ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2015Nosokomialinfektionen mit multiresistenten Bakterien: Acinetobacter auf dem Vormarsch

MEDIZINREPORT

Nosokomialinfektionen mit multiresistenten Bakterien: Acinetobacter auf dem Vormarsch

Siegmund-Schultze, Nicola

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Seit drei Monaten gibt es einen größeren nosokomialen Ausbruch mit multiresistenten A. baumannii an einem norddeutschen Universitätsklinikum. Die Häufung solcher Infektionen löst große Besorgnis aus – in Deutschland, aber auch weltweit.

Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) Campus Kiel gibt es einen größeren nosokomialen Ausbruch mit einem multiresistenten Stamm des gramnegativen Bakteriums Acinetobacter baumannii. Bis Redaktionsschluss (26. Januar) war der Erreger bei 27 Patienten auf zwei Intensivstationen nachgewiesen worden, wie ein Sprecher des UKSH dem Deutschen Ärzteblatt erläuterte. Elf mit A. baumannii besiedelte Patienten seien verstorben, inklusive des 74-jährigen Indexpatienten, der am 11. Dezember mit einer schweren Erkrankung aus einer türkischen Klinik ans UKSH verlegt worden war und den Keim mitgebracht hatte. Er war zwar auf A. baumannii gescreent worden, dennoch kam es zum Ausbruch. Bei zwei Patienten lasse sich ein Zusammenhang zwischen ihrem Tod und einer Infektion mit dem Ausbruchsstamm nicht ausschließen, so der Klinikumssprecher. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen.

Der in Kiel nachgewiesene Erreger gehört zu den gefürchtetsten Hospitalkeimen weltweit. Auf der Liste der US-amerikanischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten hat Acinetobacter baumannii die höchste Priorität, auch das Europäische Centre for Disease Prevention and Control beschreibt nach einer Befragung in 38 Ländern Europas eine rasche Verbreitung von Carbapenemase-Bildnern wie A. baumannii und bezeichnet dies als „sehr ernste Bedrohung“ (EuSCAPE 2013). 81 Prozent der A.baumannii-Isolate aus Ländern mit Surveillancesystemen wiesen Carbapenem-Resistenzgene auf, im Vergleich zu 9,3 Prozent bei Enterobacteriaceen.

Entwicklung des Anteils an 4MRGN bei verschiedenen gramnegativen Erregern, ermittelt durch die Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS)
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Entwicklung des Anteils an 4MRGN bei verschiedenen gramnegativen Erregern, ermittelt durch die Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS)

Hygienischer Notfall

Auch der in Kiel isolierte Stamm gehört als sogenannter 4MRGN-Erreger (multiresistente gramnegative Bakterien mit Resistenz gegen alle 4 relevanten Antibiotikagruppen) zu den hochgefährlichen Hospitalkeimen: Er besitzt Resistenzgene gegen Penicilline, Cephalosporine der dritten und vierten Generation, Carbapeneme und Fluorochinolone. „Das Auftreten von Erregern, die Carbapenemasen bilden, muss generell als hygienischer Notfall bewertet werden“, sagt Prof. Dr. med. Winfried Kern von der Universitätsklinik Freiburg, Mitglied der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft.

Die Kolonisierung des Patienten sei keine Krankheit und nicht behandlungsbedürftig, nur bei einer erhöhten Gefährdung durch Vorerkrankung oder Immunsuppression des Kranken oder der Mitpatienten sollte dekolonisiert werden. Auf den Schleimhäuten von Mundhöhle, Trachea und Darm sei dies aber nicht möglich. Bei einer echten Infektion bestehe Behandlungsbedarf, zum Beispiel mit dem Reserveantibiotikum Colistin. Infektionen mit multiresistenten Stämmen von A. baumannii sind mit einer erhöhten Mortalität der Patienten assoziiert, vor allem als Folge von Wundinfektionen und Pneumonien.

Die ersten Patienten, bei denen Infektionen durch multiresistente A. baumanii-Stämme bekannt geworden sind, waren US-Soldaten, die im Irakkrieg verwundet und von März 2003 bis Mai 2004 in einem Militärkrankenhaus behandelt worden waren. Die Soldaten hatten sich vermutlich in Feldlazaretten im Irak angesteckt. A. baumannii ist kein Bakterium, das ubiquitär im Erdreich, im Wasser oder als natürlicher Kommensale des Menschen vorkommt, sondern ein typischer Hospitalkeim. 2012 gab es 13 Ausbrüche in Deutschland mit 86 Fällen und neun Toten, 2013 waren es 14 Ausbrüche (67 Fälle, 4 Tote).

Die hohe Umweltresistenz von A. baumannii erschwert es, die Verbreitung zu verhindern: A. baumannii überlebt auf nicht biologischen Oberflächen sieben Tage bis fünf Monate, für E. coli – zum Vergleich – beträgt die Überlebenszeit nur eine bis acht Stunden. Der Erreger kann auf Liegeflächen, den Pflegeutensilien, Monitoren, PC-Tastaturen, dem Arbeitstisch des Personals, dem Personal selbst oder der Oberfläche des Beatmungsgeräts persistieren. Oft dauert es viele Monate, bis die Stationen frei von den Erregern sind.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Entwicklung des Anteils an 4MRGN bei verschiedenen gramnegativen Erregern, ermittelt durch die Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS)
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Entwicklung des Anteils an 4MRGN bei verschiedenen gramnegativen Erregern, ermittelt durch die Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS)

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