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Komisch, wie neunmalkluge Kolleginnen und Kollegen oder ihre Standesvertreter/innen sich immer dann erfreut äußern, wenn sie ein psychisches Befinden entdeckt haben, das angeblich keine Psychotherapie erfordert. Hurra, hurra! Mich erinnert das an Äußerungen zu emotionalen Problemen in meiner Kinderzeit wie „Stell Dich nicht so an!“ oder „Gelobt sei, was hart macht!“ oder „Beiß die Zähne zusammen!“ und vieles mehr. Erst aus derartigem, vormals nazistischem Milieu heraus hat ja die Psychotherapie allmählich ihre Krankheitslehre unter „Absenkung der Schwelle zum psychisch Kranksein“ durchgesetzt. Und sieht sich immer wieder mit Rückfällen aus der offenbar „guten, alten Zeit“ konfrontiert.

Zur Trauer: Natürlich ist Trauer per se keine Krankheit, wer wollte das bestreiten. Trauer kann aber ein Symptom sein – möglicherweise wie Kopfschmerzen, die man ja auch nicht „automatisch“ von allgemeinmedizinischer Abklärung ausschließen würde. So was wird offenbar immer nur bei der Psychotherapie versucht – siehe oben. Trauer als Symptom kann aber nach aller menschlicher, ärztlicher oder psychotherapeutischer Erfahrung krank machen. Trauer und Verlust sind oft überaus destabilisierende Lebensereignisse, die dann behandelt werden sollten und sei es „stützend und begleitend“. Trauer liegt nahe bei depressiven oder sogar suizidalen Seelenzuständen. Es gibt die bedrohliche und nachhaltige „pathologische Trauer“. Trauer ruft Krisen hervor oder kann frühe unbewältigte Konflikte als Auslöser mobilisieren. Dieses Wissen erfordert ohne Zweifel die „Absenkung der Schwelle zum psychischen Kranksein“, die der Kollege Voß unter missverständlicher Zeugenschaft bekannter Psychiater oder Psychotherapeuten (Richter, Dörner) beklagt. Trauer erfordert immer Hilfe, familiäre, freundschaftliche und manchmal eben auch ärztliche beziehungsweise psychotherapeutische. Warum also diese merkwürdige Glosse, bei der mir jedenfalls das Lachen im Halse stecken bleibt?

Dr. med. Karl-Rüdiger Hagelberg, 20148 Hamburg

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