ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2015Psychosomatik: Das missachtete Gebiet

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Psychosomatik: Das missachtete Gebiet

Fischer, Georg

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Der Jammer ist groß:

  • bei der Wirtschaft wie bei den Krankenkassen, weil psychische Erkrankungen die zweithäufigste Begründung für Arbeitsunfähigkeit darstellen – mit seit Jahren steigender Tendenz;
  • bei Patienten, die auch in angeblich überversorgten Regionen, wenn überhaupt, nur über Wartezeiten Zugang zu psychotherapeutischer Betreuung finden beziehungsweise – seit Jahrzehnten unverändert – jahrelang in einem der (nach perpetuierter Selbsteinschätzung) „besten Medizinsysteme der Welt“ ohne angemessene Diagnose oder gar Therapie herumirren;
  • bei der Ärzteschaft, die ein fehlendes Angebot an einschlägig kundigen Kollegen und/oder das Schrumpfen der Quote psychotherapeutisch tätiger Ärzte gegenüber psychologischen Psychotherapeuten beklagt.

Tatsächlich taucht in letzter Zeit in den berufspolitischen Veröffentlichungen, wenn auch eher unter „Vermischtes“, Besorgnis über das Schwinden ärztlicher Psychotherapie auf. Schade nur, dass die real existierende Ärzteschaft in den 30 Jahren meiner psychosomatischen Arbeit nicht nur nichts getan hat, um solcher Entwicklung entgegenzuwirken, sondern zum Teil aktiv alles getan hat, um die entsprechenden Kollegen auszugrenzen: Eine altvordere Position beansprucht, dass ein approbierter Arzt quasi als Generalist selbstverständlich auch in problematischen Seelenzuständen kundig sei.

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Fortschreitende Differenzierung der Seelenheilkunde wird nicht als überfällige Bereicherung für das diagnostische wie therapeutische Spektrum gewürdigt. Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe: Der bewusste ist die Furcht vor zusätzlichen Essern am (kassen-)ärztlichen Pfründetopf, unbewusst wehrt man sich gegen die Bedeutung, die nicht „naturwissenschaftlich“ erklärbaren Zusammenhängen bei Krankheitsentstehung und -aufrechterhaltung zukommt. Mit den eigenen Seelenhinter- und -untergründen will man ja selbst am liebsten nichts zu tun haben. (Welchem dieser Gründe der einst verbissene Kampf gegen das Psychotherapeutengesetz zuzuschreiben ist, sei dahingestellt. Wahrscheinlich beiden.)

Offene und subtile Diffamierung psychotherapeutischer Kompetenz feiert weiterhin fröhliche Urständ: Ob mir Patienten von abschätzigen Stellungnahmen ihrer Haus- und Fachärzte zur Psychotherapie berichten oder ob an der Universitätsklinik, an der ich meine internistische Weiterbildung absolvierte, der Medizinpsychologische Lehrstuhl zur Abteilung eines epidemiologischen eingedampft wurde, weil die psychosomatischen Bewerber zu wenige harte Daten präsentieren könnten – allfällig zeigt sich die Stigmatisierung psychogenen Leidens auch in der eigenen Zunft. Sie verstärkt die patienteneigene Abwehr, ein „Psycherl“ zu sein: Lieber will man an einer „echten“ Krankheit leiden – und seien die angebotenen, zum Teil invasiven, organmedizinischen Angebote noch so irreführend bei der Heilssuche.

Nun sind mittlerweile psychosomatische Verstehensansätze immer unabweisbarer auch naturwissenschaftlich untermauert, wovon Psycho-Neuro-Immunologie sowie bio-psycho-soziale Forschungsergebnisse für jeden, der ausreichend guten Willens ist, beredtes Zeugnis geben. Diese belegen immer deutlicher, wie unverzichtbar im existenziellen Verständnis der conditio humana neben dem cartesianischen Ansatz der der Psychologik in der Betreuung von Kranken ist, und dass polare Unterscheidung von organisch/seelisch, Soma/Psyche obsolet ist und nur eine Hilfskonstruktion zum Zweck von (unvermeidlich zergliedernder) Forschung und Didaktik darstellt. Dann allerdings hat man „die Teile in seiner Hand, fehlt leider(!) nur das geistig Band.“ (Goethe, „Faust“)

Dieses wieder zu knüpfen, ist genuine Aufgabe der Psychosomatik mit ihrem (auch) hermeneutischen Zugang zum Krankheitsgeschehen. Sie sollte in allen Gebieten verankert sein, auch in den chirurgischen und den sogenannten kleinen Fächern, obwohl sie natürlich mittlerweile als elaborierte „Spezialität“ selbst ein Fachgebiet ist. Ein solcher systemimmanent in jedes Fach gehöriger Platz müsste sich endlich auch angemessen in der Lehre widerspiegeln: „State of the art“ ohne Psychosomatik gibt es nicht!

In vielen standespolitischen Sonntagsreden wird der „sprechenden Medizin“ Tribut gezollt – ohne echte praktische Konsequenzen. Die sogenannte psychosomatische Grundversorgung ist sowohl in der Fortbildung wie in der Praxis eher Augenwischerei und Abrechnungszubrot, taugt sie doch nur, soweit Zeit für die Begegnung mit dem Patienten bleibt. Die Kollegen aber, die „organmedizinisch“ gut ausgebildet zusätzlich (und teuer selbstfinanziert) die notwendige psychotherapeutische Qualifikation und Gesprächskompetenz haben, bekommen immer noch – auch mit der schlechtesten Honorierung aller Fachdisziplinen in der „kollegialen Hackordnung“ – oben beschriebene Missachtung zu spüren. Wen wundert es da, dass die vielbeschworene „Ganzheitlichkeit“ in paramedizinische Felder und psychosomatische Expertise zur Psychologie abwandert . . .

Dr. med. Georg Fischer, Facharzt für Innere Medizin, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

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