ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2015Literarische Orte: Am schwarzen Fluss

KULTUR

Literarische Orte: Am schwarzen Fluss

Jachertz, Norbert

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Verlorene Heimat – Else Lasker-Schüler und ihr Schauspiel „Die Wupper“

Mit ihrer Dichterin Else Lasker-Schüler tun sich die Wuppertaler bis heute schwer – hier eine Porträtaufnahme aus dem Jahr 1932. Foto: picture alliance
Mit ihrer Dichterin Else Lasker-Schüler tun sich die Wuppertaler bis heute schwer – hier eine Porträtaufnahme aus dem Jahr 1932. Foto: picture alliance

Den Ort ihrer Kindheit und Jugend hat sie geliebt, die Else aus Elberfeld, der Stadt der Arbeiter und Fabrikanten, die Stadt der Schieferdächer und der hohen Ziegelschornsteine, die, roten Schlangen gleich, herrisch zur Höhe stiegen und deren Hauch die Luft vergiftete, so Lasker-Schüler in der Erinnerung. „Den Atem mussten wir einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei scharfe Arzneien und Farbstoffe färben die Wasser, eine Sauce für den Teufel.“ Und doch bekräftigt sie: „Ich bin verliebt in meine zahnbröckelnde Stadt, wo brüchige Treppen so hoch aufsteigen, unvermutet in einen süßen Garten oder geheimnisvoll in ein dunkleres Viertel der Stadt.“

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Als Else Lasker-Schüler (1869– 1945) so mehrdeutig ihre Liebe erklärt, 1913, in einem Essay anlässlich des 300-jährigen Stadtjubiläums, hatte sie Elberfeld und Wuppertal längst verlassen, lebte nach zwei Scheidungen – von Berthold Lasker, einem Arzt, und dem Schriftsteller Herwarth Walden – ohne feste Wohnung in Berlin, schrieb zarte und wilde Gedichte und irrlichterte durch die Künstlerszene. Die Sehnsucht nach der verlassenen Heimat, dem Ort der Geborgenheit im Elternhaus, das sie mit 25 Jahren verlassen hatte, blieb in ihrem im Herzen.

„Bange Jahre gegoren, floß die Wupper durch das Gewölbe meines Herzens aus dunkler Erinnerung gepresst.“ Else Lasker-Schüler. Foto: Ullstein bild
„Bange Jahre gegoren, floß die Wupper durch das Gewölbe meines Herzens aus dunkler Erinnerung gepresst.“ Else Lasker-Schüler. Foto: Ullstein bild

Das „Herz“ spielte bei Lasker-Schüler immer seine Rolle, im Leben mit den vielen Freundschaften und im Vokabular. So auch bei ihrer bekanntesten Liebeserklärung an die Heimat, dem Schauspiel „Die Wupper“, entstanden 1909, überarbeitet und uraufgeführt 1919. Angeblich schrieb sie es in einer einzigen Augustnacht. „Ich brachte wahrscheinlich mein Herz ins Fließen,“ erklärt sie. Oder, noch bildhafter: „Bange Jahre gegoren, floß die Wupper durch das Gewölbe meines Herzens aus dunkler Erinnerung gepresst.“ Auch „Die Wupper“ ist eine dieser mehrdeutigen Liebeserklärungen Lasker-Schülers an ihre Heimat. „Eine böse Arbeitermär“, schreibt sie an ihren ersten Verleger, „die sich nie begeben hatte, aber deren Wirklichkeit phantastisch ergreift.“

In der Tat, die Dichterin vermittelt Wirklichkeit. Nicht nur das Arbeitermilieu ist realistisch, ja naturalistisch gezeichnet, auch das der sogenannten guten Gesellschaft. Doch über der Fabrikantenvilla in Lasker-Schülers Drama – man sehe sich in Wuppertal als Beispiel eines der schieferverkleideten Palais des Textilbarons Friedrich Engels an – kreist der Pleitegeier und ein Fabrikantenspross macht sich an eine Minderjährige aus dem Arbeitermilieu heran. Die ziert sich nicht. Man trifft sich auf dem Kirmesplatz. Eine Alte aus der Arbeitersiedlung gibt die Kupplerin, während ihr Enkel sich um die Fabrikantentochter bemüht. Der will nach oben, mit Hilfe der höheren Tochter und einer Karriere als Pfarrer. Da scheut er sich auch nicht, von „den Katholischen“ zu „den Evangelischen“ zu wechseln, denn nur dann kann er ja heiraten.

Diese Andeutungen mögen genügen, um zu erkennen, dass Lasker-Schüler kein Fettnäpfchen auslässt. Kein Wunder, dass die Wuppertaler, egal aus welcher Klasse, sich mit diesen Milieuschilderungen nicht anfreunden mochten. Gerade, weil sie so treffend gezeichnet sind. Denn Lasker-Schüler kennt die Milieus. Aus ihrem wohlhabenden Elternhaus, von der Straße, vom Rummelplatz. Und sie nimmt die Menschen wie sie sind: gut und böse, intrigant und redlich, lüstern und verklemmt. Lasker-Schüler beschreibt, ohne zu verurteilen. Fast liebevoll, ausgenommen den einen Typen, den intriganten Inspektor Dr. jur. Der angelt sich schließlich die höhere Tochter und reißt sich die Firma unter den Nagel, nachdem sich der pädophile Sohn des Hauses umgebracht hat.

Die Wuppertaler tun sich bis heute schwer mit ihrer Dichterin. Doch ein Kreis von Freunden und Bewunderern hat die Stadt Wuppertal, in der Elberfeld 1929 aufging, zu einem Denkmal bewegen können. Hier beginnt ein Stadtrundgang auf den Spuren Else Lasker-Schülers. Viel ist nicht übrig geblieben. Bombenkrieg und Wiederaufbau haben gründlich aufgeräumt. Immerhin, das Elternhaus steht noch, Sadowastraße 7, eine eher schlichte Doppelhaushälfte, neoklassisch, dreigeschossig. Von dessen Turm „immer fröhlich die Fahne wehte“ und die weinende
Else tröstete, die „als Schulkind schon einige antisemitische Aufstände auf dem Heimweg“ hat erleben müssen. Von diesem Turm stürzte die Elfjährige, als sie während eines Gewitters angstvoll nach der „angebeteten Mama“ Ausschau hielt. (Alle Zitate, auch die folgenden, nach Lasker-Schülers Erinnerungen)

Der Besucher von heute, angekommen vor der Nummer 7, am Fuß einer steil ansteigenden Straße, sucht vergeblich nach dem Turm und erfährt später, einen solchen habe es nie gegeben. Doch Lasker-Schüler erinnert sich ganz präzise, wie sie über die Holzzinnen des Turms auf eine Jalousie stürzte, dort „geborgen wie in meiner Mutter Arm“ liegen blieb, dann von ihrem zweiten Bruder, der bei der Feuerwehr gewesen sei, hinabgetragen wurde, „von Stufe zu Stufe, von Luft zu Luft – immer ging es so durch den Leib – die lange, bange Leiter herab.“ Ob das wirklich so war, weiß man nicht. Denn Lasker-Schüler unterscheidet häufig nicht zwischen fantasierter und tatsächlicher Wirklichkeit.

Der Elberfelder Turm-Fall entpuppt sich jedenfalls als Schlüsselerlebnis: „Ich hatte den Veitstanz bekommen. Onkel Doktor meinte: Die Folge des Schrecks! Und nannte mich seitdem ,Springinsfeld`. Aber ich wusste, ich hatte den Veitstanz bekommen von etwas ganz anderem – vom ersten Schmerz meines Lebens, den auch das schönste Elternhaus nicht hat verhindern können.“

Über Turm und Veitstanz rätseln bis heute die Experten. Ein zweites Mal tritt der Veitstanz (oder was immer) in Lasker-Schülers Erinnerung 30 Jahre später auf, als sie sich von Herwarth Walden trennt. Auch das ein Sturz aus der Geborgenheit? Diese scheint Lasker-Schüler stets gesucht, aber nie mehr gefunden zu haben, nachdem sie das heimatliche Wuppertal verlassen hat. Die Sehnsucht danach aber blieb bis ans Lebensende, folgt man ihrem Gedichtband „Mein blaues Klavier“. Er erschien 1943, in der Emigration, in Jerusalem im „Hebräerland“, wo sie nach langem Umherirren schließlich zur Ruhe kam. Das titelgebenden Gedicht („Ich habe zu Hause ein blaues Klavier/Und kenne doch keine Note/Es steht im Dunkel der Kellertür/Seitdem die Welt verrohte ….“) entstand 1937 im Schweizer Exil. Es scheint der Dichterin so wichtig gewesen zu sein, dass sie sechs Jahre später ihre letzte Gedichtsammlung danach benannte.

Sie blickt aus der Ferne zurück auf die verlorene Heimat, symbolisiert durch das blaue Klavier. In der Sadowastraße 7 wird ein Klavier gestanden haben, wie in jedem gutbürgerlichen Heim, doch war es gewiss nicht blau. Vielleicht handelte es sich um das Puppenklavier, mit dem die kleine Else zu Hause gespielt hat. War es blau? Wie auch immer, „blau“ steht für die Sehnsucht nach etwas unwiederbringlich Verlorenem. Das blaue Klavier erscheint in einem Vers als „blaue tote“. Der Dichterin des „blauen Klaviers“ bleibt eine vage Hoffnung, sie schließt mit der Bitte: „Ach liebe Engel öffnet mir/ – Ich aß vom bitteren Brote – /Mir lebend schon die Himmelstür,/ Auch wider dem Verbote“.

Von der Sadowastraße laufen wir im allgegenwärtigen Wuppertaler Regen zur nächsten Haltestelle der Schwebebahn. Lasker-Schüler hat ihre Einweihung (1901) nicht miterlebt, sie doch bei ihrem Heimatbesuch 1913 kennengelernt. Sie ist stolz auf den „stahlharten Drachen“, der sich über den schwarzgefärbten Fluss legt. Und noch immer windet sich das „Bahnschiff durch die Lüfte über das Wasser“. Das fließt heute nicht mehr schwarz, sondern glasklar durch das Wuppertal, dank Filtern und dem Niedergang der Textilindustrie. Unser Bahnschiff schwebt pünktlich nach Fahrplan am einstmals so berühmten Wuppertaler Schauspielhaus vorbei. Das ist seit fast zwei Jahren geschlossen. Eröffnet wurde es 1966 mit „Die Wupper“ – allerdings nur als „zweiter Premiere“. Zuvor wurde der „Nathan“ gegeben. Lessing war weise, nicht so schwierig wie die Lasker-Schüler, und die Stadtväter hatten Angst vor dem Premierenpublikum.

Norbert Jachertz

Informationen

Über Lasker-Schüler und Wuppertal informiert die Else-Lasker-Schüler-Geselllschaft e.V. (Herzogstraße 42, 42103 Wuppertal. Telefon 0202 305198). Sie gibt einen Rundbrief heraus und bietet ein anspruchsvolles Veranstaltungsprogramm. Näheres unter: www.else-lasker-schueler-gesellschaft.de. Das Schauspiel „Die Wupper“, ergänzt um aufschlussreiche Dokumente zur Entstehungsgeschichte und ein Nachwort, ist bei Reclam erschienen (175 Seiten, 2002, 4,40 Euro), der Gedichtband „Mein blaues Klavier“ bei Suhrkamp (62 Seiten, 2006, 16,80 Euro).

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