieser zuweilen steinige Weg – konkret, detailliert, anschaulich und persönlich erzählt – hat das Potenzial für eine gute Geschichte. Kann der Zuhörer die Lebensumstände des Protagonisten einschätzen? Sind die Hochs und Tiefs nachvollziehbar und ist die Person nicht zu abstrakt? Ist der Vortragende bestenfalls der Hauptdarsteller und kann seine Gefühle authentisch wiedergeben? Dann leidet der Zuhörer mit ihm und das stellt schnell eine persönliche Verbindung und das Gefühl der Gemeinsamkeit her. Eine gute Geschichte muss nicht kompliziert sein, im Gegenteil: sich auf das Wesentliche zu beschränken, ist mehr. Verschiedene Erzählstränge können verwirren und brauchen einen Redner, der alle Anfänge und Enden der Seitengeschichten vorausschauend im Kopf hat.

Geschichten beweisen Fachkompetenz

Wie hat der Redner seine Feuerprobe gemeistert? Welche Veränderungen, welche Entwicklungen hat er durchgemacht? Welche Hindernisse gab es, was hat er alles versucht und wie ist er letztendlich auf die richtige Lösung gekommen? Klug gewählte Lösungsschritte und ein strukturiertes Vorgehen sind stichhaltige Beweise für seine Fachkompetenz und Autorität. Er wirkt wahrhaftig, glaubwürdig und gibt seiner fachlichen Botschaft eine menschliche Komponente. Was hat er aus seinem Abenteuer gelernt? Mit dem gemeinsamen Fühlen und Erleben teilen die Zuhörer nicht nur das Leiden, sondern auch den Lerneffekt des Vortragenden. Und das ist das Besondere am Storytelling: Während sie unterhalten werden, lernen die Zuhörer dazu.

Geschichten sollten immer einen klaren Bezug zum Thema haben und die Vermittlung der Botschaft muss im Vordergrund stehen. Verschiedene Geschichten aneinanderreihen, nur um des Erzählens willen – besser nicht!

Birgit Schürmann
Schürmann-Coaching, Berlin

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Ärztestellen

Anzeige