ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2015Anthropologie: Über Werte und Wahrheiten

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Anthropologie: Über Werte und Wahrheiten

Koch, Joachim

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Nicht mehr die Gesellschaft oder das Individuum steht im Mittelpunkt der Theorie Bruno Latours, sondern Existenzweisen. Das sind Modi oder Sphären (welche Luhmann wohl selbstreferenzielle Teilsysteme genannt hätte), die kontinuierlich eigene Wahrheiten hervorbringen. Mit der Entdeckung und Entwicklung dieser Sphären hat sich der französische Soziologe Latour seit einigen Jahrzehnten beschäftigt. Er hat schon lange die Eigenarten der Moderne untersucht und die These aufgestellt, dass Menschen nie modern gewesen sind. In Latours Theorie spielt die Idee eine besondere Rolle, dass Menschen vernetzt handeln (Akteur- Netzwerk-Theorie).

Zeitgleich steht der Text des Buches auch im Internet (modesofexistence.org) und fordert auf, sich an den Diskussionen zu beteiligen. Latour will erreichen, dass Menschen über die Werte und Wahrheiten, die es in der Welt gibt, miteinander ins Gespräch kommen. Er weist die absoluten Deutungsansprüche der westlichen Modernen ebenso zurück wie alle Formen von Fundamentalismus. Zwischen unvereinbar scheinenden Existenzweisen soll Verständigung erreicht werden. Das ist deshalb notwendig, weil die Erde am Rand eines Kollaps steht. Die ruinöse Moderne muss durch ein ökologisches Zeitalter ersetzt werden. Aber die Zeichen zeigen in eine andere Richtung. Denn nach dem Verschwinden des Religiösen könnte auch ein anderer Wert, der noch wichtiger für das gemeinsame Leben und den gemeinsamen Anstand ist, verschwinden: das Politische.

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Wenn auch Teile der Analysen Latours sehr interessant sind (besonders, wo es um Religion, Recht, Institutionen und Ökonomie geht) und das Buch dadurch besticht, dass die Werte in ihrer Gesamtheit aufgelistet sind, ist das Buch als Ganzes schwer verständlich. Viele interessante Ideen werden oft nur angerissen (die Arroganz des Elite-Intellektuellen?). Vieles wirkt eigentümlich geistig verstiegen. Auf Beispiele wird weitgehend verzichtet, ebenso auf die Anwendung in der Praxis. Lösungen müssen jedoch konkretisiert werden, und möglichst viele Menschen sollten sich beteiligen können, denn die Menschheit ist in einer schwierigen Lage: Das Haus der Ökonomie ist nicht mehr bewohnbar und das Haus der Ökologie noch lange nicht fertig. Joachim Koch

Bruno Latour: Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Suhrkamp, Berlin, 665 Seiten, gebunden, 39,95 Euro

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