ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1996Deutscher Ärztetag: Sacharbeit statt Affären

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Deutscher Ärztetag: Sacharbeit statt Affären

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LNSLNS Entgegen einem in der Öffentlichkeit in den letzten Wochen vermittelten Eindruck dürften sich weder der 99. Deutsche Ärztetag (vom 4. bis 8. Juni) noch die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (am 3. Juni) schwerpunktmäßig mit personellen Querelen beschäftigen. Diese könnten freilich zur Sprache kommen, zumindest beim Ärztetag, möglicherweise auch bei der KBVVer­tre­ter­ver­samm­lung, nachdem sowohl Ärztetags-Präsident Karsten Vilmar als auch KBV-Vorsitzender Winfried Schorre von interessierter Seite ins Gerede gebracht worden sind.
Im Mittelpunkt beider Veranstaltungen (beide in Köln) stehen freilich die Bonner Reformpläne für das Gesundheitswesen und deren Beeinflussung durch das "Sparpaket". Die Ärzteschaft wird hier, wenn sie gehört werden will, überzeugend und geschlossen auftreten müssen. Das "Sonderthema" der KBV wird sodann der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) und, damit eng verbunden, das Konzept zum Stop des Punktwertverfalls (Stichwort "Praxisbudgets") sein.
Die Tagesordnung des Deutschen Ärztetages wartet mit einer Vielzahl gewichtiger Themen auf. Einmal geht es um eine Rückbesinnung auf den Nürnberger Ärzteprozeß und die seitdem entwickelten ethischen Kodizes für den ärztlichen Beruf. Beabsichtigt ist nicht eine bloße historische Studie, sondern ein Blick auf das Wertebild der Ärzteschaft von heute.
Unter TOP III "Die Medizinischen Hochschulen im Wandel des Gesundheitswesens" wird der Ärztetag eine Neubestimmung der Funktionen und Strukturen der medizinischen Ausbildung im Rahmen der Hochschulen erörtern. Zugleich soll Absichten einzelner Bundesländer begegnet werden, die die bisherige Einheit der institutionellen Aufgaben der medizinischen Hochschulen in Lehre, Forschung und Krankenversorgung zerschlagen wollen. Ein vom Vorstand der Bundes­ärzte­kammer vorbereiteter Beschlußantrag plädiert für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem klinischen und theoretischen Bereich. Die medizinischen Fakultäten müßten erweitert werden und eine neue Dimension erhalten, um eine größere Zahl von vorklinischen wie klinischen Instituten, das Universitätsklinikum, die Poliklinik, Ambulanzen und Akademischen Lehrkrankenhäuser, Lehrpraxen sowie andere Einrichtungen in die klinischen Ausbildungsaufgaben, in die Forschung und Lehre sowie in die Krankenversorgung einzubeziehen. Gefordert wird eine stärkere praxis- und anwendungsbezogene Ausbildung – fundiert und aufbauend auf medizinisch-naturwissenschaftlichen Grundlagen. Diese Ausbildung müsse zur "generellen Arztreife führen und damit zur effizienten Berufsausbildung und zur ärztlichen Weiterbildung befähigen", heißt es im Antrag. In der "erweiterten Fakultät" müsse eine Rotationsweiterbildung im Verbund mehrerer zur Weiterbildung befugter Ärztinnen und Ärzte ermöglicht werden. Der Antrag plädiert darüber hinaus für eine transparente und exakt kalkulierbare Finanzierung der Bereiche Lehre, Forschung (einschließlich der Drittmittelzuwendungen) und der Krankenversorgung. Geeignete Rechtsformen, die diese Finanzstrukturen sicherstellen, müßten geschaffen werden.
Angesprochen werden ferner eine Novellierung der Weiterbildungs- und der Berufsordnung. In beiden Fällen wird der Deutsche Ärztetag nicht mit einer grundlegenden Novelle konfrontiert. Bei der Weiterbildung geht es zum Beispiel um die Aktualisierung einiger Weiterbildungsgänge. Beim Ärztetag dürfte auch das "Problemdreieck" Hausarzt, Allge-meinarzt, Internist angesprochen werden. Soll aus Allgemeinarzt und Internist der "Hausarzt" entwickelt werden? Durch Verschmelzung? Durch Differenzierung der Berufsbilder? Soll der Internist wieder zum "echten" Spezialisten werden? Muß der Allgemeinarzt durch Verlängerung der Weiterbildungszeit "aufgewertet" werden? Beim 100. Deutschen Ärztetag 1997 in Eisenach soll der Entwurf einer grundsätzlich zu überarbeitenden Muster-Berufsordnung vorgelegt werden. Vorbereitend sollen auf dem diesjährigen Ärztetag auf der Grundlage von Vorschlägen des Vorstandes für eine Novellierung Diskussions- und Beratungsergebnisse gesammelt werden. Die geltenden Regelungen hätten ein "Ungleichgewicht" in der inhaltlichen Bezogenheit der Berufspflichten auf das berufliche Verhalten der Ärzte gegenüber Patienten im Rahmen ihrer Berufsausübung ergeben. Eine Prüfung des "Patientenbezugs" der Berufspflichten sei daher erforderlich. Insgesamt soll die Berufsordnung neu gegliedert und verständlicher werden. Die Vorschläge zu Werbung und Ankündigung besonderer Fähigkeiten, die die Vorstandsvorlage enthält, dürften heftig diskutiert werden. DÄ
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