ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2015Dr. med. Horst Schuster, Fachreferent Qualitätssicherung, Chirurg, Maler und humanitärer Helfer: „Dank einer Operation ändert sich das Leben der Patienten fundamental“

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Dr. med. Horst Schuster, Fachreferent Qualitätssicherung, Chirurg, Maler und humanitärer Helfer: „Dank einer Operation ändert sich das Leben der Patienten fundamental“

Dtsch Arztebl 2015; 112(9): A-368 / B-316 / C-311

Korzilius, Heike

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Vor fünf Jahren tauschte Horst Schuster den OP gegen einen Bürostuhl. Einen Teil seines Urlaubs opfert er seither, um in Südamerika bedürftige Patienten zu operieren und wieder Arzt zu sein.

Die Leidenschaft für die Malerei war für Horst Schuster mit ein Grund, von der Klinik in die Verwaltung zu wechseln. Die geregelten Arbeitszeiten dort lassen ihm mehr Zeit für die Kunst. Fotos: Georg J. Lopata
Die Leidenschaft für die Malerei war für Horst Schuster mit ein Grund, von der Klinik in die Verwaltung zu wechseln. Die geregelten Arbeitszeiten dort lassen ihm mehr Zeit für die Kunst. Fotos: Georg J. Lopata

An diesem sonnigen Mittwochnachmittag sitzt Dr. med. Horst Schuster in seinem Büro in der Berliner Reinhardtstraße. Der Fachreferent in der Abteilung Medizin beim GKV-Spitzenverband ist sonst häufig außer Haus, „drüben“ beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss, wo Ärzte und Krankenkassen über Qualitätsvorgaben für Praxen und Krankenhäuser beraten. Dann verhandelt der Verwalter Schuster.

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Im Büro anwesend ist aber auch der Künstler Schuster. Über dem Schreibtisch hängen drei seiner großformatigen Bilder in kräftigen Farben. Sie sind Teil einer Serie, die Motive brasilianischer Geldscheine aufgreift. Das erste Bild zeigt einen Reiher, der sich hoch über einer Favella in Rio in den Seilen von Kinderdrachen verfangen hat. Auf dem zweiten hat sich eine Horde Aras am Strand von Ipanema auf das Gepäck von Touristen gestürzt, und auf dem dritten Bild thront ein Goldmähnenlöwenaffe vor dem Hintergrund der Weltkulturerbe-Stadt Urupreto auf einem Barockkissen, mit dem er sich vor den Scherben einer damit bewehrten Mauer schützt. „Es gibt auf meinen Bildern immer irgendwas, das verhindert, das es kitschig wird“, sagt Schuster. „Es gibt immer eine mitkomponierte Dissonanz.“

Die Malerei ist dem gelernten plastischen Chirurgen wichtig, so wichtig, dass er unter anderem dafür vor fünf Jahren den OP gegen einen Bürostuhl getauscht hat und zunächst zum Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung und danach zum GKV-Spitzenverband wechselte. „Ich habe schon vor der Medizin immer gemalt. Das ging aber mit steigender Verantwortung nicht mehr“, erklärt Schuster. Nach einer 60- bis 70-Stunden-Woche als Klinikarzt könne man nicht mehr kreativ sein und neue Ideen entwickeln. „Das hat mich belastet, weil es mir gefehlt hat.“

Einsatz in Paraguay

Jetzt hat Schuster mehr Zeit für die Kunst; er hat geregelte Arbeitszeiten, ohne Dienste, ohne Wochenendarbeit. „Meine Bilder sind besser geworden“, sagt er. „Aber ich kann nicht sagen, dass das der Stein des Weisen ist. Jetzt fehlt mir das Operieren. Man kann eben nicht alles haben.“ Um die Verbindung zur klinischen Tätigkeit zu erhalten, engagiert sich der Chirurg seit seinem Wechsel zu den Kassen für die Hilfsorganisation Interplast, die seit 1980 in Entwicklungsländern bedürftige Patienten plastisch-chirurgischen Eingriffen unterzieht. Nachdem der Südamerika-Fan aufgrund seiner guten Spanischkenntnisse zunächst in die Organisation der Berliner Gruppe von Interplast eingebunden war, hat er inzwischen seinen zweiten Hilfseinsatz vor Ort in Paraguay absolviert.

Ciudad del Este gibt ein kontrastreiches Zerrbild Paraguays. Wir fahren am Morgen gegen acht Uhr im Bus vom Hotel in der City zur Klinik und abends irgendwann zischen acht und zehn Uhr zurück. Auf dem Weg sehen wir die kaputten Straßen, den chaotischen Verkehr, die unglaublich vielen, irrsinnig riskant und schutzlos rasenden Motorradfahrer, die slum-ähnlichen Vororte, die Obstmärkte am Straßenrand, die Slums am Busbahnhof.

Hilfe zur Selbsthilfe leisten

So beschreibt Schuster seine Eindrücke vom letzten Aufenthalt. Einsatzort des zwölfköpfigen Teams aus Berlin ist das staatliche Krankenhaus Presidente Franco in Ciudad del Este, im Dreiländereck zwischen Argentinien, Brasilien und Paraguay. Ein Narkosegerät gibt es dort erst, seit vor fünf Jahren die Einsätze von Interplast begannen. Ein Röntgengerät fehlt immer noch, wie auch sonst vieles, was man für eine gute medizinische Basisversorgung braucht. Viele Menschen, die im Presidente Franco Hilfe suchen, sind nicht krankenversichert. Der Zugang zum gut ausgestatteten privaten Gesundheitssektor ist für die meisten, insbesondere aber für die indigene Bevölkerung unerschwinglich.

Das Team von Interplast operiert während seiner zweiwöchigen Einsätze vorwiegend Kinder mit Spaltenfehlbildungen im Gesicht und Patienten mit Verbrennungskontrakturen. Dabei, so Schuster, stünden wichtige funktionelle Aspekte im Vordergrund. Aber das Operationsergebnis sollte auch ästhetisch ansprechend sein, um Patienten von „stigmatisierenden Entstellungen zu befreien“. Das Team operiert 60 bis 80 Patienten, die zum Teil von Kollegen in Paraguay vorselektiert oder in den täglich stattfindenden Sprechstunden während des Einsatzes herausgefiltert werden. Ziel ist es außerdem, die Kolleginnen und Kollegen vor Ort fortzubilden, „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu leisten, wie Schuster es formuliert. „Das heißt, es ist immer mindestens ein einheimischer Arzt bei den Operationen dabei, um zu lernen und zu assistieren.“ Das sei auch eine Voraussetzung dafür, dass diese später bei den Patienten die Nachsorge übernehmen könnten. Die Krankenschwestern würden ebenfalls von den Pflegekräften aus Deutschland angeleitet.

Für Kontinuität in der Behandlung der Patienten sorgt auch der Allgemeinchirurg Carlos Wattiez, der wie die meisten Ärzte in Paraguay in eigener Praxis und zusätzlich als Belegarzt in einem Krankenhaus arbeitet, das versicherte Patienten und Selbstzahler behandelt. Für die Interplast-Patienten übernimmt er unentgeltlich die Nachsorge. Finanziert wird der Einsatz über private Spenden. Aber auch die Deutsch-Paraguayische Handelskammer mit ihrem Vorsitzenden, dem deutschen Honorarkonsul in Paraguay, Karsten Friedrichsen, unterstützt das Interplast-Projekt nach Kräften.

An einigen Abenden lernen wir die andere Seite von Ciudad del Este kennen: wenn uns unsere Unterstützer vor Ort in den Country Club einladen. „El Club“ ist eine Stadt in der Stadt, mit Mauern und Stacheldraht bewährt. Hier wohnen die reicheren Leute, die sich vor der Armut und Kriminalität ringsumher schützen wollen. [. . .] Gerade diese Abende hinterlassen einen schalen Nachgeschmack: Ich frage mich, ob dieses Land, in dem ganz offensichtlich genügend Geld vorhanden wäre, um zumindest eine basale Gesundheitsversorgung für alle aufzubauen, unsere Hilfe wirklich braucht. Man kann auf den ersten Blick an der Sinnhaftigkeit unseres Projekts zweifeln.

Kein Sinn für Gerechtigkeit

„Paraguay ist nicht die Dritte Welt, wie man sie sich vorstellt“, kommentiert Schuster seine Eindrücke. Der Anschein habe aber nichts mit dem Bedarf und der Versorgungsrealität zu tun. „Die ist in Paraguay ganz sicher dritteweltmäßig.“ Die Situation in dem südamerikanischen Land sei sehr komplex und lasse sich nicht schwarz-weiß malen. Sicher, wenn man das Geld, das vorhanden sei, anders verteilte, würde es vielleicht allen besser gehen. Das setze aber einen funktionierenden Staat voraus mit demokratischen Strukturen und einem Sinn für soziale Gerechtigkeit. Der gehe aber vielfach im alltäglichen Rassismus unter: „Es ist niemand zu motivieren, Gerechtigkeit herzustellen, wenn die Akzeptanz des ärmeren Menschen als ebenbürtig fehlt“, sagt Schuster.

Was wir in dieses Land bringen, ist die Idee, dass reiche Leute armen helfen, und dass Indios auch Menschen sind, denen man helfen sollte. Ich bin nicht sicher, ob diese Botschaft ankommt. Vielleicht ist es auch vermessen, das zu erwarten. Albert Camus hatte über „Helfer“ keine sonderlich gute Meinung . . .

„Dementsprechend fährt auch von uns keiner aus reinem Altruismus nach Paraguay“, sagt Schuster. Einen persönlichen Gewinn habe jeder davon. „Meiner ist, dass ich wieder Kontakt zum Klinischen habe und dass ich mich in diesen zwei Wochen Urlaub auch tatsächlich wieder als Arzt fühlen kann.“ Und trotz der Zweifel stünden am Ende jedes Einsatzes 60 Patienten, deren Leben sich dank einer Operation fundamental verändert habe.

Heike Korzilius

Zur person

Dr. med. Horst Schuster (42) ist Facharzt für Plastische Chirurgie. Nach Jahren im Krankenhaus wechselte er vor fünf Jahren zunächst zum Medizinischen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung und dann als Fachreferent zum GKV-Spitzenverband. Um die Verbindung zur Chirurgie zu erhalten, engagiert sich der Südamerika-Fan für die Hilfsorganisation Interplast (www.interplast-germany.de). Deren Berliner Sektion unterhält ein Projekt in Paraguay, wo vorwiegend Kinder mit Spaltenfehlbildungen im Gesicht und Patienten mit Verbrennungskontrakturen operiert werden.

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