ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2015Chronische Hepatitis C: Hohe Heilungsraten ohne Interferon

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Chronische Hepatitis C: Hohe Heilungsraten ohne Interferon

Warpakowski, Andrea

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Mit der neuen Fixkombination aus Ledipasvir und Sofosbuvir können Hepatitis-C-Virus-Patienten Genotyp 1 zuverlässig behandelt werden. Im Gegensatz zur Therapie mit Interferon treten gleichzeitig nur leichte Nebenwirkungen auf.

Seit Dezember 2014 steht eine weitere Therapieoption für die chronische Hepatitis C der Genotypen 1, 3 und 4 zur Verfügung. Es handelt sich um eine Fixkombination aus dem neuen Wirkstoff Ledipasvir, einem NS5A-Inhibitor, und dem bereits zugelassenen Nucleotid-NS5B-Polymeraseinhibitor Sofosbuvir. Das sogenannte „Single-Tablet-Regime“ erzielte in Studien ohne Interferon bei unvorbehandelten und vorbehandelten HCV-Patienten Genotyp 1 mit und ohne Leberzirrhose Heilungsraten von bis zu 99 Prozent.

Die Fixkombination (Harvoni®) wird als eine Tablette (90 mg Ledipasvir plus 400 mg Sofosbuvir) einmal täglich eingenommen – ohne Interferon und bei den meisten Patienten auch ohne Ribavirin. Die empfohlene Therapiedauer beträgt je nach dem Schweregrad der Lebererkrankung acht, zwölf oder 24 Wochen (1). Bei unvorbehandelten Patienten (Genotyp 1 und 4) ohne Zirrhose und mit einer HCV-Viruslast von < 6 Millionen IU/mL können acht Wochen Therapie erwogen werden, ansonsten erhalten unvorbehandelte und vorbehandelte Patienten ohne Zirrhose und mit kompensierter Zirrhose und geringem Progressionsrisiko zwölf Wochen lang die Fixkombination. Patienten mit dekompensierter Zirrhose, Patienten vor oder nach einer Lebertransplantation sowie Patienten mit Genotyp 3 sollten zusätzlich Ribavirin erhalten und 24 Wochen lang behandelt werden.

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Prof. Dr. med. Stefan Zeuzem, Universitätsklinikum Frankfurt, erinnerte daran, dass sich viele Erkrankte aus Angst vor den Nebenwirkungen gegen eine Therapie mit Interferon entscheiden. Einige Patienten, insbesondere mit einer fortgeschrittenen Lebererkrankung, waren für eine Interferon-Therapie nicht geeignet. Nun könnten praktisch alle HCV-Patienten mit Genotyp 1 ohne Interferon behandelt werden, inklusive jenen mit einer HIV-Koinfektion und einer weit fortgeschrittenen Lebererkrankung, erklärte Zeuzem.

Heilungsraten betrugen in Studien bis zu 99 Prozent

Knapp 2 000 unvorbehandelte und vorbehandelte HCV-Patienten Genotyp 1 wurden mit Sofosbuvir/Ledipasvir im Studienprogramm ION behandelt. Insgesamt 99 Prozent (210/213) der therapienaiven Patienten mit und ohne Zirrhose erreichten mit zwölf Wochen und 98 Prozent (213/217) mit 24 Wochen Sofosbuvir/Ledipasvir eine anhaltend nicht nachweisbare HCV-RNA-Viruslast zwölf Wochen nach Behandlungsende (sustained virologiocal response week 12, SVR12) und galten somit als geheilt (2). Die SVR-12-Raten bei vorbehandelten Patienten inklusive jenen mit Zirrhose und Patienten, bei denen eine vorherige Proteasehemmer-Therapie versagt hatte, betrugen in der Studie ION-2 nach zwölfwöchiger Therapie 94 Prozent (102/109) und nach 24-wöchiger Therapie 99 Prozent (108/109) (3). In der Studie ION-3 erzielten 94 Prozent (202/215) der therapienaiven Patienten ohne Zirrhose mit acht Wochen Therapiedauer und 96 Prozent (208/216) mit zwölf Wochen Therapiedauer eine SVR12 (4). Die einzigen Nebenwirkungen, die häufiger als unter Placebo auftraten, waren Kopfschmerz und Erschöpfung.

Für Prof. Dr. med. Michael Manns, Medizinische Hochschule Hannover, bedeutet die neue Therapieoption das vorläufige Ende einer kontinuierlichen Verbesserung der HCV-Therapie seit der Entdeckung des Virus vor 25 Jahren. Manns geht für Deutschland von 400 000 bis 600 000 Patienten mit einer chronischen HCV-Infektion aus, von denen nur die Hälfte diagnostiziert ist und von denen jeder vierte Infizierte ohne Behandlung im Verlauf eine Zirrhose oder ein hepatozelluläres Karzinom entwickeln wird. Laut einer Modellrechnung werden aufgrund der Infektionen in den 70er und 80er Jahren bis 2030 rund 100 000 Patienten wegen einer HCV-bedingten Folgeerkrankung behandelt werden. 26 000 Menschen würden an den Folgen der chronischen HCV sterben (5).

Wegen der hohen Kosten für die neuen Therapien kann zurzeit nicht sofort jeder Patient behandelt werden, sagte Manns. Nach wie vor gebe es eine Priorisierung. Zunächst werden die Patienten behandelt, die eine dringende Therapieindikation haben. Viele Erkrankte könnten mit einer Therapie warten. Manns wies jedoch auch darauf hin, dass nun eine Welle von Folgekomplikationen vermieden werden kann, würde die Anzahl der behandelten Patienten von 10 000 auf 20 000 pro Jahr gesteigert werden (6).

Andrea Warpakowski

Pressekonferenz „Harvoni® – Aufbruch in eine Zukunft ohne HCV“ in Frankfurt; Veranstalter Gilead

1.
Fachinformation Harvoni®; Stand November 2014.
2.
Afdahl N, et al.: N Engl J Med 2014; 370: 1889–90. CrossRef MEDLINE
3.
Afdahl N, et al.: N Engl J Med 2014; 370: 1483–93. CrossRef MEDLINE
4.
Kowdley KV, et al.: N Engl J Med 2014; 370: 1879–88. CrossRef CrossRef MEDLINE
5.
Razavi H, et al.: J Health Economics and Outcomes Research 2013; 1: 239–53.
6.
Wedemeyer H, et al.: J Viral Hepatitis 2014; 21(Suppl 1): 60–89. CrossRef MEDLINE
1.Fachinformation Harvoni®; Stand November 2014.
2.Afdahl N, et al.: N Engl J Med 2014; 370: 1889–90. CrossRef MEDLINE
3.Afdahl N, et al.: N Engl J Med 2014; 370: 1483–93. CrossRef MEDLINE
4.Kowdley KV, et al.: N Engl J Med 2014; 370: 1879–88. CrossRef CrossRef MEDLINE
5.Razavi H, et al.: J Health Economics and Outcomes Research 2013; 1: 239–53.
6.Wedemeyer H, et al.: J Viral Hepatitis 2014; 21(Suppl 1): 60–89. CrossRef MEDLINE

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