ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2015Palliativmedizin: Eine Frage der Würde

SEITE EINS

Palliativmedizin: Eine Frage der Würde

Dtsch Arztebl 2015; 112(4): A-107 / B-95 / C-91

Maibach-Nagel, Egbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wirklich? Bis in den Tod?

Die aktuelle Entwicklung der Sterbehilfe-Diskussion lässt jedenfalls Raum für neue Hoffnung – gemessen am Ernst, der zunehmenden Qualität und der Differenziertheit, mit der Politiker wie Meinungsbildner die Debatte zum Thema Sterbehilfe inzwischen führen. Die anfängliche Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit scheint weitgehend verschwunden, die Argumente werden – Ausnahmen bestätigen die Regel – zusehends qualifizierter, einer humanen Gesellschaft angemessener.

Anzeige

Deutschlands Ärzteschaft hat sich in ihrer zentralen Betroffenheit ausgesprochen aktiv in die Diskussion um die Rolle und das Selbstverständnis des Arztes in dieser Frage eingebracht. Die klare und einmütig vertretene Haltung, dass es Aufgabe des Arztes ist zu helfen, aber nicht zu töten (siehe Seite Eins DÄ 51/2014) – der Deutsche Ethikrat hat in seiner Stellungnahme vom Dezember 2014 genau das unterstützt – erfordert zwangsläufig die Information, was die Alternative zu anderweitig postulierten gesetzlichen Änderungen ist.

Hilfe beim Sterben zu leisten ist, das hat die Ärzteschaft im Verlauf des ethischen Schlagabtauschs immer wieder betont, medizinisch auf Basis der bestehenden Regelungen machbar. Was in der Palliativmedizin geht, was im Alltag geleistet wird, ist auch im Deutschen Ärzteblatt an Beispielen immer wieder dargestellt worden.

Dennoch: Die vorhandenen Zweifel an den Möglichkeiten, aber auch an der Beherrschbarkeit medizinischer oder juristischer Grenzfallfragestellungen veranlassen zur Aufklärung. Auf Initiative der Bundes­ärzte­kammer startet das Deutsche Ärzteblatt mit dieser Ausgabe eine Reihe von Falldarstellungen, die – fachlich auf das Wesentliche zugespitzt – Fragen beantworten. Sie verschaffen jedoch außerdem eine Vorstellung von dem, was in der Palliativmedizin, in Hospizen und/oder Kliniken, aber auch von betreuenden Ärzten geleistet werden kann, darf und muss. Ein Expertenteam aus Palliativmedizinern, Fach- und Allgemeinärzten sowie Juristen wird ab dieser Ausgabe in den kommenden Monaten wesentliche Fragestellungen aufgreifen und beantworten. Zu viel wurde im letzten Jahr in Abrede gestellt, verdreht, auch fachlich verwässert.

Sich hier verantwortungsbewusst gegenüber Dritten zu zeigen – egal ob Patienten, Politikern, Presse oder privat interessierten Mitmenschen, muss im Rahmen des aktuellen Diskurses auf Basis guten Fachwissens erfolgen. Die Fallbeispiele – sie resultieren aus dem „Alltag“ der Palliativmedizin – geben praktische Antworten auf typische Fragen. Sie sollen nicht nur helfen, Wissenslücken zu schließen, sondern auch, in der Diskussion um die Sterbehilfe die eigene Position nicht nur ethisch qualifiziert, sondern auch fachlich überzeugend darzustellen.

Klar werden muss im weiteren Prozess der öffentlichen Diskussion: Der soziale Umgang mit dem Sterben ist alles andere als eine überzogene oder gar überflüssige Luxusdebatte. Den Wert einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit den schwächsten ihrer Glieder verfährt, soll Bundespräsident Gustav Heinemann gesagt haben. Das hat Gewicht, mehr als eine schlichte gesetzliche Liberalisierung. Die Würde des Menschen – bis in den Tod unantastbar? So eine humane Gesellschaft die richtigen Antworten gibt, die Voraussetzungen schafft und diese auch verteidigt: Ja!

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #87252
advokatus diaboli
am Sonntag, 25. Januar 2015, 17:25

Selbstbestimmung wahren!

" Sie erfordern originär ärztlichen und keinesfalls juristischen Sachverstand, um die Selbstbestimmung von Patient und Arzt nicht zu gefährden", so der Kommentator Schätzler.

Mit Verlaub: Jeglicher medizinischer Sachverstand wird dort schweigen müssen, wo der Patient eine - im Zweifel auch höchst unvorteilhafte - Entscheidung getroffen hat. Inofern gilt das Paradigma: voluntas aegroti-suprema lex!

Nur ein unfangener Blick in das Grundgesetz mit seinen Implikationen schützt demzufolge vor Gefährdungen des Selbstbestimmungsrechts und nicht, wie uns der Kommentar nahe zu legen scheint, ein ausschließlich "originär medizinischer Sachverstand"! Das "Recht" schützt den Patienten vor einem überbordenden medizinischen Paternalismus, der auch in der Palliativmedizin überwunden werden sollte, auch wenn mancher Palliativmedizinder meint, sich als Krankheit einen unheilbaren Krebs wünschen zu müssen, um sich so dann in eine palliativmedizinische Betreuung begeben zu können. Aufklärung ist geboten, und zwar gerade mit Blick auf die Grenzen einer ärztlichen Heilbehandlung vor dem Hintergrund der physischen und psychischen Integrität eines schwersterkrankten Patienten, damit dieser nicht "schleichend" im Interesse und des Gelingens der Palliativmedizin entrechtet und somit instrumentalisiert wird.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 24. Januar 2015, 12:55

Helfen, Heilen, Lindern, Schützen!

Feuerwehren haben mit ihren vier eingängigen Schlagworten: "Bergen, Retten, Löschen, Schützen" ein international verbindliches Motto. Bei uns Ärztinnen und Ärzten des Fachbereichs Humanmedizin könnte "Helfen, Heilen, Lindern, Schützen... und Loslassen" als Motto unser Berufsfeld umschreiben. Die aktiv beschleunigende, intervenierende ärztliche Beihilfe zum Suizid fällt bisher nicht darunter, auch wenn ein juristisches Minderheitenvotum aus vordergründigen Motiven uns dazu drängen möchte.

Palliativmedizin, palliative Sedierung, Sterbebegleitung, das Unterlassen von künstlich lebensverlängernden Maßnahmen, weil keine Chancen auf Besserung oder Linderung mehr bestehen, wären mit dem Begriff "Loslassen" umrissen. Sie erfordern originär ärztlichen und keinesfalls juristischen Sachverstand, um die Selbstbestimmung von Patient und Arzt nicht zu gefährden. Denn am Lebensende treten die Grenzen der Medizin, das Ende der möglichen Machbarkeiten offen zu Tage.

Die Tatsache, dass die moderne Medizin immer mehr zu einer künstlich intensivmedizinischen Lebensverlängerung beitragen kann, dass transplantationsmedizinische Interessen in den Vordergrund treten, erschwert ihre Anwendung. Die Entscheidungsfindung wird immer problematischer, weil der oftmals gar nicht ausdrücklich erklärte und dokumentierte Patientenwille mit Wunsch, Wirklichkeit und Machbarkeit in Übereinstimmung gebracht werden muss.

Die "Beihilfe zum Suizid" in Form der „aktiven Sterbehilfe“ bei einem ärztlich „assistierten Suizid" ist im deutschen Rechtssystem mit dem Verbot der "Tötung auf Verlangen" nach § 216 StGB ebenso umstritten wie strafbar. Unabhängig davon, wie sich die Diskussion in der Bundesärztekammer zur "aktiven" und "passiven" Sterbehilfe bzw. zur Selbsttötung weiter entwickeln wird, ein "Tötungswunsch" oder auch der Wunsch nach Erlösung muss grundsätzlich sehr kritisch gesehen werden. Es können ein Augenblicksempfinden, eine Angst- und Schrecksekunde, eine Fehleinschätzung, ein Verzweiflungsmoment, eine schwere Depression, unaushaltbare Schmerzen oder eine Kurzschlussreaktion sein. Das Gefühl der sozialen Unerwünschtheit, der Ausgrenzung, der Panik und der Lebensmüdigkeit treten vielleicht hinzu.

Der Bundesgerichtshof (BGH) stellte klar, dass bei unzweideutiger Willenserklärung eines Todkranken oder Sterbenden gerade n i c h t die ärztliche Verpflichtung bestehe, ihn reanimieren, "retten" und "künstlich" am Leben erhalten zu müssen. Der Wunsch nach einem Tod in Würde und der unumkehrbare Sterbeprozess müsse respektiert werden. Verhinderung oder Konterkarieren dieses ureigenen Patientenwillens sei nicht statthaft.

In diesem Spannungsfeld und in der individuellen Patienten-Arzt-Beziehung finden ethisch-moralisch begründete Entscheidungsprozesse statt. Sie sind immer eine Gratwanderung, bei denen weder die BÄK noch juristische Expertisen helfen können. Niemand sollte allerdings den Stab brechen gegenüber Ärzten und auch Patienten, die in den Grenzsituationen des Lebens und Sterbens Dinge tun, die nicht für uns Alle konsensfähig bleiben.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #87252
advokatus diaboli
am Freitag, 23. Januar 2015, 05:22

Qualifizierter Diskurs!

Hoffentlich bleibt hier nicht der Wunsch der Vater des Gedankens: Ein qualifizierter Diskurs ist in der Tat von Nöten und es darf mit Spannung, aber auch mit kritischen Blicken die angekündigte Veröffentlichungen von Falldarstellungen nebst den dazugehörigen Fachkommentaren verfolgt werden. Nicht selten haben sich in den letzten Monaten die selbsternannten Experten im sog. bioethischen „Hochdiskurs“ mehr als „Missionare“ denn als fachkundige Experten mit ihren jeweiligen Statements erwiesen, ohne sich hierbei offensichtlich der vollen Tragweite ihrer Glaubensbotschaften bewusst gewesen zu sein.

Das Deutsche Ärzteblatt und ihre Redakteure sollten daher um Sachlichkeit bemüht sein und insbesondere den Diskurs mit den konträren Positionen darstellen, um so vielleicht auch den Ärzten die Möglichkeit eröffnen und, jenseits einer allgemeinen Berufsethik – die vorzugsweise über das ärztliche Berufsrecht vorgeben wird –, die für sie maßgeblichen „Werte“ ergründen und hiernach entsprechend „handeln“ zu können.

In der Tat mag sich künftig die Debatte auf das Wesentliche konzentrieren und hierzu zählt nach meinem Verständnis die Frage nach der der Funktion und damit Tragweite der ärztlichen Gewissensfreiheit, ohne im Zweifel die Palliativmedizin im Sinne eines „Dogmas“ gleichsam verklären und so in einem nicht haltbaren Widerspruch zur „Sterbehilfe“ setzen zu wollen.

Wenig förderlich hierbei ist im Übrigen, wenn ehemalige parteipolitische „Zuchtmeister“ oder hochrangige Ärztefunktionäre gebetsmühlenartig zitiert werden, die letztlich „nur“ ihre individuellen Gewissensentscheidungen verkünden.

Vielleicht gelingt es dem Deutschen Ärzteblatt, einige Damen und Herren von den Mitgliedern aus der Zentralen Ethikkommission (eingerichtet bei der BÄK) für das Thema zu gewinnen, zumal die Abstinenz der eigens für die Ärzteschaft eingerichteten Ethikkommission im bioethischen Hochdiskurs mehr als nur seltsam ist.

Die derzeitige Debatte leidet insbesondere daran, dass der Wert der Grundrechte im Allgemeinen und das Selbstbestimmungsrecht im Besonderen nicht hinreichend erkannt werden und das die Apologeten einer „würdevollen, weil christlichen Sterbekultur“ es tunlichst vermeiden, sich mit den zentralen Verfassungsrechtsfragen thematisch auseinanderzusetzen und letztlich dazu übergegangen sind, „Botschaften“ zu verkünden, die im Kern einer „Seligpreisung“ der Palliativmedizin gleichkommen.

Von dieser Warte aus betrachtet scheint zunächst kein vitales Interesse daran zu bestehen, einen qualifizierten Diskurs zu führen, müssen sich doch die Gegner einer Liberalisierung insbesondere des ärztlichen (Muster-)Berufsrechts die Frage stellen lassen, warum es eines ethischen „Zwangsdiktats“ für die Ärzteschaft bedarf, obgleich doch die individuelle Gewissensfreiheit der Ärzteschaft ein überragendes Rechtsgut ist.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige