ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2015Kasuistik: Die Patientin entscheidet
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Die Fragestellung dieser Kasuistik lautet, ob die Beendigung der Transfusionsbehandlung zu diesem Zeitpunkt im Krankheitsverlauf medizinisch und ethisch vertretbar ist. Ich teile hier nicht die Meinung der Kollegen, die Behandlung zu diesem Zeitpunkt abzubrechen.

Laut Fallvorstellung war die Patientin 73 Jahre alt, zwar in reduziertem Allgemeinzustand bei fortgeschrittenem Tumorleiden, jedoch „wohnungsmobil“, familiär gut eingebunden und gut schmerzeingestellt. Sie war in die SAPV eingebunden, wo bisher eine gute Symptomkontrolle erfolgte. Die einzige Schwierigkeit war der „hohe logistische Aufwand“ für immer häufiger notwendige Bluttransfusionen . . .

Palliativmedizin bedeutet Symptomkontrolle und Linderung von Leiden bei Patienten mit einer nicht heilbaren, progredienten und weit fortgeschrittenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung mit dem Hauptziel der subjektiv guten Lebensqualität. Und genau darum geht es in diesem Fall. So, wie es sich hier liest, war die einzige Einschränkung der Lebensqualität der Patientin die Vorbereitung und Durchführung der Transfusionen (Fahrten zum Hausarzt für die Kreuzblutabnahme und anschließend zum Onkologen zur Durchführung der Transfusion).

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Alle bisherigen Symptome waren gut kontrolliert, so dass die Patientin, eingeschränkt mobil, ein, auf ihrem gesundheitlichem Niveau stabiles und gutes Leben im Kreise der Familie führen konnte.

Fraglich ist, ob der „hohe logistische Aufwand“ für die Bluttransfusionen eine Minderung der Lebensqualität für die Patientin oder eher für ihr Umfeld (Ärzte, Familie) darstellte. Man hat den Eindruck, dass durch den Verzicht auf die Transfusionsbehandlung das Umfeld der Patientin entlastet wurde. Oder waren die Fahrten quälend für die Patientin? . . .

Auch die Tatsache, dass bei weiterer Lebensverlängerung ein Tumorprogress und damit verbundene Komplikationen auftreten könnten, sind keine Begründung, ein Leben, das aktuell bis auf die zunehmende Transfusionspflichtigkeit gut symptomkontrolliert wird, durch Verzicht auf weitere Transfusionsbehandlungen frühzeitig zu beenden . . .

Erst wenn die Patientin selbst ihr Leben nicht mehr für lebenswert hält, ist eine Begrenzung medizinischer Maßnahmen gerechtfertigt. Was lebenswert ist, kann keine andere Person außer der Patientin selbst entscheiden (vorausgesetzt, sie ist einwilligungsfähig). Somit muss die Patientin über die aktuelle Situation wie auch alle möglichen zumutbaren medizinischen Optionen einschließlich ihrer Nebenwirkungen aufgeklärt werden, um dann nur für sich, ohne Rücksicht auf äußere Umstände (zum Beispiel die der behandelnden Ärzte), entscheiden zu können, welche Maßnahmen sie wünscht beziehungsweise ablehnt.

In diesem Falle stehen für mich als Außenstehender drei positive Aspekte der Lebensqualität der Patientin (in Häuslichkeit versorgt beziehungsweise familiär gut eingebunden, teilweise mobil/selbstständig, bis auf Blutungen gut symptomatisch geführt unter anderem schmerzfrei bis auf gelegentliche Bedarfsmedikation) einem negativen Aspekt (hoher logistischer und zunehmender Aufwand für das Umfeld der Patientin für die Bluttransfusionsbehandlungen) gegenüber. Ich frage mich, ob dies die Begrenzung medizinischer Maßnahmen (mit frühzeitiger Todesfolge) rechtfertigte?

Yvonne Sommerfeld, Fachärztin für Strahlentherapie und Radioonkologie, 16225 Eberswalde

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Avatar #612077
EEBO
am Samstag, 14. März 2015, 17:56

Widerspruch

Mal wieder muß ich A.D. widersprechen: Selbstverständlich gilt es, den Willen des Patienten zu achten, aber im vorliegenden Fall gibt es, wie im obigen Leserbreif überzeugend ausgeführt, gute Gründe, die entsprechende Entscheidung der behandelnden Ärzte zu hinterfragen. Im Gegensatz zu A.D. sehe ich aber auch die Tätigkeit des FA für Palliativmedizin - wie auch die Tätigkeit aller anderen Ärzte - darin gegründet, dem Patienten die Alternativen zur Nicht-Behandlung aufzuzeigen, und ich kann kein ethisches Problem darin erkennen, wenn der Patient am Ende eines solchen Gesprächs von einer Fortführung der Therapie überzeugt worden ist.
Klar auch, daß am Ende der Patient mit der Entscheidung leben und sterben muß und nicht daß Behandler-Team. Trotzdem, wie A.D. die emotionalen, moralischen und auch religiösen Konflikte, die für jeden einzelnen entstehen können, wegwischt, verursacht mir Unbehagen. Es sind die Mitglieder in der SAPV eben keine Sachwalter des Todes, die nur Medikamente und irgendwaann den Selbstmordaocktail herausreichen und dabei kalt bis ans Herz hinan bleiben.

So leidenschaftlich A.D. hier immer wieder argumentiert, so praxisfern und kühl ist es doch. Es sei ihm (zum erneuten Male) dringend die Hospitation bei einem SAPV-Team nahegelegt, um deren Arbeit, Sorgen, Nöte, aber auch befriedigende Tätigkeit und Freudenmomente zu begreifen.
Avatar #87252
advokatus diaboli
am Freitag, 27. Februar 2015, 19:15

Patientenwille achten!

Mit Verlaub: Entscheidend ist allein der Patientenwille und nach der Fallschilderung ist davon auszugehen, dass dieser Wille auch frei verantwortlich getroffen wurde. Insofern ist die Therapiebegrenzung rechtlich geboten und demzufolge erforderlich! Einen "Ermessensspielraum" besteht hier nicht und es ist dringend davor zu warnen - wie in dem anderen Leserbrief angedeutet - in "therapeutischen Gesprächen" auf die Entscheidung der Patientin moderat einwirken zu wollen. Dies erinnert mich daran, dass unlängst ein Palliativmediziner meinte, den Todeswillen in einen Lebenswillen abändern zu wollen.

Auch Palliativmediziner haben die selbstbestimmte Entscheidung der Patienten zu respektieren, so wie eben auch die Verwandten!

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