ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2015Perinatalmedizin: Unscharf
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Beide Artikel bleiben in wesentlichen Punkten unscharf.

Zum einen mutet es etwas einseitig an, das (fraglich) bessere Outcome der Schweden und Finnen allein an den großen Geburtszentren festzumachen. Denn gerade in Schweden und Finnland ist das Gesundheitssystem rein strukturell ein anderes als in Deutschland, wie in dem Artikel angedeutet, und erst recht die Geburtshilfe:

In Schweden werden Schwangere von Anfang an von Hebammen betreut, Ärzte werden nur bei Komplikationen in Schwangerschaft oder unter Geburt hinzugezogen, und auch die Nachsorge wird von Hebammen geleistet. Zudem ist eine Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Hebamme unter der Geburt die Regel, was in Deutschland bei weitem nicht der Fall ist. Es kommen also weitere Faktoren hinzu, die eine bessere Betreuung während Schwangerschaft und Geburt zur Folge haben und Einfluss nehmen auf die niedrigere Zahl an Frühgeburten und geringere Anzahl an Kindern mit geringem Geburtsgewicht . . .

Anzeige

Nehmen wir an, dass sich die Kernzahlen zu Mütter- und Säuglingssterblichkeit nach Äquivalenzrechnungen und so weiter in Schweden, Finnland und Deutschland ähneln. Dann ist nachzufragen, wie die Finnen und Schweden trotz weniger großer Zentren so gute Ergebnisse erzielen. Denn ich glaube nicht, dass dies allein dem Glück geschuldet ist!

Zudem bleiben ein paar andere Zahlen, die man erst recht nicht einfach mit „Glück gehabt“ erreicht:

Da ist die Kaiserschnittrate, die halb so hoch ist wie in Deutschland, sowie der deutlich geringere Anteil an Kindern mit Geburtsgewicht unter 2 500 g und Frühchen. Hier können und müssen wir sehen, was wir verbessern können, denn Frühchen haben nicht selten lebenslänglich mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Wenn wir diesen Bereich dem „Glück allein“ überlassen, dann ist das ein echtes Armutszeugnis!

Die Versorgung von Frühgeborenen ist in Deutschland insgesamt nicht zu bemängeln. Diese Kinder sind sehr wahrscheinlich in großen Zentren besser aufgehoben. Das ist aber kein Argument, nun alle Geburten in große Zentren zu verlegen. Denn: Wo bleibt ein Ansatz zur Prävention von Frühgeburten und Kindern mit geringem Geburtsgewicht? Hier können wir von den Schweden und Finnen etwas lernen. Ich denke, dass die gute Hebammenversorgung ein wichtiger Faktor ist. Da haben wir noch viel Nachholbedarf.

Dasselbe gilt für die viel zu hohe Kaiserschnittrate in Deutschland: Inzwischen häufen sich die Hinweise auf die potenziellen lebenslangen Nachteile für die Kinder (zum Beispiel erhöhte Inzidenz für Autoimmunerkrankungen). Spätestens jetzt müssen wir hier gegensteuern.

Eine Eins-zu-eins-Betreuung bei jeder Geburt durch eine qualifizierte Hebamme und die gleiche Bezahlung von vaginaler Geburt und Sectio wären da ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ich finde es ohnehin bizarr, dass ein 15-minütiger Eingriff deutlich besser bezahlt wird als die stundenlange Begleitung einer Frau unter Geburt, die Einfühlungsvermögen und Personalressourcen voraussetzt . . .

Literatur bei der Verfasserin

Iris Appel, Ärztin, 41539 Dormagen

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Stellenangebote