ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2015Von schräg unten: Schwindel

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Schwindel

Dtsch Arztebl 2015; 112(6): [72]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Diagnose ist der Anfang aller Dinge, die Mutter aller Therapien. Mit solchen Sprüchen pflege ich meine Umgebung gerne zu nerven. Und wähne mich immer auf der sicheren Seite, wenn ich den Kern des Übels überführe, sei es mit EKG oder UKG, PCR oder MRT, EPU oder PET. Ist es nicht wunderbar, mit welch technischer Präzision und Raffinesse wir heute die Menschen bis ins kleinste Detail ausleuchten können? Unter uns, NSA und BND sind dagegen doch Laienspieltruppen, kommen mir vor wie alte Doktoren, die nur mit Anamnese und Stethoskop hantieren. Aber manchmal gerät dieses selbstzufriedene Weltbild gewaltig ins Wanken.

„Thomas, Du kannst Dir das nicht vorstellen, was passiert ist“, echauffiert sich meine Saxofonschülerin. Mir schwant Schlimmes, weit über Komplexität von Akkorderweiterungen hinausgehend. „Ich habe Dir ja schon mal von meinem Bruder erzählt, er wohnt in München und hat nichts als Arbeit im Kopf, er schreibt gerade an seinem Buch. Sonntags morgens war ihm ganz schwindelig, das war ihm neu, und er hatte Panik bekommen, dass es eine Durchblutungsstörung des Gehirns sein könnte, die er sich nicht leisten kann!“ Piano, piano, ganz ruhig. Schwindel hat mehr Differenzialdiagnosen als sämtliche Molltonleitern Noten; es muss also nicht immer die Höchststrafe sein. Und wie ging es weiter? „Er wusste sich keinen Rat und ließ sich vom Krankenwagen in die nächste Neurologie bringen!“ Erst einmal keine schlechte Idee, aber am Wochenende sind die Mannschaften ausgedünnt, sozusagen monophon, da kann es mit der Versorgung schon mal etwas holprig werden, sozusagen synkopal. „Genau! Er traf erst mal auf einen Kollegen von Dir, der kaum Deutsch sprach.“ Leider ist es so, dass sich derzeit zu viele freie Stellen um unsere jungen Ärzte rangeln, daher sind wir froh, wenn wir Verstärkung aus dem Ausland bekommen. „Weil er nicht mehr weiter wusste, hat er als Privatpatient nach dem Chef verlangt!“ Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee oder eine Dissonanz war. „War es. Er wurde auf der Schlaganfall-Einheit eingebuchtet, bis der Oberarzt kam.“ Dann war alles sicher wieder gut.

Anzeige

„Denkst Du! Er hat sich als Juraprofessor zu erkennen gegeben, und dann lief die ganze Maschinerie an!“ Das kann ich verstehen. Mediziner wollen sich bei Juristen immer absichern, fürchten diese wie der Geigenbauer den Holzwurm. Und, haben sie was gefunden? „Ach, i wo! Am Ende vermuteten sie einen Schlaganfall im Stammhirn, den man partout nicht sehen kann.“ Aber dann war alles gut, oder? „Von wegen! Mit dieser Diagnose des kryptischen Schlaganfalls musste er für ein Jahr seinen Führerschein abgeben!“ Was für eine Kakophonie! Ist im Nachhinein nicht geklärt worden, woher der Schwindel kam? Konnte man das Rätsel lösen? „Na klar. Er hatte am Abend zuvor nur zu viel getrunken und am nächsten Morgen einen fulminanten Kater.“ Aha, also war Alkohol die Lösung. Wer kam eigentlich darauf? „Na, sein alter Hausarzt!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema