ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2015Arzthaftungsprozess: Widersprüchliche Gutachten müssen berücksichtigt werden

RECHTSREPORT

Arzthaftungsprozess: Widersprüchliche Gutachten müssen berücksichtigt werden

Dtsch Arztebl 2015; 112(4): A-114 / B-100 / C-96

Berner, Barbara

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Gerichte sind in Arzthaftungsprozessen verpflichtet, sich mit widersprüchlichen Äußerungen medizinischer Sachverständiger auseinanderzusetzen, auch wenn es sich um Privatgutachten handelt. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden. Im vorliegenden Fall ging es um Schadenersatzansprüche aus ärztlicher Behandlung.

Ein Patient war nach einer komplikationslos verlaufenen Operation auf die kardiochirurgische Intensivstation verlegt worden. Dort musste er später jedoch reanimiert und intubiert werden. Am folgenden Tag wurde eine hypoxische Hirnschädigung festgestellt. Einen Monat später starb der Patient. Die Angehörigen verklagten die Klinik, weil sie davon ausgingen, dass es auf der Intensivstation Versäumnisse bei der postoperativen Pflege und Überwachung gegeben hatte. Streitig war, ob es vor der Reanimation zu einer längeren Atemdepression gekommen war, weil die Pflegekraft längere Zeit abwesend war. Der vom Gericht bestellte Sachverständige führte hierzu aus, dass der bei der Blutgasanalyse gemessene hohe pCO2-Wert nicht beweise, dass der Patient länger als drei Minuten unbeaufsichtigt war. Als Ursache komme neben einem zehn- bis 15-minütigen Atemstillstand oder einer länger andauernden Hypoventilation auch die Gabe von Natriumbicarbonat während der
Reanimation in Betracht. Dass das Mittel im Rahmen der Operation verabreicht worden sei, scheine ebenfalls möglich, auch wenn die Gabe nicht dokumentiert worden sei. Der Sachverständige hielt es zudem für denkbar, dass sich die Hirnschädigung erst während der Reanimation ereignet habe. Ein Privatgutachter kam dagegen zu der nachvollziehbar begründeten Einschätzung, dass sich die Hypoxie vor der Reanimation ereignet hatte.

Das Berufungsgericht beachtete diese Stellungnahme nicht, was es nach Auffassung des BGH aber hätte tun müssen. Das Gericht habe außerdem die Bedeutung der Dokumentation verkannt, so der BGH. Denn nach der Rechtsprechung begründe das Fehlen der Dokumentation einer aufzeichnungspflichtigen Maßnahme – in diesem Fall der Gabe von Natriumbicarbonat – die Vermutung, dass diese unterblieben sei. Nach Auffassung des BGH kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Berufungsgericht zu einem anderen Ergebnis gelangt wäre, wenn es das Privatgutachten und die fehlende Dokumentation der Natriumbicarbonat-Gabe berücksichtigt hätte. Er wies den Fall deshalb zur erneuten Entscheidung an das Berufungsgericht zurück.

Anzeige

BGH, Urteil vom 11. November 2014, Az.: VI ZR 76/13 RAin Barbara Berner

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema