ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2015Menschen in prekären Lebenslagen: Den Teufelskreis durchbrechen

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Menschen in prekären Lebenslagen: Den Teufelskreis durchbrechen

Korzilius, Heike

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Für eine bessere gesundheitliche Versorgung von Menschen am Rand der Gesellschaft hat sich die Ärzteschaft in Nordrhein-Westfalen ausgesprochen.

Aufsuchende Medizin: Obdachlose, wie hier in Mainz, brauchen andere therapeutische An gebote als der Durchschnittspatient. Foto: dpa
Aufsuchende Medizin: Obdachlose, wie hier in Mainz, brauchen andere therapeutische An gebote als der Durchschnittspatient. Foto: dpa

Armut macht krank, und Krankheit macht arm. In diesem Teufelskreis sind viele Menschen gefangen, die sich in sogenannten prekären Lebenslagen befinden. Die Folge: Sozial benachteiligte Frauen sterben bis zu 8,4 und Männer bis zu 10,8 Jahre früher als ihre wohlhabenden Mitmenschen. Diese Zahlen präsentierte Prof. Dr. phil. Nico Dragano vom Centre for Health and Society der Medizinischen Fakultät der Universität Düsseldorf Anfang Februar bei einer Fachtagung, zu der die Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe in Zusammenarbeit mit der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen und dem Landesgesundheitsministerium nach Düsseldorf geladen hatten.

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Dort ging es insbesondere um das Problem, dass Wohnungslose, Langzeitarbeitslose, Flüchtlinge oder auch Menschen mit Behinderung aus unterschiedlichen Gründen oft nur einen eingeschränkten oder gar keinen Zugang zur medizinischen Regelversorgung haben. Dabei, so Dragano, hätten Menschen in prekären Lebenslagen in der Regel einen erhöhten Versorgungsbedarf. Sie benötigten allerdings häufig andere Zugänge zum Gesundheitssystem, weil sie anders agierten als der Durchschnittspatient.

Menschen in prekären Notlagen seien auf einen schnellen, unbürokratischen und niederschwelligen Zugang zum Gesundheitswesen angewiesen, erklärte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für einen bedarfsgerechten und gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitswesen auch für diese Menschen zu sorgen. Die Landesgesundheitskonferenz NRW, deren Mitglied die Ärztekammer Nordrhein ist, beschäftigte sich bereits im November 2014 mit der Versorgung von Menschen in prekären Lebenslagen und verabschiedete einen Maßnahmenkatalog zur Überwindung von Zugangshürden zum Gesundheitssystem. Die Veranstaltung der Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe wertete Kammerpräsident Henke vor diesem Hintergrund als „eine Art Auftakt zu einem Dialog von Fachpublikum sowie der Öffentlichkeit zu diesem Thema“.

Für Ge­sund­heits­mi­nis­terin Barbara Steffens (Grüne) ist die Entschließung der Landesgesundheitskonferenz ein Bekenntnis zu einem solidarischen und sozialen Gesundheitssystem. Ähnlich wie Henke betonte auch sie den Zusammenhang zwischen Ausgrenzung und Krankheit. „Wir müssen für diese Menschen eine Brücke ins Gesundheitssystem schlagen“, erklärte die Ministerin. Dabei müssten auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick genommen werden. Es nütze nichts, wenn man nur im Gesundheitswesen versuche „zu reparieren“. Noch sei Hilfe für diese Zielgruppe oft eine Sache von engagierten Einzelnen. „Das kann nicht reichen“, meinte Steffens. Es müssten durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst Strukturen geschaffen werden. „Wir müssen uns das als reiche Gesellschaft leisten.“

Auf die zum Teil unzureichende medizinische Versorgung von Flüchtlingen wies die Leiterin des Gesundheitsamtes Köln, Dr. med. Anne Bunte, hin. Zurzeit seien in Köln etwa 5 400 Flüchtlinge in Notaufnahmeeinrichtungen untergebracht. Hier habe man das Versorgungsproblem mithilfe der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) relativ pragmatisch lösen können. Ziel sei es gewesen, ein ärztliches Sprechstundenangebot zu schaffen, „eine tragfähige Lösung im Regelsystem“, sagte Bunte. Inzwischen seien 60 niedergelassene Ärzte dazu bereit, sich außerhalb ihrer regulären Sprechstunden an der Versorgung der Flüchtlinge zu beteiligen. Diese erhielten für den Arztbesuch einen Krankenschein vom Sozialamt. Die Ärzte rechneten die Behandlungen auf der Grundlage der Gebührenordnung für Ärzte zum 1,0-fachen Satz über die KV ab.

Heike Korzilius

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