ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2015Von schräg unten: Körperschmuck

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Körperschmuck

Dtsch Arztebl 2015; 112(4): [72]

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, ein geflügeltes Wort unter uns Medizinern lautet: Schreiten wir zum Äußersten und untersuchen den Patienten körperlich. Ich für meinen Teil muss an dieser Stelle eingestehen, dass ich durch die Technisierung förmlich verroht bin und die Mutter aller diagnostischen Verfahren mit Vernachlässigung strafe. Dabei, so muss ich in zunehmendem Maß feststellen, haben unsere Patienten, insbesondere die nachwachsenden, erstaunliche Hautveränderungen zu bieten. Florale a- und symmetrische Muster, in der Farbgebung häufig an Gallen- oder Dünndarmflüssigkeit erinnernd, wechseln sich ab mit chinesischen Schriftzeichen, garniert mit dort beheimateten Drachen. Stacheldrahtarmbänder zieren die Handgelenke, Fantasievögel die Schulterblätter, Blümchen den Ausschnitt, Totenköpfe die Brustmuskeln.

Ich als eifriger, um Ganzheitlichkeit bemühter Mediziner, allerdings ungenadelt von den Maschinen örtlicher Tattoostudios und auch unbeleckt von tieferem Kunstverständnis, habe bedauernswerterweise durch unsachgemäße Kommentare das Arzt-Patienten-Verhältnis frakturiert. Früher wollte ich noch kunstsinnige Anteilnahme heucheln, indem ich den jungen Mann, dessen Oberkörper ein Drache zierte, fragte, ob dieser auch stubenrein sei. Ich tippte falsch, er sich auf die Stirn. Einer Zwanzigjährigen habe ich ihre auf dem Arm ausgebreiteten chinesischen Schriftzeichen mit „Schnürsenkel einkaufen nicht vergessen!“ übersetzt. Ich kann kein Chinesisch; sie meinte, ich könne sie mal. Aber ich habe aus diesen ebenso ungelenken wie disharmonierenden Bemerkungen gelernt und mich danach lieber auf vertrautes Terrain begeben. Einem 40-jährigen Motorradfahrer mit Totenkopf auf der Brust habe ich einen Organspendeausweis überreicht. Ich fand es konsequent, er unverschämt.

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Da meine Schutzbefohlenen offensichtlich den Eindruck hatten, dass ich ihre Verschönerungen als Kunstfehler ansah, vermeide ich seit Längerem, die dargebotenen Malformationen in irgendeinen persönlichen Zusammenhang zu stellen, sondern reduziere meine Kommentare auf das Technische. Einen Bodybuilder, dessen Oberkörper mit dunklen Zacken dekoriert war, hatte ich darüber aufgeklärt, dass die eingebrachten schwarzen Farben ihrem Wesen nach Rußpartikel sind, die beispielsweise aus Teer oder alten Autoreifen gewonnen werden. Ich konnte mit Wissen aufwarten, er mich nicht mehr leiden. Einer allzu bunt dekorierten Dame hatte ich geduldig erläutert, dass ihr schillernder Rücken nunmehr mit Azo-Farbstoffen und zyklischen Kohlenwasserstoffen belastet ist, und wenn sie derer überdrüssig werden sollte, könne man zwar lasern, würde damit aber giftige Abbauprodukte produzieren, die beispielsweise auf solch sympathische Namen wie Nitrotoluol und Methylnitroanilin hören und sowohl allergische Reaktionen als auch Vergiftungen hervorrufen können. Ich fand meine Information umfassend, sie mich zum Kotzen. Den Nächsten klärte ich darüber auf, dass er sich bei dem Hautmaler seines Vertrauens doch mal erkundigen sollte, ob in den verwendeten Gemälden auch Eisenpartikel zum Einsatz gekommen wären. In diesem Fall könnte es sein, dass sich im MRT Brandblasen bilden. Ich wollte fürsorglich sein, er nix wie weg.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich möchte hiermit in aller Form Abbitte leisten, dass meine Empathie für diese Körperverschönerungen nicht reicht. Ich gelobe daher Besserung und trage mich mit dem Gedanken, mich durch Selbsterfahrung fortzubilden, also tätowieren zu lassen. Es muss etwas sein, das Geist und Seele beflügelt, wohlige Erinnerungen weckt und für die Zukunft Glanz und Größe verheißt. Ich hab’ da schon eine Idee: Ich lasse mir die Zahlen der Quartalsabrechnung 2006 auf den Arm schreiben. Das war das letzte Mal, dass es für mehr Arbeit auch mehr Honorar gab.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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