ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2015Hygienemanagement: IT hilft im Kampf gegen Keime

TECHNIK

Hygienemanagement: IT hilft im Kampf gegen Keime

Kilz, Silke

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Multiresistente Keime wie MRSA, gegen die mehrere Antibiotika keine Wirkung zeigen, sind auf dem Vormarsch. Um die gefährlichen Erreger in den Griff zu kriegen, setzen immer mehr Kliniken auf IT-gestützte Hygienemanagementsysteme.

Foto: iStockphoto
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Ob Sportverletzung, Blinddarmentzündung oder Mandeloperation – immer wieder nehmen vermeintlich harmlose Routineeingriffe einen schlimmen Verlauf. Der Grund sind antibiotikaresistente Erreger. Nach Angaben des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums sind jedes Jahr rund 400 000 bis 600 000 Menschen von nosokomialen Infektionen betroffen, schätzungsweise 7 500 bis 15 000 Pati-enten sterben daran.

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Nach Untersuchungen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene liegt die Zahl sogar noch höher: Danach treten jährlich 900 000 Infektionen auf, 30 000 enden tödlich. Unabhängig davon, welche Zahlen näher an der Realität liegen: Fakt ist, dass die Zahl der resistenten Keime steigt.

Dokumentation ist Pflicht

Vor diesem Hintergrund empfiehlt die Welt­gesund­heits­organi­sation, Antibiotika nur noch dann zu verschreiben, wenn diese wirklich unbedingt nötig sind. Zudem sollten Patienten möglichst keine Breitband-Antibiotika erhalten, die gegen verschiedene Erreger gleichzeitig wirken. Denn fatalerweise sind es vor allem diese Medikamente, auf die viele Erreger nicht mehr ansprechen.

Entscheidenden Einfluss auf die Verbreitung von Keimen in Kliniken hat jedoch die Krankenhaushygiene. Experten sind sich sicher, dass etwa 20 bis 30 Prozent aller durch Keime verursachten Todesfälle vermieden werden könnten, wenn Hygieneregeln besser eingehalten würden. Aber da selbst unter den besten Bedingungen immer wieder gefährliche Keime auftreten, ist es wichtig, dass Kliniken sich einen Überblick verschaffen, welche Erreger in ihrem Haus auf welchen Stationen vorkommen und ob sie sich ausbreiten. Hier leisten IT-Systeme wertvolle Unterstützung.

Nach dem Infektionsschutzgesetz ist ein Krankenhaus gesetzlich dazu verpflichtet, die häufigsten infektionsrelevanten Erreger, wie zum Beispiel MRSA, zu erfassen. Dafür sollten täglich sämtliche mikrobiologischen Befunde auf Erreger untersucht und bewertet werden. So kann genau festgestellt werden, ob sich ein betroffener Patient in der Klinik infiziert hat oder ob er bereits Träger des Keims war. „Täglich erhalten Kliniken Hunderte von Befunden. Um hier die relevanten Informationen herauszufiltern und zu bewerten, ist IT mittlerweile unumgänglich“, erklärt Thomas Keuenhoff, IT- und Krankenhaushygiene-Experte bei der Telekom Healthcare Solutions. „Kleinere Kliniken mit weniger als 200 Betten setzen für ihre Dokumentation in der Regel auf Excel oder Access“, so Keuenhoff. „Diese Art der Dokumentation ist allerdings enorm zeitaufwendig und birgt ein hohes Fehlerrisiko.“ Größere Häuser setzen daher zunehmend auf IT-gestützte Hygienemanagementsysteme.

Die Helios-Kliniken nutzen beispielsweise eine Lösung, die speziell für das Krankenhausnetzwerk entwickelt wurde. Ärzte dokumentieren hier, ob Patienten mit einem der wichtigsten Erreger besiedelt oder infiziert sind. Jede Klinik kann so nachvollziehen, in welchem Umfang gefährliche Keime im Krankenhausverbund nachgewiesen wurden. Um auch Patienten über die Entwicklung resistenter Erreger zu informieren, veröffentlicht Helios die Daten aus dem Hygienemanagement auch auf seiner Webseite.

Auffälligkeiten früh erkennen

In eine ähnliche Richtung zielt „[i/med] MedReport“ von Dorner Health IT Solutions. Auch diese Software unterstützt Ärzte bei der Erfassung und Bewertung von Krankenhauskeimen. Antibiotikaresistente Infektionserreger, Ausbruchsrisiken und Ausbrüche lassen sich so frühzeitig erkennen und kontrollieren. Durch die Verknüpfung der lokalen Resistenzen mit den Daten anderer Kliniken erhält das Krankenhaus zudem Hinweise auf einen möglicherweise übermäßigen oder falschen Einsatz von Antibiotika und kann so gezielt entgegensteuern.

Auch als mobile Anwendung verfügbar: die Bildschirmansicht des Systems Hybase auf dem Smartphone
Auch als mobile Anwendung verfügbar: die Bildschirmansicht des Systems Hybase auf dem Smartphone

Seit Mitte 2012 ist die Software am Klinikum Fürth im Einsatz. Dr. med. Mark Beider, hygienebeauftragter Arzt am Krankenhaus, ist mit dem System sehr zufrieden: „Es gibt uns auf Knopfdruck alle Analysen aus, die wir brauchen. Einmal gespeichert, sind diese bei Bedarf jederzeit abrufbereit und können über eine Filterleiste am Ende jeder Seite detailliert und je nach Fragestellung angepasst werden. Außerdem unterstützt uns das Programm in der Optimierung von hygienerelevanten und medizinisch kritischen Prozessen. Durch teils automatisierte Auswertungen können Auffälligkeiten im laufenden Betrieb frühzeitig erkannt werden, was eine erhebliche Unterstützung in der Erkennung von unnatürlichen Häufungen oder Ausbruchsszenarien darstellt.“

Heute kann man sich am Klinikum Fürth nicht mehr vorstellen, ohne die Analysemöglichkeiten der Software zu arbeiten. Dazu Beider: „Wir hatten den großen Vorteil, dass wir als einer der ersten Kunden unsere Wünsche und Vorstellungen in die Entwicklung des Produktes mit einfließen lassen konnten. Resultat ist eine sehr praxisnahe Statistikanwendung, die die alltägliche Arbeit für uns enorm erleichtert.“

Eines der umfangreichsten und bekanntesten Statistik- und Analysesysteme für Krankenhäuser ist „Hybase“, eine Software, die von der Telekom Healthcare Solutions vertrieben wird. Mit dem System arbeiten mehr als 650 Krankenhäuser und Labore in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Über die Hybase-App lässt sich die Anwendung auch mobil via Smartphone nutzen.

Die Software ist mit allen gängigen Labor- und Krankenhausinformationssystemen verbunden. Ärzte können so die mikrobiologischen Befunde aus dem Labor direkt in die Hygienesoftware einspielen und erkennen damit schnell Häufungen von Keimen und Antibiotikaresistenzen. „Wie ein Detektiv durchsucht Hybase die aktuellen Befunde nach Hinweisen auf Erreger wie MRSA oder 3/4-MRGN“, erklärt IT- und Krankenhaushygiene-Experte Keuenhoff. Auf diese Weise können Fachleute mit wenig Aufwand feststellen, in welchen Abteilungen und Fachbereichen sich welche Erreger im Haus ausbreiten, und entsprechende Maßnahmen treffen, um gegenzusteuern.

Sobald der Erreger beseitigt ist, ändern die Mitarbeiter das Alarmkennzeichen für den Patienten etwa in „Bekannter MRSA-Patient“. Anette Pogge, leitende Hygienefachkraft im Diakonie-Krankenhaus Bremen, setzt die Software bereits seit mehreren Jahren ein: „80 bis 90 Prozent unserer als MRSA-negativ entlassenen MRSA-Patienten sind bei Wiederaufnahme bereits erneut besiedelt“, sagt die Expertin. „Deswegen ist es für uns besonders wichtig, dass Hybase uns über das Krankenhausinformationssystem automatisch warnt, wenn ein solcher Risikopatient erneut ins Krankenhaus kommt.“

Vorgeschriebene Statistiken

Wie viele Patienten haben sich in den vergangenen beiden Monaten eine Blutvergiftung zugezogen? Ist die Zahl der MRGN-Fälle auf der Intensivstation tatsächlich in den letzten Wochen gestiegen? Pogge nutzt die Auswertungen unter anderem für regelmäßige Besprechungen mit den Hygienebeauftragten und den einzelnen Stationen. Auch beim Erfüllen der gesetzlichen Pflicht hilft das System: Ärzte erzeugen die nach § 23 im Infektionsschutzgesetz vorgeschriebenen Statistiken, drucken diese aus und bewerten sie. Legen sie dazu ein entsprechendes Profil an, lässt sich das fortan automatisiert erledigen.

Um ihre Infektionsraten mit bundesweiten Referenzwerten zu vergleichen, melden Krankenhäuser ihre Zahlen an das Nationale Referenzzentrum zur Surveillance von nosokomialen Infektionen (NRZ Hygiene). Hybase unterstützt die Datenübermittlung zum Beispiel im Rahmen der Erfassung von postoperativen Wundinfektionen. „Früher musste ich alle Patienten mit zum Beispiel künstlichem Hüftgelenk per Hand eingeben und die aufgetretenen Infektionen hinzufügen“, erläutert Pogge. „Jetzt brauche ich nur ein paar Klicks und das System zieht die relevanten Informationen direkt aus dem KIS. Ich brauche dann nur noch die Infektionen einzutragen.“ Neben dem NRZ Hygiene ermöglicht die Software auch den Export an das nationale Referenzzentrum an der Universitätsklinik für Krankenhaushygiene und Infektionskontrolle an der Medizinischen Universität Wien.

Darüber hinaus unterstützt sie teilweise automatisiert die Datenübermittlung an verschiedene Surveillance-Programme im deutschsprachigen Raum zur Überwachung von Antibiotikaresistenzen. Dafür sind spezielle Exportschnittstellen integriert. Die Nutzer des Systems können dabei Daten sowohl an die deutschlandweite Antibiotika-Resistenz-Surveillance des Robert Koch-Institutes liefern als auch an das Antibiotika-Resistenz-Monitoring in Niedersachsen.

Doch trotz aller Technik: Ohne die konsequente Einhaltung von Hygieneregeln bringt auch das modernste Hygienemanagementsystem nichts. Wie das medizinische Personal die Zahl von Krankenhausinfektionen durch einfache Verhaltensmaßnahmen verringern kann, erforscht seit 2010 das Universitätsklinikum Jena. Ziel der noch bis 2015 dauernden Untersuchung ist es, ein alltagstaugliches Präventionsprogramm für Krankenhäuser zu erarbeiten, um die Rate der Infektionen um 20 Prozent zu senken.

Ein Ergebnis steht aber schon heute fest: Der nach wie vor wichtigste Faktor bei der Bekämpfung von Keimen ist nicht das Hygienemanagement, sondern ganz einfach das regelmäßige Desinfizieren der Hände.

Silke Kilz

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