ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2015Herzbericht: Deutliche regionale Unterschiede

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Herzbericht: Deutliche regionale Unterschiede

Richter-Kuhlmann, Eva

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Der Herzbericht 2014 zeigt, dass Herzpatienten in Deutschland nicht flächen- deckend gleich gut versorgt werden. Es existiert ein deutliches Ost-West-Gefälle. Bundesweit überdurchschnittlich hoch ist die kardiale Mortalität von Frauen.

Foto: Fotolia/adimax
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Sehr viele Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Bundesländern sind längst verwischt. Um so mehr verwundert es, wie deutlich 25 Jahre nach dem Mauerfall Unterschiede bezüglich der kardialen Mortalität zutage treten. Dies zeigt der Ende Januar in Berlin von der Deutschen Herzstiftung gemeinsam mit den Fachgesellschaften für Kardiologie, Herzchirurgie und Kinderkardiologie vorgestellte 26. Deutsche Herzbericht 2014.

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Überdurchschnittlich hoch ist die Herzinfarkt-Sterblichkeit vor allem in Ostdeutschland. Dasselbe gilt für die Sterblichkeit bei koronarer Herzkrankheit (KHK), Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz und Klappenerkrankungen. Während beispielsweise die Herzinfarkt-Sterblichkeit in Schleswig-Holstein (46 pro 100 000 Einwohner), Hessen (54) und Berlin (56) am niedrigsten ist, erreicht sie in Brandenburg (105), Sachsen-Anhalt (103) und Sachsen (94) nahezu den doppelten Wert. „Die Unterschiede zeigen sich auch nach einer Bereinigung entsprechend der Altersstruktur seit Jahren und sind alles andere als trivial“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Herzstiftung, Prof. Dr. med. Thomas Meinertz. Auch sei beispielsweise die stationäre Morbiditätsziffer bei der KHK in Sachsen-Anhalt etwa doppelt so hoch wie in Hamburg. Als mögliche Ursachen beschreibt der Bericht regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung, eine geringere Arztdichte, vor allem an Kardiologen, ein geringeres Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung, einen höheren Anteil an Rauchern sowie einen niedrigeren sozioökonomischen Status in den östlichen Bundesländern.

Kardiale Mortalität: erstmals wieder leicht zunehmend

Eines ist jedoch bundesweit zu beobachten: Nach mehreren Jahren eines rückläufigen Trends hat die Sterblichkeit an akutem Herzinfarkt und koronarer Herzkrankheit in Deutschland erstmals wieder leicht zugenommen, wobei sich der Bericht auf Daten von 2012 bezieht. Erhöht hat sich zudem minimal auch die Sterblichkeit an Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen und Klappenerkrankungen. „Offensichtlich haben wir inzwischen ein Plateau erreicht“, erklärte Prof. Dr. med. Christian Hamm, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK), dieses Phänomen. Der Trend sei auch in anderen westlichen Industrienationen zu beobachten. 2012 verstarben statistisch auf 100 000 Einwohner 65,2 Menschen an einem Herzinfarkt. Im Jahr zuvor waren es nur 63,7. „Dieser leichte Anstieg zeigt, dass Verbesserungen in der Effizienz des Notarztsystems wichtig sind, ebenso wie eine kontinuierliche Bevölkerungsaufklärung“, betonte Meinertz.

Hamm wies jedoch darauf hin: Im Vergleich zu 1992 ist die kardiale Mortalität heute niedrig. Damals verstarben 40 Prozent mehr Menschen nach einem akuten Herzinfarkt, nämlich statistisch pro 100 000 Einwohner 108,9 Menschen. Auch die Sterblichkeit an der KHK und der Herzinsuffizienz sank in diesem längeren Vergleichszeitraum um 28 Prozent beziehungsweise um 19 Prozent. Trotzdem bleiben Herz-Kreislauf-Erkrankungen die mit großem Abstand häufigste Todesursache in Deutschland. Insgesamt waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ohne Schlaganfälle) für 354 500 Todesfälle verantwortlich. Dass die Fallzahlen bei Herzinsuffizienz, Herzklappenerkrankungen sowie Herzrhythmusstörungen insgesamt steigen, führt Hamm auch durchaus auf die Fortschritte der Herzmedizin zurück: „Immer mehr Menschen überleben einen akuten Herzinfarkt, erkranken später aber an einer Herzschwäche.“ Zum anderen sei dies Ausdruck der steigenden Lebenserwartung. Das Risiko für eine Herzinsuffizienz, eine Herzklappen- oder Herzrhythmuserkrankung steige mit dem Alter überproportional stark an.

Schlechtere Prognose für Frauen

Auffällig war 2012, dass ähnlich wie in den Vorjahren die kardiale Sterblichkeit von Frauen deutlich höher war als die von Männern. So starben 2012 an Vorhofflimmern und Vorhofflattern sowie an Herzinsuffizienz mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer. Auch an Klappenkrankheiten starben im Jahr 2012 etwa 9 300 Frauen gegenüber 5 600 Männern. Dass Frauen eine viel höhere Sterbeziffer und somit eine deutlich schlechtere Prognose als Männer aufweisen, bedürfe einer genaueren Analyse, um mögliche Lücken in der Vorsorge und der Therapie herzkranker Frauen zu schließen, betonte Meinertz.

„Wir haben deutlich mehr Erfahrung mit männlichen Patienten, die sich aber nicht ohne Weiteres auf Frauen übertragen lassen“, erläuterte Hamm. Frauen hätten meist feinere Blutgefäße als Männer. Dies bereite beispielsweise bei perkutanen Koronarinterventionen (PCI) oder Bypass-Operationen Probleme. Unterschiede gebe es zudem bei der Wirkung von Medikamenten. So sollten eigentlich bei Digitoxin, Betablockern oder ACE-Hemmern unterschiedliche Dosierungen für Männer und Frauen gelten, was aber noch zu selten berücksichtigt werde.

Herzkatheteruntersuchungen waren leitliniengerecht

Der häufige Einsatz von Herzkathetern für diagnostische oder therapeutische Zwecke wird auch im Herzbericht sichtbar: Zwischen 2012 und 2013 stieg die Zahl der diagnostischen Linksherzkatheter-untersuchungen bundesweit von 858 000 auf 885 000 an, die Zahl der PCI von 337 000 auf 343 000. Eine Überversorgung in diesem Bereich lasse sich jedoch anhand der Qualitätsdaten nicht ableiten, betonte der DGK-Präsident. Die vom AQUA-Institut (Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH) erhobenen Daten zeigten, dass bezüglich der Indikation zur Herzkatheteruntersuchung in hohem Maß leitliniengerecht vorgegangen worden ist. Eine Herzkatheterintervention sei für die meisten Herzinfarkt-Patienten die optimale und oft lebensrettende Behandlung. Das spiegele sich in den Mortalitätszahlen wider. „Deshalb gehen wir davon aus, dass die Katheterzahlen auch 2015 auf diesem Niveau bleiben werden“, sagte Hamm.

Stabilisiert hat sich die Zahl der koronaren Bypass-Operationen: Mit etwa 55 000 Eingriffen machten sie 2013 mehr als die Hälfte der herzchirurgischen Operationen aus. Nach Ansicht von Prof. Dr. med. Jochen Cremer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG), zeigt dies, dass die Bypass-Operation gerade bei Befall mehrerer Herzkranzgefäße sowie komplizierten Verengungen in Hinblick auf Überlebensrate und Lebensqualität zu empfehlen sei.

Bei den herzkranken Kindern zeigt der Herzbericht deutliche Erfolge und verbesserte Überlebenschancen auf: Die Gefahr, an einem schweren Herzfehler zu sterben, reduzierte sich zwischen 1980 und heute um 80 Prozent. „Am meisten profitieren die Neugeborenen und die Säuglinge von den Fortschritten“, berichtete Prof. Dr. med. Brigitte Stiller, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie. Sorgen bereite jedoch der Übergang ins Erwachsenenalter. Hier gebe es erhebliche Unsicherheiten und Versorgungsdefizite. Problematisch sei vor allem, dass die Kinderkardiologen im Allgemeinen ihre Patienten nach dem 18. Lebensjahr nicht mehr betreuen dürften.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Mindeststandards für TAVI

Der Herzbericht 2014 zeigt auch einen deutlichen Anstieg der Zahl der kathetergestützten Aortenklappeninterventionen (TAVI). Eine therapeutische Option ist die TAVI seit 2008 vor allem für ältere Patienten mit schwerer Aortenstenose, die früher aufgrund ihres Alters oder ihrer Begleiterkrankungen als inoperabel galten. Mittlerweile werden nahezu ebenso viele Aortenklappen per Katheter implantiert wie offen operiert.

Der DGTHG-Präsident Jochen Cremer begrüßte in diesem Zusammenhang den jüngsten Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA), wonach für minimalinvasive Herzklappeninterventionen künftig qualitätssichernde Mindeststandards gelten sollen. Die 94 Krankenhäuser, die derzeit die Eingriffe durchführen, müssen dem Beschluss zufolge strukturelle, fachliche und personelle Anforderungen erfüllen. Für die 17 Krankenhäuser mit kardiologischen Fachabteilungen, die derzeit die TAVI vornehmen, aber keine herzchirurgische Versorgung sicherstellen können, gilt eine Übergangsfrist bis zum 1. Juli 2016. In diesem Zeitraum können sie die Eingriffe weiterhin vornehmen, sofern Kooperationsvereinbarungen mit herzchirurgischen Abteilungen vorliegen. „So wird ermöglicht, dass die Empfehlungen internationaler Leitlinien eine verbindliche Anwendung finden“, betonte Cremer. Enttäuscht von dem G-BA-Beschluss zeigte sich indes der DGK-Präsident Prof. Dr. med. Christian Hamm. Die Qualitätsanforderungen, die die Kardiologen wünschten, würden sich nicht nur auf das Vorhandensein einer Herzchirurgie beschränken, kritisierte er.

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