ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2015Perinatalmedizin: Pädiatrischen Sicherstellungszuschlag einführen
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In einem im Vergleich zu Schweden (circa 440 000 km2) kleinen Land wie Deutschland (circa 360 000 km2) wäre trotz einer Zentralisierung perinatologischer Betten eine flächendeckende Versorgung möglich. Am Beispiel Bayern wäre denkbar, statt 36 Standorten nur 22, statt 115 Geburtsklinken nur circa 50 (Kliniken mit > 750 Geburten/2014) vorzuhalten. Die Erweiterung eines Münchener Perinatalzentrums von drei auf sechs Betten durch das Staatsministerium für Gesundheit und Pflege gibt hier dagegen sicher das falsche Signal.

Eine gute perinatologische Versorgung von Mutter und Kind ist in meinen Augen nicht verhandelbar. Eltern sind bereit, für eine gute medizinische Versorgung ihrer Kinder weite Wege in Kauf zu nehmen, was die Daten aus Nordeuropa und eigene Erfahrungen mit werdenden Eltern auch zeigen. Aber solange man in Deutschland mit < 800 g Geburtsgewicht ~ 120 000 Euro erwirtschaften kann, sind für kleine Kliniken finanzielle Anreize falsch gesetzt. Auch in einem reichen Bundesland wie Bayern darf Geld nicht in vielen kleinen Klinikeinheiten versickern, vielmehr muss die Politik ihren Bürgern vermitteln, dass medizinische Schwerpunkte nicht in jeder Klinik vorgehalten werden können. Der selektiven Schließung von Geburtskliniken, verbunden mit einer deutlichen Reduzierung der Perinatalzentren, zum Beispiel nach DKG-Vorgaben, kann ich – wie auch die Autoren Rossi, Poets, Jorch – nur zustimmen, um die Versorgung dieser Risikokinder an 365 Tagen rund um die Uhr auf hohem Niveau zu gewährleisten.

Der Vollständigkeit halber darf nicht unerwähnt bleiben, dass im DRG-System die neonatalen Diagnosen (P-DRG s. o.) so gut bewertet werden, dass diese in der Finanzierung einer Kinderklinik nicht wegzudenken sind. Mehr als 75 Prozent der stationären Aufnahmen kommen über die Notfallaufnahme, sind somit nicht planbar. Circa 50 Prozent der Kinder bleiben hiervon nur eine Nacht. Somit entstehen enorme Vorhaltekosten, die im DRG-System nicht gegenfinanziert sind. Fiele im Rahmen von Umstrukturierungen die Neonatologie für einzelne Kinderkliniken weg, hieße das für viele Kinderkliniken auch das Aus. Denn diese Kliniken wären für Weiterbildungsassistenten/-innen dann uninteressant, was zu einer personellen Notlage führen würde. Wird im Gegenzug zur sinnvollen Zentralisierung nicht gleichzeitig das pädiatrische DRG-System neu und damit höher bewertet, schaffen sich Kinderkliniken auf diesem Weg selbst ab und eine flächendeckende Versorgung ist im stationären Segment nicht mehr gewährleistet, weder für die Geburtshilfe noch für die gesamte allgemeine Pädiatrie. Hier ist die Politik ebenfalls gefordert, die Idee eines pädiatrischen Sicherstellungszuschlags umzusetzen, so dass die Finanzierung einer Kinderklinik gesichert ist, ohne diese auf den Schultern der Frühgeborenen auszutragen.

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Literatur beim Verfasser

Priv.-Doz. Dr. med. Stephan Seeliger, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendliche, Kliniken St. Elisabeth, 86633 Neuburg/Donau

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