ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2015Bärbel Rothhaar: Das Unsichtbare sichtbar machen

KULTUR

Bärbel Rothhaar: Das Unsichtbare sichtbar machen

Krüger, Wolfgang; Dipl.-Psych

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Die psychologische Porträtkunst der Berliner Malerin Bärbel Rothhaar steht in der Tradition Max Liebermanns. Ihre Fähigkeit, nicht nur die Oberfläche abzubilden, sondern das innere Wesen des Porträtierten zu erfassen, ist beeindruckend.

Auf der Höhe seines beruflichen Schaffens ließ sich der 57-jährige Ferdinand Sauerbruch von Max Liebermann malen. Sauerbruch soll sich von dem Bild, das ihn mit wachen, forschenden Augen und einer dem Betrachter zugeneigten Haltung zeigt, sehr verstanden gefühlt haben. Einer der bedeutendsten deutschen Chirurgen setzte damit eine Tradition fort, die vor allem im Bürgertum gelebt wurde. Ärzte, Unternehmer und Politiker beauftragten einen Maler, um ein Porträt anfertigen zu lassen. Die Wurzeln dieser Porträtmalerei liegen in der Antike, aber als Blütezeit gilt das 16. Jahrhundert. Bildete man früher vor allem Menschen in ihrer gesellschaftlichen Rolle ab, zeigte man nun stärker ihren individuellen Charakter.

Neue Porträtmalerei

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Ein Einschnitt in der Porträtmalerei war dann natürlich der Siegeszug der Fotografie. Vor 160 Jahren entstanden die ersten Porträtfotografien und inzwischen werden in jeder Sekunde bei Facebook 3 000 Bilder hochgeladen, viele davon „Selfies“. Nach einer langen Zeit, in der man die Porträtmalerei für überholt hielt, scheint sie in der Gegenwartskunst wieder an Bedeutung zu gewinnen. Doch was könnten ihre Aufgaben heute sein und was kann sie uns über den Menschen im 21. Jahrhundert erzählen? Zwischen den kühlen, fotorealistischen Porträts eines Gerhard Richter und den abgründigen, verletzlichen Menschenbildern von Marlene Dumas eröffnen sich neue Felder.

Eine herausragende Vertreterin einer modernen Porträtkunst ist die Berliner Malerin Bärbel Rothhaar, deren Bild „Ivan“ ich bei einem Atelierbesuch bei der Künstlerin entdeckte und das mich sofort faszinierte. Die Künstlerin erzählte mir, dass es sich um einen New Yorker Neurologen handelte, den sie zudem ausführlich interviewt habe. Was mich an Bärbel Rothhaars Porträts in den Bann zog, war die genaue Beobachtung, eine Art „Lesen“ in den Linien und Spuren, die das gelebte Leben in einem Gesicht hinterlassen hat. Dies geschieht nicht in fotografischer Genauigkeit, sondern mit einem expressiven Pinselstrich, gleichsam suchend, tastend, die Farbflecken locker nebeneinander setzend, bis daraus das Gesicht erscheint. So entstehen großformatige „Gesichtslandschaften“, in denen der Betrachter selbst herumwandern und lesen kann.

Der Schaffensprozess

Um sich ein solches Gesicht zu erarbeiten, braucht die Künstlerin eine intensive Vorbereitungszeit. In der abgeschiedenen Ruhe ihres Ateliers fertigt sie Fotos, Skizzen und sogar plastische Studien an. Und sie führt Gespräche, um die Lebensgeschichte ihrer Modelle zu erfassen. Die Künstlerin hört aufmerksam zu und greift nur ganz selten in den Erzählstrom ein. „Manchmal führt dieser Bericht erst ganz am Ende zu einem zentralen Lebensthema oder einem besonders emotionalen Ereignis. Auch Ivans Lebensgeschichte ist eine voller Dramatik“, erinnert sich die Künstlerin.

Diese Fähigkeit, nicht nur die Oberfläche abzubilden, sondern das innere Wesen, gleichsam die Wahrheit unter der Haut der Menschen zu erfassen, ist tief beeindruckend. Obgleich ganz in der Gegenwart verankert, steht Bärbel Rothhaar auch in der Tradition Max Liebermanns. In einem Essay sagte er, es sei die Aufgabe des Künstlers, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Er müsse die Seele, das Gemüt, das Leben sichtbar machen, sonst sei er kein Künstler.

Dr. Wolfgang Krüger, Dipl.-Psych.

@portraitsrothhaar.wordpress.com

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