ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2015Krankenhäuser: Die Ideen der Mitarbeiter nutzen

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Krankenhäuser: Die Ideen der Mitarbeiter nutzen

Dtsch Arztebl 2015; 112(9): [2]

Hoffmann, Felix; Klein, Christian

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In vielen Branchen ist das Ideenmanagement bereits seit vielen Jahren fester Bestandteil des Innovationsprozesses, in Kliniken hingegen nur selten.

Foto: Fotolia/vege
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Die Idee ist simpel: Statt aufwendiger Technik verwendet Volkswagen seit einiger Zeit Disconebel, um Undichtigkeiten bei Neuwagen aufzuspüren. Das neue Verfahren ist im Vergleich zur alten Methode mit Ultraschall und Sprühnebel schneller, sensitiver und wesentlich kostengünstiger. Dass das neue Verfahren von einem Mitarbeiter vorgeschlagen wurde, ist in der Automobilbranche nichts Ungewöhnliches. In der globalisierten Automobilindustrie spielen Innovationen nicht nur produktseitig, sondern aufgrund des steigenden Kostendrucks auch prozessseitig eine entscheidende Rolle für den Erfolg des Unternehmens. Effektive und effiziente Prozesse ermöglichen es, nachhaltig einen nicht substituierbaren Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Bereits seit Jahren ist das Ideenmanagement daher fester Bestandteil des Innovationsprozesses der Automobilkonzerne (1).

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Das Ideenmanagement hat sich in den 1990er Jahren entwickelt und ist definiert als Optimierungssystem, welches das Ideenpotenzial aller Mitarbeiter nutzen will, um die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens zu stärken. Innerhalb des Ideenmanagements werden das innerbetriebliche Vorschlagswesen und der kontinuierliche Verbesserungsprozess unterschieden (24):

  • Das innerbetriebliche Vorschlagswesen ist die spontane Ideenfindung durch Mitarbeiter und bereits seit Jahrzehnten bekannt. Entscheidend sind hierbei die Vorschläge der Mitarbeiter. Aufgrund ihrer täglichen Arbeit können sie Verbesserungspotenziale am besten entdecken. Dabei muss es nicht immer der große geniale Wurf sein, der radikale Änderungen initiiert, auch kleine Optimierungen von Prozessen und Strukturen oder Abläufen können positive Auswirkungen haben. Im Fall einer Kosteneinsparung erhält der Mitarbeiter eine anteilige Prämie. Ein betriebliches Vorschlagswesen erfordert eine Unternehmenskultur, welche offen für Veränderungen ist (5).
  • Der kontinuierliche Verbesserungsprozess (KVP) steht für eine Unternehmenskultur, welche offen für Veränderungen und Verbesserungen sein muss und die systematische und stetige Verbesserung der Qualität fordert und fördert. KVP ist ein Grundprinzip des Qualitätsmanagements (5).

In der Industrie wird seit Jahren auf die Ideen und Innovationskraft der Mitarbeiter gesetzt, die Ideen werden in der Regel durch monetäre Prämien honoriert. Dabei kamen im Jahr 2012 je nach Idee Spitzensummen von bis zu 171 000 Euro zustande. Im Durchschnitt lag die Prämie 2012 bei 640 Euro pro Idee (6). Jede Prämie steht dabei für ein Vielfaches an Einsparung für das Unternehmen. In den letzten Jahren hat in der Industrie auch die Honorierung von Ideen zugenommen, die keinen direkten Einfluss auf die Produktion haben, jedoch die Arbeitssicherheit steigern oder die Zusammenarbeit verbessern. Beispielsweise werden Gabelstapler mit Beleuchtungsanlagen ausgestattet, die etwa drei Meter vor dem Fahrzeug einen hellen Lichtfleck auf den Boden werfen und somit vor allem bei Kurvenfahrten entgegenkommende Mitarbeiter warnen. Die gezahlten Anerkennungsprämien berechnen sich hier nicht aus dem Einsparungspotenzial, sondern nach Staffelsätzen.

Im Gesundheitssektor sieht die Realität deutlich anders aus. In einigen Kliniken existiert zwar bereits ein betriebliches Vorschlagswesen, und in seltenen Fällen haben Kliniken sogar ein Ideenmanagement etabliert, in den meisten deutschen Krankenhäusern fristet das Ideenmanagement heute jedoch noch ein Schattendasein. Das sollte sich ändern, denn neben der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Krankenhauses sichert das Ideenmanagement die Qualität der erbrachten Leistungen und setzt durch bessere Motivation der Arbeitskräfte Leistungsreserven frei. Mitarbeiterbezogene Ziele des Ideenmanagements sind Steigerung der Identifikation mit dem Unternehmen aufgrund größerer Möglichkeiten der eigenverantwortlichen Mitgestaltung, eine Verbesserung der innerbetrieblichen Zusammenarbeit und Kommunikation sowie eine Einkommenssteigerung durch Prämienzahlungen (3).

Bevor ein Ideenmanagement etabliert werden kann, müssen einige Voraussetzungen geschaffen werden. Sehr wichtig ist die Unterstützung durch die Unternehmensleitung, welche eine Vorbildfunktion für alle untergeordneten Hierarchieebenen einnimmt. Lippenbekenntnisse oder die schlichte Duldung des Ideenmanagements als eigenständigen Managementbereich können zum Scheitern führen. In vielen Fällen ist ein Umdenken des Managements erforderlich, um die Ideen der Mitarbeiter nicht als Bedrohung der eigenen Existenz zu betrachten, sondern als Chance für das Unternehmen. Zu Beginn muss ebenfalls geklärt werden, welche personellen und finanziellen Ressourcen zur Verfügung stehen. Weitere Erfolgsfaktoren für die Etablierung eines Ideenmanagements sind die Einbindung in die Corporate Identity und die Führungsleitlinien und die Schulung der Mitarbeiter zur Optimierung des Ideenmanagements (3).

Nachdem die Voraussetzungen geschaffen wurden, kann das Ideenmanagement im Rahmen eines Projektes etabliert werden. Die Struktur des Ideenmanagements sollte möglichst simpel sein, um den Mitarbeitern eine möglichst große Transparenz zu bieten. In der Regel sind am Ideenmanagement mindestens folgende Organe beteiligt: Der Mitarbeiter als ideenbringendes Organ reicht die Idee beim Ideenmanager ein. Dieser ist die zentrale Koordinationsstelle des Ideenmanagements und betreut den gesamten Prozess von der Ideenfindung bis zur Umsetzung und Evaluation. Bevor die Idee umgesetzt wird, wird sie von einem oder mehreren Gutachtern hinsichtlich Umsetzbarkeit, finanzieller Ersparnis und Beeinflussung der Qualität bewertet. Dies kann im einfachsten Fall der Leiter der Zielabteilung sein, in komplizierten Fällen kann dies auch durch ein extra dafür gebildetes Gremium geschehen. Nach Abschluss der Begutachtung erhält der Mitarbeiter eine Antwort und gegebenenfalls eine Gratifikation, welche von verschiedenen Faktoren wie der Kostenersparnis, der Kreativität oder dem Ausarbeitungsgrad der Idee abhängen kann. Es hat sich bewährt, dass auch Ideen, welche keine Kostenersparnis bringen oder nicht umgesetzt werden können, mit einer symbolischen (Sach-)Prämie zu belohnen. Schließlich wird die Idee umgesetzt und nach einer zeitlichen Latenz evaluiert. Ziel der Evaluation ist sowohl die Quantifizierung des tatsächlichen Nutzens der einzelnen Idee als auch die Erfassung von Benchmarks des gesamten Ideenmanagements (3).

Die Mitarbeiter benötigen Zugangsmöglichkeiten zum Ideenmanagement, um ihre Ideen ohne großen Aufwand einreichen zu können. Hierzu sind entsprechende Softwarelösungen verfügbar, für Mitarbeiter ohne Zugang zu einem Computer sollte eine Papierversion als Alternative vorhanden sein (5).

Die langfristige Etablierung eines Ideenmanagements erfordert neben Mitarbeitern, die die Aufgabe des Ideenmanagers übernehmen, auch ein innerbetriebliches Marketing. In der Anfangsphase wird die Belegschaft durch eine Marketingkampagne über das Ideenmanagement informiert und zum Mitmachen motiviert. Ist das Ideenmanagement etabliert, können die Marketingaktionen regelmäßig wiederholt werden, um den Ideenfluss aufrechtzuhalten (3).

Das Instrument des Ideenmanagement wird in der Industrie bereits seit Jahren erfolgreich eingesetzt, um das enorme Wissen der Mitarbeiter für das Unternehmen nutzbar zu machen. In Krankenhäusern führt das Ideenmanagement heute noch ein Schattendasein. Mittelfristig dürfte es aber auch für Krankenhäuser attraktiv sein, sich durch die Etablierung eines Ideenmanagements einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Die Einführung eines Ideenmanagements erfordert eine Unternehmenskultur der kontinuierlichen Verbesserung. Besonders das Management muss diese Kultur vorleben, um ein Scheitern zu verhindern. Ist das Ideenmanagement erst einmal etabliert, verspricht jede Idee einen Zuwachs an Qualität, die Reduktion von Kosten oder im besten Falle beides.

Dr. med. Felix Hoffmann

Christian Klein M.Sc.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0915
oder über QR-Code

1.
Volkswagen: Volkswagen Ideenmanagement 2012 mit Rekordbilanz. Wolfsburg 2013.
2.
Koblank P: Kleine Geschichte des Ideenmanagements. Eureka impulse 2014: 1–9.
3.
Kummer A, Genz HO: Betriebliches Vorschlagswesen als Ideenmanagement. Hamburg: Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege 2004.
4.
Dörr N, Müller-Prothmann T: Innovationsmanagement: Strategien, Methoden und Werkzeuge für systematische Innovationsprozesse. München: Hanser 2014.
5.
Gillies C: Ideenmanagement – Das Kapital in den Köpfen. ManagerSeminare 2003: 18–29.
6.
Knödler T: Gute Ideen bringen über eine Milliarde. Dekra 2013.
1.Volkswagen: Volkswagen Ideenmanagement 2012 mit Rekordbilanz. Wolfsburg 2013.
2.Koblank P: Kleine Geschichte des Ideenmanagements. Eureka impulse 2014: 1–9.
3.Kummer A, Genz HO: Betriebliches Vorschlagswesen als Ideenmanagement. Hamburg: Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege 2004.
4.Dörr N, Müller-Prothmann T: Innovationsmanagement: Strategien, Methoden und Werkzeuge für systematische Innovationsprozesse. München: Hanser 2014.
5.Gillies C: Ideenmanagement – Das Kapital in den Köpfen. ManagerSeminare 2003: 18–29.
6.Knödler T: Gute Ideen bringen über eine Milliarde. Dekra 2013.

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Reinhard Schumacher
am Dienstag, 3. März 2015, 12:38

Die Ideen der Mitarbeiter nutzen

Warum wird die Anschrift oder die "affiliation" der Autoren nicht genannt. Kann man die erfahren?
MfG
Reinhard Schumacher

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