SUPPLEMENT: Perspektiven der Pneumologie & Allergologie

Anaphylaxie-Register: Fundgrube für die Praxis

Dtsch Arztebl 2015; 112(9): [9]

Worm, Margitta

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Wespen- und Bienengift, Hülsenfrüchte, tierisches Eiweiß sowie Schmerzmittel sind die häufigsten Auslöser einer Anaphylaxie. Auffallend ist, dass die Gabe von Adrenalin zu selten erfolgt, obwohl es gemäß der Leitlinien ab Schweregrad 2 empfohlen wird.

Foto: AMI Images SPL Agentur Focus
Foto: AMI Images SPL Agentur Focus

Eine Anaphylaxie ist eine plötzlich auftretende systemische Reaktion, die ein oder mehrere Organsysteme betreffen kann und potenziell lebensbedrohlich ist (1). Die verschiedenen Schweregrade einer Anaphylaxie sind in Tabelle 1 dargestellt.

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Schweregradskala der anaphylaktischen Reaktion
Tabelle 1
Schweregradskala der anaphylaktischen Reaktion

Das am häufigsten betroffene Organsystem bei einer Anaphylaxie sind Haut und Schleimhaut, wo sich eine generalisierte Urtikaria und/oder Angioödeme manifestieren können. Bei schweren Reaktionen sind auch der Respirationstrakt und/oder das kardiovaskuläre System beroffen – mit Symptomen wie inspiratorischer Stridor, Dyspnoe beziehungsweise Tachykardie bis zum Bewusstseinsverlust und Schock. Symptome des Gastrointestinaltraktes treten vor allem bei durch Nahrungsmittelausgelösten Anaphylaxien auf und äußern sich beispielsweise als Übelkeit, Erbrechen und/oder Durchfall.

Mögliche Differenzialdiagnosen der Anaphylaxie umfassen andere kardiovaskuläre, endokrinologische, metabolische, psychogene oder Atemwegserkrankungen sowie pharmakologisch toxische Effekte, die durch Medikamente ausgelöst werden.

Daten aus dem Anaphylaxie-Register zeigen, dass die häufigsten Auslöser einer Anaphylaxie sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen Insektengifte, Nahrungsmittel und Medikamente sind. Dementsprechend sollten bei Patienten, die eine Anaphylaxie erlitten haben, diese Auslöser vornehmlich in der Diagnostik berücksichtigt werden. Unter den Nahrungsmitteln sind die häufigsten Auslöser Erdnuss, Haselnuss, Weizen, Kuhmilch, Hühnerei, Soja, Sellerie sowie Krusten- und Schalentiere (2). Hierbei ist zu berücksichtigen, dass bestimmte Auslöser im Kindesalter besonders häufig vorkommen, wie beispielsweise Hühnerei und Kuhmilch, während Auslöser wie Weizen, Sellerie sowie Krusten- und Schalentiere besonders im Erwachsenenalter häufige Auslöser schwerer allergischer Reaktionen sind (2). Auch Medikamente können schwere allergische Reaktionen verursachen – vor allem im Erwachsenenalter. Besonders häufig wird eine medikamenteninduzierte Anaphylaxie durch nicht-steroidale Schmerzmittel und Antibiotika ausgelöst.

Zielgerichtete Diagnostik

Das Wissen um mögliche Auslöser einer Anaphylaxie spielt sowohl für die Anamnese als auch für die Durchführung einer zielgerichteten Diagnostik eine wesentliche Rolle. Spezifische IgE-Bestimmungen können von jedem Arzt im Rahmen der Diagnostik durchgeführt werden und sollten sich an der Anamnese sowie den oben genannten häufigsten Auslösern primär orientieren.

Die Bestimmung der Tryptase einer Protease, die von Mastzellen freigesetzt wird, kann sinnvoll sein, um das Vorliegen einer systemischen Mastozytose als zugrundeliegende Erkrankung auszuschließen (3). Die Bestimmung der Tryptase spielt insbesondere bei Erwachsenen, die eine schwere anaphylaktische Reaktion erlitten haben, und besonders häufig bei der Insektengiftallergie eine wichtige Rolle.

Die spezielle allergologische Diagnostik sowie Hauttestungen sollten durch einen allergologisch erfahrenen Arzt oder Ärztin beziehungsweise Allergologen durchgeführt werden, da das Auftreten systemischer Reaktionen zum Beispiel im Rahmen einer Prick-Testung vorkommen kann.

Kofaktoren, Therapie, Notfallset

Das Auftreten und/oder der Schweregrad einer Anaphylaxie kann durch das Vorhandensein bestimmter Kofaktoren beeinflusst werden (Tabelle 2). Hierzu gehören bestimmte Vorerkrankungen des Patienten, wie eine Mastozytose oder ein instabiles Asthma, Medikamente wie ACE-Hemmer, Betablocker oder NSAID. Auch Lebensstilfaktoren, wie körperliche Aktivität oder Alkohol sollten als mögliche Kofaktoren einer Anaphylaxie berücksichtigt werden (4).

Ko- und Risikofaktoren der Anaphylaxie
Tabelle 2
Ko- und Risikofaktoren der Anaphylaxie

Die Bedeutung der Kofaktoren liegt darin, dass Patienten unterschiedlich stark oder sogar nur bei Vorliegen der Kofaktoren auf den entsprechenden Auslöser reagieren.

Patienten, die eine schwere allergische Reaktion erlitten haben, sollten ein sogenanntes Notfallset verordnet bekommen (Tabelle 3). Dieses enthält einen Adrenalin-Autinjektor (Kinder unter 30 kg 0,15μg/kg und Erwachsene über 30 kg 300 μg Adrenalin) (5). Zusätzlich ist die Verordnung eines Antihistaminikums sowie eines Kortikosteroids sinnvoll, Dabei ist zu berücksichtigen, dass Antihistaminika primär die Hautsymptome therapieren und Kortiko-steroide vor allem die Entstehung von Spätreaktionen beeinflussten. Beide Medikamente sind jedoch nicht kreislauf- und bronchialwirksam, um eine schwere anaphylaktische Reaktion effizient zu behandeln.

Zusammensetzung Notfallset
Tabelle 3
Zusammensetzung Notfallset

Darüber hinaus sollten Patienten über mögliche Symptome und das therapeutische Vorgehen im Eigenmanagement aufgeklärt und idealerweise mit einem Notfallplan ausgestattet werden.

Die Daten aus dem Anaphylaxie-Register zeigen, dass der Einsatz von Adrenalin deutlich unterpräsentiert ist und nicht leitliniengerecht erfolgt (6). Eine Ursache ist das enge therapeutische Fenster des Wirkstoffes. Jedoch ist die intramuskuläre Einmalgabe von 150, 300 und auch 500 µg in der Regel (und bei Kindern und Erwachsenen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen) als sicher einzustufen. Die i.v.-Gabe sollte idealerweise unter ärztlicher Überwachung und von Kollegen gegeben werden, die im Umgang mit dem Medikament vertraut sind.

Univ.-Prof. Dr. med. Margitta Worm

Allergie-Centrum-Charité – Universitätsmedizin Berlin,
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie

Interessenkonflikt: Beraterhonorare von ALK-Abello, Allergopharma, Bencard, Hal Allergy, Meda Pharma, Novartis und Thermo Fisher Scientific. Vortragshonorare von Allergopharma, ALK-Abello und Meda Pharma. Studienunterstützung (Drittmittel) von ALK-Abello und Meda Pharma.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0915

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Schweregradskala der anaphylaktischen Reaktion
Tabelle 1
Schweregradskala der anaphylaktischen Reaktion
Ko- und Risikofaktoren der Anaphylaxie
Tabelle 2
Ko- und Risikofaktoren der Anaphylaxie
Zusammensetzung Notfallset
Tabelle 3
Zusammensetzung Notfallset
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