ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2015Anästhesie: Die Sicherheit von Stickstoffoxid hat sich bestätigt

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Anästhesie: Die Sicherheit von Stickstoffoxid hat sich bestätigt

Heinzl, Susanne

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Stickstoffoxid wird seit mehr als 150 Jahren als Anästhetikum verwendet. Immer wieder wird diskutiert, ob es das perioperative kardiovaskuläre Risiko erhöht. In der ENIGMA-II-Studie wurde untersucht, ob die Anwendung von NO in der Anästhesie das Sterberisiko, das Risiko für perioperative kardiovaskuläre Komplikationen und für Infektionen erhöht.

In die prospektive, internationale einfach verblindete Untersuchung wurden zwischen Mai 2008 und September 2013 7 112 Patienten aufgenommen, die mindestens 45 Jahre alt waren und ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen aufwiesen (1). Zu den kardiovaskulären Risikofaktoren gehörten eine koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, zerebrovaskuläre Erkrankungen, periphere Gefäßerkrankungen oder ein Alter über 70 Jahre mit weiteren Komorbiditäten. Die Patienten mussten sich einer größeren nicht kardialen Operation unter Allgemeinanästhesie unterziehen, die mindestens 2 Stunden dauerte. 3 543 Patienten erhielten Lachgas, 3 569 ein anderes Narkotikum. Der primäre kombinierte Endpunkt waren Tod und kardiovaskuläre Komplikationen (nicht tödlicher Herzinfarkt, Schlaganfall, Lungenembolie oder Herzstillstand) in 30 Tagen postoperativ. Er wurde vergleichbar häufig erreicht: bei 283 Patienten (8 %) mit und bei 296 Patienten (8 %) ohne Lachgas (relatives Risiko: 0,96; 95-%-Konfidenzintervall: 0,83–1,12; p = 0,64). Infektionen am Operationssitus traten mit je 9 % ebenfalls vergleichbar häufig auf, Übelkeit und Erbrechen waren unter NO-Anästhesie mit 15 % signifikant häufiger auf als im Vergleichsarm mit 11 % (p < 0,0001). Die Häufigkeit dieser bekannten unerwünschten Wirkung lässt sich durch Prophylaxe reduzieren.

Fazit: Die Verwendung von Lachgas bei nicht herzchirurgischen Eingriffen beeinflusst weder das Sterberisiko noch das Risiko für peri-operative kardiovaskuläre Komplikationen binnen 30 Tagen nach dem Eingriff. „Bei kaum einem anderen Narkotikum gab es eine solch kontrovers geführte Debatte über die Sicherheit“, kommentiert Prof. Dr. med. Jörg Weimann, Chefarzt der Abteilung für Anästhesie und interdisziplinäre Intensivmedizin, Sankt-Gertrauden-Krankenhaus, Berlin. Dieser Debatte sei es aber letztlich zu verdanken, dass mit der vorliegenden ENIGMA-II-Studie die klinische Sicherheit von Lachgas in der Anästhesie nach heutigem wissenschaftlichem Standard als belegt gelten dürfe. Dass Lachgas in vielen Kliniken vor dem Hintergrund früherer Diskussionen nicht mehr angewandt werde, erscheine aus heutiger Sicht voreilig. Denn in einer Folgestudie (2) der ENIGMA-I-Studie (3) hätten sich für die Anwendung von Lachgas auch Vorteile ergeben, so beim postoperativen Auftreten chronischer Schmerzsyndrome.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

  1. Myles PS, et al.: The safety of addition of nitrous oxide to general anaesthesia in at-risk patients having major non-cardiac surgery (ENIGMA-II): a randomised, single-blind trial. Lancet 2014; 384: 1446–54.
  2. Chan MT, et al.: Chronic postsurgical pain after nitrous oxide anesthesia. Pain 2011; 152: 2514–20.
  3. Myles PS, et al. and the ENIGMA Trial Group: Avoidance of nitrous oxide for patients undergoing major surgery: a randomized controlled trial. Anesthesiology 2007; 107: 221–31.

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