ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2015Pharmakritik: Systematische Manipulationen

MEDIEN

Pharmakritik: Systematische Manipulationen

Mertens, Stephan

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Titel des Buches wird nicht jedem gefallen, er ist provokant und polarisierend, so wie das Buch. Gøtzsche – Internist, Professor am Rigshospitalet in Kopenhagen und Direktor des Nordic Cochrane Centre – ist der Ansicht, dass die Pharmaindustrie und die Hersteller von Medizinprodukten alle kommerziell relevanten Bereiche in Wissenschaft und Gesundheitswesen systematisch korrumpiert haben: Angefangen bei der Konzeptionierung und Interpretation von Studien, über die ausschließliche Publikation der positiven Ergebnisse bis hin zur Einflussnahme auf Autoren, Meinungsbildner, Fachzeitschriften, Zulassungsbehörden, Universitäten und Patientenselbsthilfegruppen.

Gøtzsche hat für seine Thesen sorgfältig recherchiert und belegt zentrale Aussagen anhand einer 60-seitigen Literaturliste. Viele der weltweit führenden Pharmaunternehmen werden heftig kritisiert. Hohe Schadenersatzzahlungen in der Größenordnung von von mehreren Hundert Millionen bis Milliarden Dollar mussten in der vergangenen Dekade fast alle Pharmariesen wie Ely Lilly, Abbott, Merck, Bayer, Schering-Plough, Glaxo, Pfizer und Johnson & Johnson zahlen. Gründe waren beispielsweise illegales Marketing, Verheimlichung schwerer Komplikationen sowie Betrug oder Bestechung. Ausführlich wird der Vioxx-Skandal beschrieben, der 2012 damit endete, dass das US-amerikanische Unternehmen Merck Rofecoxib vom Markt nehmen und 4,85 Milliarden Dollar an Strafgeldern zahlen musste. In diesem Zusammenhang wirft Gøtzsche auch der FDA Versagen vor, weil diese zu spät und zögerlich reagiert habe. So seien allein in den USA 120 000 Patienten an Thrombosen verstorben, die auf die Gabe von Rofecoxib zurückgeführt werden könnten.

Anzeige

Nach der Aufdeckung von Pharmaskandalen weisen die betroffenen Unternehmen häufig darauf hin, dass sich mittlerweile die Firmenpolitik geändert habe und strengere interne Richtlinien dazu führten, dass es künftig kein Fehlverhalten mehr geben werde. So verlangt das US-amerikanischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium bei gravierenden Fällen von Fehlverhalten von dem beschuldigten Unternehmen eine Vereinbarung zur Unternehmensintegrität. Aufgrund fortgesetzter Verstöße musste Pfizer im Laufe der letzten Jahre bisher vier entsprechende Erklärungen unterzeichnen.

Gøtzsche ist der Auffassung, dass die Zahl der Straftaten eher zu- als abnimmt. So wurden zwischen 1991 und 2010 in den USA 165 Vergleiche mit Pharmaunternehmen geschlossen, in denen insgesamt 20 Milliarden Dollar an Geldstrafen ausgesprochen wurden, etwa 15 Milliarden davon alleine in der Zeit von 2005 bis 2010. Von 2010 bis Juli 2012 wurden weitere Strafen mit einem Gesamtvolumen von zehn Milliarden Dollar verhängt. Aktuellere Daten wurden in dem bereits 2013 auf Englisch publizierten Buch nicht berücksichtigt. Stephan Mertens

Peter C. Gøtzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität. Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert. riva Verlag 2014, 570 Seiten, gebunden, 24,99 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote