ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2015Fehlerkultur: Gelungene Mischung verschiedener Perspektiven

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Fehlerkultur: Gelungene Mischung verschiedener Perspektiven

Maio, Giovanni

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Irren ist menschlich – so lapidar sagen wir das oft dahin. Doch wenn es um Medizin geht, dann kommt uns dieser Satz nicht so leicht über die Lippen, denn wir spüren, dass das Irren in der Medizin so weitreichende Konsequenzen für den betroffenen Patienten hat, dass man hier eine Normalität des Irrens nicht wirklich zulassen kann. Und doch gehört der menschliche Fehler zum Alltag der Medizin. Wie damit umgehen? Es ist gut, dass die Debatte darüber schon seit Jahren entbrannt ist, und es ist gut, wenn den jungen Ärzten vermittelt wird, dass sie nicht so tun brauchen, als wären sie unfehlbar. Wichtiger jedoch als das ist doch die Etablierung einer Kultur, in der man über seine Fehler sprechen kann und in der der Fehler eben nicht nur als persönliche Schuld, die man nie ganz ablegen kann, angesehen wird, sondern dass auch die strukturellen und überindividuellen Gegebenheiten mit reflektiert werden, die beim Zustandekommen von Fehlern eine entscheidende Rolle spielen. Das Buch ist ein wertvoller Beitrag zu genau dieser neuen Kultur.

Das Buch ist in der Reihe „Ethik in der Klinik“ herausgekommen, die sich zum Ziel gesetzt hat, kritische Impulse zur Weiterentwicklung ethischer Fragen zu setzen. Dies ist mit dem Buch in vollem Umfang gelungen. Das Buch folgt einem logischen Aufbau, es startet mit einer luziden historischen Analyse der Thematik, durch die klar wird, dass der Fehler eine historische Konstante darstellt, mit der aber je nach Epoche ganz unterschiedlich umgegangen worden ist. In den weiteren Beiträgen des ersten einführenden Schwerpunktes werden spezifische Herausforderungen des Umgangs mit Fehlern erarbeitet, sei es der Fehler in der Chirurgie, der Medikationsfehler oder auch der Beratungsfehler.

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So wird in dem sehr anregenden Beitrag zu den Fehlern im Umgang mit der Beratung überzeugend dargelegt, dass auch und gerade der Rat eines Arztes ein Fehler sein kann beziehungsweise dann von einem Fehler gesprochen werden kann, wenn der Arzt gerade nicht berät, sondern nur aufzählt. So gibt es eben nicht nur Behandlungsfehler, sondern auch Beratungsfehler, und es ist weitsichtig, diesen Aspekt in diesem Buch mit aufgenommen zu haben.

Neben einer sehr kenntnisreichen Einführung in die rechtlichen Grundlagen des Fehlers und den Implikationen des Patientenrechtegesetzes durch den Göttinger Medizinrechtler Gunnar Duttge widmet sich der zweite Schwerpunkt des Buches den zentralen Aspekten einer proaktiven Fehlerkultur in der Medizin. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hier auf dem Aspekt des überindividuellen Verantwortungsproblems und auf den organisatorischen Herausforderungen einer guten Fehlerkultur und einer effektiven Fehlervermeidung. Neben diesem zentralen Zugang auf das Thema gibt es aber auch wichtige Beiträge zur Ausbildungskultur und zum Umgang mit stattgefundenen Fehlern. Hierbei werden zentrale Fragen wie Schuld und Vergebung thematisiert und konkrete Vorschläge für entsprechende Trainingsmodelle zur Fehlerprävention unterbreitet.

Der dritte Schwerpunkt setzt sich mit internationalen Erfahrungen mit dieser wichtigen Thematik auseinander und rundet das informative Buch damit in gelungener Weise ab. Das Buch besticht durch einen differenzierten Zugang auf das Thema, durch eine gelungene Mischung unterschiedlicher Perspektiven auf das Problemfeld Behandlungsfehler und kann durch die Informationsfülle und wissenschaftliche Güte der Beiträge ein wertvoller Impuls für eine weitere Beschäftigung mit dieser Thematik sein. Im Interesse einer neuen Fehlerkultur in der Klinik ist diesem Buch eine breite Leserschaft zu wünschen. Giovanni Maio

Andreas Frewer, Kurt W. Schmidt, Lutz Bergemann (Hrsg.): Fehler und Ethik in der Medizin. Neue Wege für Patientenrechte. Königshausen & Neumann, Würzburg 2013, 444 Seiten, kartoniert, 58 Euro

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