ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2015HIV-assoziierte ophthalmologische Erkrankungen: Netzhautschaden ist mit erhöhter Mortalität assoziiert

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

HIV-assoziierte ophthalmologische Erkrankungen: Netzhautschaden ist mit erhöhter Mortalität assoziiert

Gerste, Ronald D.

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Selbst ohne opportunistische okuläre Infektionen wie die Cytomegalievirus-Retinitis haben HIV-positive Patienten häufig Sehstörungen, auch unter antiretoviraler Therapie. Sie sind auf eine neuroretinale Störung zurückzuführen. Bei Obduktionen von Aidspatienten ist wiederholt ein Verlust und eine Degeneration von Axonen in der Netzhaut gefunden worden. Die Häufigkeit wurde bislang auf etwa 10 % der Aidspatienten geschätzt.

Für eine große Studie zur ophthalmologischen Manifestation von HIV-Infektionen wurden 1 822 Aidspatienten im Zeitraum 1998 bis 2011 rekrutiert. Ausschlusskriterium waren okuläre Infektionen oder Trübungen am Auge. Die ophthalmologische Evaluierung wies bei 294 (16 %) von ihnen die HIV-assoziierte neuroretinale Störung nach. Besonders häufig davon betroffen waren Frauen und afroamerikanische Patienten. Weitere Risikofaktoren waren Hepatitis-C-Infektion, eine niedrige CD4+ T-Zellzahl – bei < 100/µl verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit eines Netzhautschadens – und erhöhte Viruslast. Aids-patienten mit der HIV-assoziierten neuroretinalen Störung hatten gegenüber jenen ohne diese Augenbeteiligung eine um 70 % erhöhte Mortalität, ohne dass die Ursachen für die höhere Sterblichkeit bekannt wären. Das Risiko ist für eine beidseitige Erblindung bei Aidspatienten mit neuroretinaler Erkrankung um den Faktor 5,9 erhöht. Auf längere Zeiträume extrapoliert ermittelte die Studiengruppe eine kumulative Inzidenz der neuroretinalen Störung von 22 % binnen fünf Jahren nach Aidsdiagnose und von 51 % zwanzig Jahre nach Diagnosestellung.

Fazit: Schädigungen der Neuroretina sind bei Aidspatienten einer großen Studie aus den USA zufolge mit 16 Prozent deutlich häufiger als bislang vermutet. Eine antiretovirale Kombinationstherapie, die die Zahl der CD4+T-Zellen auf > 100/µl erhöht und die HIV-Replikation supprimiert, dürfte die Prävalenz der Augenmanifestation der HIV-Infektion reduzieren, sie aber wohl nicht eliminieren, meinen die Autoren. Dr. med. Ronald D. Gerste

Jabs DA, et al.: Incidence and long-term outcomes of the human immunodefıciency virus neuroretinal disorder in patients with AIDS. Ophthalmology 2015,
DOI: http://dx.doi.org/10.1016/j.ophtha.2014.11.009.

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