ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2015Intendierte dynamische Gruppentherapie: Persönliches und zugleich plastisches Bild

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Intendierte dynamische Gruppentherapie: Persönliches und zugleich plastisches Bild

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Der kürzlich gefeierte 25. Jahrestag des Mauerfalls bietet auch auf fachlich-psychologischer Ebene Anlass für Bilanz und Rückschau: Welche ostdeutschen Entwicklungen und Konzepte haben sich im Prozess des Zusammenwachsens der beiden deutschen Länder synthetisiert und transformiert, welche wurden diskreditiert und welche konnten Eingang in die „neo-bundesrepublikanische“ Berufspraxis finden? Sucht man im lebensweltlichen Alltag nach Spuren auch öffentlich anerkannter Bereicherung durch „Errungenschaften des Ostens“ (die etwas pathetische Formel sei verziehen), ist die Bilanz eher mager: Das Ampelmännchen ist wohl ihr prominentester Vertreter, darüber hinaus kommen die meisten schon ein wenig ins Grübeln. Die Diskreditierung nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems scheint einen großen Teil ostdeutscher Ideen und Zugänge epidemieartig für unbrauchbar erklärt zu haben – vielleicht sogar auch in einer Dynamik der Selbst-Entwertungen?

Umso wichtiger und umso erfreulicher ist es, dass sich innerhalb der Psychotherapie auch eine dazu konträre Haltung artikuliert: Die Intendierte Dynamische Gruppentherapie (IDG), während der DDR viel praktiziert und damals zentrale psychotherapeutische Behandlungsform, hat sich auch nach der Wende als eigenständiges Konzept behauptet und weiterentwickelt. Ihre Konzepte in der Verbindung von psychodynamischer Theorie und gruppenprozess-orientierter Umsetzung stellen sich bis heute selbstbewusst der gesamtdeutschen kritischen Reflexion.

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Dies gilt insbesondere in Bezug auf die Dimension des „Intendierten“ als in der Vergangenheit vielleicht zu einseitiger und starrer Festlegung auf gruppendynamische Phasenkonzepte und ihre suggestive Verordnung durch den Gruppenleiter. Das „Intendieren“, und hier insbesondere die vorgesehene Auflehnung gegen die Gruppenleiter (der „Kipp-Prozess“), wurde gerade in Bezug auf seine politischen Dimensionen nach der Wende vielfältig diskutiert und innerhalb der IDG im Verlauf selbstkritisch revidiert. Eine weitere Besonderheit ist ihre Integration körperorientierter und kreativer Verfahren in den gruppentherapeutischen Prozess – hier war die IDG eine beeindruckende Vorreiterin innerhalb der psychodynamischen Verfahren.

Der neue Band der Herausgeber Christoph Seidler und Irene Misselwitz vereint aktuelle Beiträge der Intendierten Dynamischen Gruppentherapie zu diesen Aspekten. Sie thematisieren die geschichtliche Gewordenheit des Verfahrens, die Relevanz für die aktuelle psychosoziale Situation und stellen die konkreten Behandlungszugänge in ihren theoretischen Wurzeln ebenso wie in ihren spezifischen Anwendungsfeldern umfassend vor. Erfreulich ist dabei die Verbindung von wissenschaftlicher Auseinandersetzung und der Diskussion auch subjektiver Erfahrungen mit dem Vorgehen der IDG. Hierdurch entsteht ein persönliches und zugleich plastisches Bild dieses Zugangs. Sich das Umgekehrte auszumalen – die „altdeutschen“ Psychotherapiekonzepte müssten sich unter einem gewandelten politischen System zur Disposition stellen – ist ein spannendes Gedankenexperiment. Es könnte helfen, mehr realen Dialog und neugieriges Sich- Befragen zwischen den ost- und westdeutschen Traditionen zu befördern.

Den Herausgebern und Autoren ist es gelungen, die Relevanz ihres Verfahrens innerhalb der gruppentherapeutischen und gruppenanalytischen Konzepte als wichtig und bereichernd zu belegen. Vera Kattermann

Christoph Seidler, Irene Misselwitz (Hrsg.): Neue Wege der Gruppenanalyse. Budrich UniPress, Leverkusen 2014, 188 Seiten, kartoniert, 26 Euro

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