ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2015Zusatznutzen Neuer Arzneimittel: Viele Ärzte haben ein Wissensdefizit

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Zusatznutzen Neuer Arzneimittel: Viele Ärzte haben ein Wissensdefizit

Dtsch Arztebl 2015; 112(9): A-358 / B-307 / C-303

Osterloh, Falk

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Seit über vier Jahren beurteilt der Gemeinsame Bundes­aus­schuss den Nutzen neuer Arzneimittel. Bis Ende 2013 wurde dabei nur der Hälfte dieser Medikamente ein Zusatznutzen zugesprochen. Dennoch verordnen viele Ärzte auch die Arzneimittel, die keinen Zusatznutzen haben.

Mit dem Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG) sollten, kurz gesagt, die guten von den schlechten Arzneimitteln unterschieden werden. Am Ende eines aufwendigen Verfahrens bewertet der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) seither den Zusatznutzen neuer Medikamente. Das Ziel des Gesetzes war es zum einen, der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung die Zahlung überhöhter Preise für Scheininnovationen zu ersparen. Mit dem AMNOG sollte aber auch die Qualität der Arzneimittelversorgung verbessert werden. Denn Arzneimittel ohne Zusatznutzen, so die Hoffnung, würden von den Ärzten dann weniger verordnet.

Bewertung ohne Einfluss

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Dieses Ziel, so zeigt der neue AMNOG-Report der DAK, konnte bislang nicht erreicht werden. Für den Report hat die Universität Bielefeld im Auftrag der DAK die 58 neuen Wirkstoffe analysiert, für die der G-BA bis zum 31. Dezember 2013 eine frühe Nutzenbewertung vorgenommen hat. Ergebnis: Ob ein Arzneimittel einen Zusatznutzen hat oder nicht, hat auf das Verordnungsverhalten der Ärzte gar keinen Einfluss. So stieg das Verordnungsvolumen im Jahr nach der G-BA-Bewertung bei Arzneimitteln ohne Zusatznutzen im Durchschnitt um etwa 19 Prozent. Um beinahe denselben Wert stieg das Verordnungsvolumen von Arzneimitteln mit einem geringen Zusatznutzen. Medikamente mit einem beträchtlichen Zusatznutzen legten hingegen nur um etwa 14 Prozent zu (siehe Grafik). Der Umsatz des Wirkstoffs Fampridin, der vom G-BA keinen Zusatznutzen erhalten hatte, verzehnfachte sich sogar in den beiden Jahren nach der frühen Nutzenbewertung.

Durchschnittlicher Anstieg des Verordnungsvolu- mens innerhalb eines Jahres im Anschluss an den G-BA-Beschluss bei DAK-Versicherten
Durchschnittlicher Anstieg des Verordnungsvolu- mens innerhalb eines Jahres im Anschluss an den G-BA-Beschluss bei DAK-Versicherten
Grafik
Durchschnittlicher Anstieg des Verordnungsvolu- mens innerhalb eines Jahres im Anschluss an den G-BA-Beschluss bei DAK-Versicherten

Der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) nennt Gründe dafür: „In Deutschland dominiert weiterhin das Pharmamarketing“, sagte Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig bei der Präsentation des AMNOG-Reports Mitte Januar in Berlin. Das Monopol der Arzneimittelhersteller auf die Vermittlung von Informationen über neue Arzneimittel habe durch das AMNOG nicht beseitigt werden können. „Jede Woche bekomme ich von Pharmafirmen zwei bis drei Zeitschriften, in denen sogenannte Experten Ergebnisse von klinischen Studien aufbereiten. Das geht häufig nicht konform mit den Ergebnissen der Nutzenbewertung“, kritisierte Ludwig.

Auch von Pharmafirmen bezahlte Fortbildungen verhinderten, dass die Informationen aus der frühen Nutzenbewertung die Ärzte erreichten. „Wir müssen uns stärker um eine unabhängige Fortbildung kümmern“, forderte Ludwig. „Es kann nicht sein, dass wir für Veranstaltungen Fortbildungspunkte vergeben, von denen wir wissen, dass sie eigentlich Marketingveranstaltungen der Industrie sind.“

Appell an die Ärzte

Ludwig appellierte an die Ärzte, keine neuen Arzneimittel zu verordnen, die keinen Zusatznutzen erhalten haben: „Diese Medikamente wurden häufig nur an wenigen Patienten geprüft, und es gibt keine langfristigen Studien über sie.“ Die Wirkungsweise von Standardmedikamenten sei hingegen gut bekannt.

Ludwig forderte die Einrichtung eines Runden Tisches, an dem alle zusammenkommen sollten, die ein Interesse an der Vermittlung unabhängiger Arzneimittelinformationen hätten. Dort müsse man versuchen, die Informationsflüsse zu zentralisieren, damit die Erkenntnisse aus dem AMNOG-Verfahren auch bei den Ärzten ankämen.

Prof. Dr. rer. pol. Wolfgang Greiner, einer der Autoren des Reports, wies zudem darauf hin, dass Arzneimittel mit einem deutlichen Zusatznutzen bei den Preisverhandlungen nicht automatisch einen hohen Erstattungsbetrag erzielten. „Die bislang vereinbarten Erstattungsbeträge weisen in Relation zum Zusatznutzen eine deutliche Varianz auf. Eine Abhängigkeit vom Zusatznutzenausmaß kann dabei zunächst nicht beobachtet werden“, heißt es dazu im Report.

Falk Osterloh

Durchschnittlicher Anstieg des Verordnungsvolu- mens innerhalb eines Jahres im Anschluss an den G-BA-Beschluss bei DAK-Versicherten
Durchschnittlicher Anstieg des Verordnungsvolu- mens innerhalb eines Jahres im Anschluss an den G-BA-Beschluss bei DAK-Versicherten
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Durchschnittlicher Anstieg des Verordnungsvolu- mens innerhalb eines Jahres im Anschluss an den G-BA-Beschluss bei DAK-Versicherten

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