ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2015DKV-Gesundheitsreport: Kritisch zu hinterfragen

BRIEFE

DKV-Gesundheitsreport: Kritisch zu hinterfragen

Dtsch Arztebl 2015; 112(9): A-379 / B-327 / C-321

Kurth, Bärbel-Maria

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

. . . Aussagen zum Gesundheitsverhalten der Deutschen stoßen stets auf großes Interesse bei Ärzteschaft, Öffentlichkeit und Politik. Aus unserer Sicht sind jedoch bei dem zitierten DKV-Gesundheitsreport 2015 die Anforderungen an Repräsentativität und statistische Genauigkeit aus folgenden Gründen kritisch zu hinterfragen:

  • . . . Die Antwortquote des DKV-Gesundheitsreports liegt mit 13 Prozent sehr niedrig. Es ist nicht auszuschließen, dass dies – trotz Gewichtung – zu einer Verzerrung der Stichprobe führt.
  • . . . Es wurden 200 Interviews pro Bundesland geführt . . . Da bei dieser Fallzahl die Schätzer breite Konfidenzintervalle haben, ist fraglich, inwieweit die zwischen den Ländern berichteten Unterschiede statistisch signifikant sind . . .
  • . . . Es kann nicht beurteilt werden, ob ein Unterschied von zwei oder drei Prozentpunkten zur vorherigen Studie (Alkoholkonsum, Ernährung, Rauchen) statistisch belastbar ist . . .

Diese Limitationen sind auch bei einer Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen, wie zum Beispiel beim Trend des Rauchens . . . Nachfolgend ein Zitat aus dem Report:

. . . „So stieg die Zahl der Raucher in den vergangenen zwei Jahren von 22 auf 24 Prozent an (. . .)“. Hier fehlt eine Einordnung dieses überraschenden Befunds in den gegenwärtigen Stand der Forschung. Längerfristige Trends werden nicht berücksichtigt. Sämtliche große Bevölkerungsstudien zum Thema „Substanzkonsum“ zeigen, dass der Anteil der Raucher und Raucherinnen seit einigen Jahren rückläufig ist – besonders auch im Jugend- und jungen Erwachsenenalter . . .

Anzeige

Der DKV-Gesundheitsreport findet in Bezug auf den Gesamtindex zum Gesundheitsverhalten lediglich geringe Unterschiede zwischen den betrachteten Bildungs- und Einkommensgruppen . . .

Obwohl die Unterschiede statistisch vermutlich nicht signifikant sind . . . werden Aussagen hierzu abgeleitet, wie „Menschen mit mittlerer Reife leben im Bildungsvergleich am gesündesten . . .“.

Dies müsste kritisch diskutiert werden, da es dem Stand der gesundheitlichen Ungleichheitsforschung in Deutschland widerspricht. Die vorliegenden Studien zeigen relativ eindeutig, dass mit zunehmendem Bildungsgrad und höherem Einkommen der Anteil an Personen, die sich gesundheitsförderlich verhalten, zunimmt . . .

Wir freuen uns sehr über den Aufruf zu mehr Prävention, sind jedoch der Meinung, dass es belastbarere Studien zur Einschätzung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung gibt. Daten, wie sie das Statistische Bundesamt, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit dem Sozio-ökonomischen Panel, das Institut für Therapieforschung mit dem Epidemiologischen Suchtsurvey oder das Robert Koch-Institut mit den Studien des Gesundheitsmonitorings bereitstellen, würden Ihrem Anliegen sicherlich noch mehr Schlagkraft verleihen.

Nur als Beispiel: Für Kinder und Jugendliche, für die sich angeblich „wenig Anlass zur Hoffnung bietet“, gibt es die bereits im DÄ veröffentlichten Daten der für Deutschland repräsentativen „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS). Diese zeigen, dass zwar weniger als die Hälfte der Kinder das von der WHO empfohlene Aktivitätsniveau erreicht, aber mehr als drei Viertel der Kinder und Jugendlichen Sport treibt, der Großteil davon in einem Verein. Gibt es da nicht doch etwas Hoffnung?

Literatur bei der Verfasserin

Prof. Dr. rer. nat. Bärbel-Maria Kurth, Leiterin der
Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring,
Robert Koch-Institut, 12101 Berlin

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema