ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1996Nierentransplantation: Neue Richtlinien für die Organvergabe

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Nierentransplantation: Neue Richtlinien für die Organvergabe

EB

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LNSLNS Seit einigen Wochen gilt für Deutschland, Östereich und die Benelux-Staaten – alle zusammengeschlossen im Eurotransplant-Verbund – ein neuer Vergabemodus für Spendernieren. Dadurch soll die Gerechtigkeit bei der Organverteilung sowie die Transparenz der Entscheidungen weiter verbessert werden. Zur Zeit sind etwa 14 000 Dialysepatienten auf der Warteliste bei Eurotransplant im holländischen Leiden registriert. Bislang hat der dortige Zentralcomputer den am besten geeigneten Empfänger nur nach den Merkmalen der Gewebeübereinstimmung (HLA-Antigenen) ermittelt. Fand sich kein Empfänger, der mit dem Spender in den sechs wichtigsten Antigenen übereinstimmte, war es dem für die Organentnahme zuständigen Transplantationszentrum überlassen, die Niere vor Ort zu vermitteln. Dies war bei etwa der Hälfte der Nierenspenden der Fall.


Jetzt berücksichtigt die Leidener Datenbank mit Hilfe einer ausgeklügelten mathematischen Formel insgesamt fünf Faktoren bei der Empfängerauswahl: Gewebeübereinstimmung, Wartezeit, genetische Chance, Entfernung zwischen Spender und Empfänger und Austauschbilanz zwischen den Eurotransplant-Mitgliedsstaaten. Wichtigste Voraussetzung für den Erfolg einer Nierentransplantation ist die Gewebeübereinstimmung; so senkt ein perfektes "Match" zwischen Spender und Empfänger das Risiko einer Organabstoßung um mehr als ein Drittel. Mit Hilfe des neuen Vergabemodus soll auch die Wartezeit, die heute im Durchschnitt drei bis vier Jahre beträgt, gesenkt werden. Kinder erhalten einen Zeitbonus. Patienten mit seltenen Gewebetypen hatten bisher eine geringe Chance, jemals ein passendes Spenderorgan zugeteilt zu bekommen.

Diesen Patienten wurde zum Teil durch die Vergabe der Spenderniere vor Ort geholfen. In Zukunft wird der Faktor genetische Chance berücksichtigt. Für einen Patienten mit seltenem Gewebetyp kann dann schon eine Spenderniere mit mittlerer Übereinstimmung das beste Angebot sein. Nur selten wird der im Gewebemuster passende Empfänger von dem Transplantationszentrum betreut, das die Spendernieren entnimmt. Viele Nieren werden deshalb verschickt. Obwohl das Organ durch gekühlte Nährlösung konserviert wird, kann eine längere Ischämiezeit den Erfolg der Transplantation gefährden. Deshalb wird jetzt die Entfernung zwischen Spender und Empfänger in die Vergabekalkulation einbezogen. In der Vergangenheit hat Deutschland mehr Spendernieren aus den anderen Eurotransplant-Mitgliedsstaaten bekommen, als es selbst zur Verfügung gestellt hat. Der Faktor Austauschbilanz wird dies in Zukunft verhindern. EB

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