ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2015Deutsche Pop Art: Big brothers are watching you

KUNST + PSYCHE

Deutsche Pop Art: Big brothers are watching you

Kraft, Hartmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Kennen Sie Winston Smith? Falls Sie seinen Namen vergessen haben sollten, so erinnern Sie sich vermutlich doch an seine Lebensgeschichte. Er ist der Protagonist in George Orwells 1949 erschienenem Roman „1984“. Der Mann mit dem Allerweltsnamen Smith lehnt sich gegen den Überwachungsstaat auf, gegen das allgegenwärtige „Big brother is watching you“. Das totalitäre System lässt ihn aber nicht entkommen und unterzieht ihn einer Gehirnwäsche.

Ein solcher Winston Smith könnte Modell gestanden haben für den „verkabelten Kopf“ (1974) von Siegfried Neuenhausen. Er erscheint wie ein Prototyp für „Otto Normalverbraucher“: ordentlich frisiert, gut rasiert und mit Schlips und Kragen versehen. Lediglich das rote Hemd ist eine Reverenz an die modische Entwicklung der 70er Jahre, als das weiße Einheits-Oberhemd der Angestellten und Beamten gegen stark farbige Hemden mit zum Teil poppigen Krawatten ausgetauscht wurde.

Während der Künstler sich bei dieser Arbeit zurücknimmt und seine Signatur und Datierung auf der Rückseite des Objektkastens angebracht hat, prangt die Nummerierung des Multiples unübersehbar auf dem Hemdkragen. Wir alle sind inzwischen mehr oder weniger „vernummert“, Zahlencodes begleiten uns von der Persönlichen Identifikationsnummer unseres Steuersystems über IBAN, lebenslange Arzt- oder Psychologennummer bis zur Betriebsstättennummer – und noch weit darüber hinaus.

Anzeige

Während die Verkabelung des Kopfes im Entstehungsjahr 1974 in der harmlosesten Sichtweise an ein Elektroenzephalogramm (EEG) erinnern mag, werden andere den schon erwähnten Überwachungsstaat assoziieren. Heute in Zeiten des allgegenwärtigen Internets mit Google, Facebook, Amazon & Co. haben wir eine Vielzahl kapitalistischer „großer Brüder“ bekommen, die alle unsere Daten sammeln, mit Algorithmen bearbeiten und unsere Kauf- und sonstigen Gewohnheiten durchleuchten und für kommerzielle Ziele nutzbar machen. Bildlich gesprochen sind wir verkabelter, als wir es uns je haben träumen lassen. Wir werden mehr und umfangreicher gesteuert, beeinflusst, letztlich „programmiert“ (so lautet einer der Titel dieses Werkes), als es uns bewusst und lieb ist. Dass ein gesellschaftlich und politisch denkender Künstler wie Siegfried Neuenhausen bereits 1974 – zur Hoch-Zeit einer in Deutschland auch politisch orientierten Pop Art – solch ein Multiple geschaffen hat, dessen Aussage von Jahr zu Jahr mehr an Bedeutung, ja Brisanz gewonnen hat, darf erstaunen und erschrecken zugleich. Erwähnt sei auch, dass der Künstler schon längst vor der heute so viel diskutierten „Inklusion“ mehrfach mit Behinderten, Psychiatriepatienten und Inhaftierten künstlerische Gemeinschaftsprojekte verwirklichte. Schon bevor der Begriff „Kunsttherapie“ sich etabliert hatte, nutzte Siegfried Neuenhausen das kreative Potenzial der genannten Personengruppen für die Rehabilitation, zumindest aber für eine bessere Gestaltung der Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser seinerzeit noch stark marginalisierten Gruppen. Dies mag als Hinweis auf die oft behauptete visionäre Gabe mancher Künstler gesehen werden.

Prof. Dr. med. Hartmut Kraft

Biografie Siegfried Neuenhausen

Geboren 1931 in Dormagen. 1952–1959 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, parallel dazu Studium der Philosophie an der Universität Köln. Nach Tätigkeit als Kunsterzieher seit 1964 Lehrtätigkeit an der Hochschule für Bildende Kunst Braunschweig. In seiner Kunst thematisiert Neuenhausen gesellschaftliche und politische Themen, unter anderem Folter und andere auf den Menschen einwirkende Zwänge. Über viele Jahre arbeitete er mit Psychiatriepatienten, Behinderten und Gefangenen. Weitere Informationen über www.siegfried-neuenhausen.de (im Aufbau).

1.
Neuenhausen S, Sello K: Zwischen Kunst und Psychiatrie. Hannover: Kunstverein Hannover 1983.
2.
Neuenhausen S, Zerul L: Die Welt als Irrenhaus. Salzgitter: Kunstverein Salzgitter 1988.
3.
Neuenhausen S (Hrsg.): Skulpturen für Hainholz. Stadtteilsanierung – Kunst – Bürgerbeteiligung. Bielefeld: Kerber-Verlag 2013.
1. Neuenhausen S, Sello K: Zwischen Kunst und Psychiatrie. Hannover: Kunstverein Hannover 1983.
2. Neuenhausen S, Zerul L: Die Welt als Irrenhaus. Salzgitter: Kunstverein Salzgitter 1988.
3. Neuenhausen S (Hrsg.): Skulpturen für Hainholz. Stadtteilsanierung – Kunst – Bürgerbeteiligung. Bielefeld: Kerber-Verlag 2013.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote